Corona

„Es ist ein Desaster“

von Julia Schmitz 31. März 2020

Weil sie aufgrund des Corona-Virus schließen mussten, bangen zahlreiche Unternehmer*innen um ihre Existenz. Vier Beispiele aus Prenzlauer Berg.


„Wir können unsere Mitarbeiter nicht beschäftigen, Miete, Betriebskosten – wie das später alles bezahlt werden soll, ist uns schleierhaft“, sagen Dom und Sebastian, die das Café Kohlenquelle in der Kopenhagener Straße betreiben. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die „Koppe“ zu einem beliebten Treffpunkt im Gleimkiez entwickelt, die erzwungene Schließung aufgrund des Corona-Virus trifft sie hart.

Zwar hätten sie Rücklagen, doch die seien eigentlich schon nach einem Monat aufgebraucht; auch das Kurzarbeitergeld – welches außerdem für viele nicht ausreiche – müsse erst von ihnen vorgestreckt werden. „Insofern sehen wir  kohlrabenschwarz“, sagen die Unternehmer, noch nie in der Geschichte des Cafés habe man derartig rechnen müssen.

„Die Aufbauzeit Anfang 2000 war auch anstrengend, aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Damals hat man ein paar Parties gemacht und es war wieder etwas Geld zum Leben da“, so Dom. Jetzt haben sie eine Crowdfunding-Aktion gestartet, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Den Humor hat man in der Kohlenquelle trotzdem nicht verloren: Die ungeplante Pause nutzen sie einfach, um endlich den Fußboden zu renovieren und die Fenster zu putzen.

 

Keine finanziellen Puffer

Problematisch wird es auch für Judith Finsterbusch. Sie betreibt seit elf Jahren „wertvoll“ in der Marienburger Straße, einen Laden für nachhaltige Mode. Sie habe immer „bewusst, ohne Kredite und Profitgedanken gewirtschaftet“, erzählt sie, die fairen Margen in der nachhaltigen Branche hätten aber leider dazu geführt, dass sie über die Jahre keine finanziellen Puffer ansammeln konnte. Ihre Mitarbeiter*innen musste sie in die Kurzarbeit entlassen und steht jetzt vor weiteren Problemen: Die gesamte, erst kürzlich ausgelieferte Ware kann sie nicht verkaufen, auch die Kollektionen für den Herbst und Winter seien schon bestellt.

„Bei einer Stornierung gerät die gesamte Kette an Produzenten, Kleinunternehmern, Designern etc. in Schieflage, denn wir wissen nicht, ob wir überhaupt noch in der Lage sind, die Ware zum Herbst abzunehmen.“ Es sei ein Desaster, schreibt sie. Noch hat sie keine Förderung beantragt, ein Kredit würde für sie eine weitere Verschuldung bedeuten – vorerst setzt sie deshalb auf den Verkauf in ihrem Online-Shop, auch eine Abholung der Ware vor Ort ist nach Absprache möglich.

 

Corona

Viele Cafés und Geschäfte müssen aktuell geschlossen bleiben und geraten dadurch in finanzielle Not / Foto: Julia Schmitz

 

„Wir nähen jetzt Mundschutz“

Eigentlich verkauft Christiane Krüger in ihrem Ladengeschäft Madame Jordan auf der Pappelallee Tragetücher und Kinderkleidung. Seit der Schließung nähen sie und ihre Mitarbeiter*innen Mundschutz, unter anderem für die vielen Hebammen in Prenzlauer Berg. „Mit dem Mundschutz schaffen wir es, ungefähr fünfzig Prozent der Einnahmen zu halten“, erzählt sie, „aber auch das wird nicht ewig so bleiben“.

Einige Mitarbeiter*innen musste sie bereits entlassen, andere versucht sie zu halten und nicht in Kurzarbeit zu schicken. Viele von ihnen seien alleinerziehend und auf das Geld angewiesen, so Krüger. Sie selbst käme dank privater Rücklagen ungefähr zwei Monate über die Runden, ein Kredit sei aber auch für sie keine Option. Einen Lichtblick gibt es jedoch: Weil das Ladengeschäft Teil einer Genossenschaft ist, müsse sie sich um die Miete erstmal keine Sorgen machen.

 

Spielbetrieb auf Eis

„Wir wissen einfach nicht, wann es weitergeht und können nichts planen – das ist momentan unsere größte Herausforderung“, sagt Anne Brammen vom Ballhaus Ost in der Pappelallee. Bis zum Jahresende hatten sie den Spielplan fertig, nun weiß keiner, wann die nächste Probe oder Aufführung stattfinden kann. Weil das Theater selbst vom Berliner Senat gefördert wird und alle Stücke durch Drittmittel finanziert werden, sind die Gehälter für die acht Angestellten erst einmal sicher. Aber die Künstler*innen, so Brammen, würden pro Probe oder Aufführung bezahlt und wüssten teilweise nicht, wovon sie jetzt leben sollen.

Anders als viele größere Häuser in Berlin wagt sich das Theater vorerst nur eingeschränkt in die virtuelle Welt: Am vergangenen Wochenende zeigten Schauspieler*innen von Zuhause aus Ausschnitte aus dem Stück „Beim Anblick des Urknalls“, das eigentlich am 26. März Premiere gefeiert hätte und sich um freiwillige Einsamkeit dreht. Bietet die Isolation denn auch Möglichkeiten, neue Theaterstücke zu entwickeln? Nein, sagt Brammen: „Für viele Künstler*innen geht es jetzt um die Sicherung ihrer Existenz; unter diesen Umständen kann man nicht kreativ denken“.

 

Wie ihr lokale Unternehmen unterstützen könnt, haben wir für euch in diesem Text gesammelt.

Foto oben: Julia Schmitz

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2 Kommentare

Konstanze 31. März 2020 at 16:01

Würde mich gern am crowdfunding für die Kohlenquelle beteiligen aber der link funktioniert (zumindest bei mir) Nicht. Könnt ihr den bitte nochmal checken?

Antworten
Julia Schmitz 31. März 2020 at 16:03

Liebe Konstanze, bei mir funktioniert der Link: https://www.gofundme.com/f/save-the-koppe

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