Hart an der Grenze

von Julia Schmitz 13. September 2023

Wer jemanden im Gleimviertel besuchen wollte, brauchte jahrelang eine Sondererlaubnis: Zu DDR-Zeiten lag der Kiez im Grenzgebiet der Mauer. Heute beschäftigen ihn ganz andere Themen.


Nein, wirklich schön ist er nicht mehr. Doch die gusseisernen Säulen mit den verschnörkelten Kapitellen, die das Dach des Gleimtunnels stützen, machen auch fast 120 Jahre nach der Fertigstellung etwas her. Dass sie nicht durchgerostet sind wie die Säulen in den Schöneberger Yorckbrücken, welche die BVG in den 1980er Jahren durch Stahlstützen ersetzen ließ, liegt unter anderem an der politischen Vergangenheit Berlins: Von 1961 bis 1989 war der Gleimtunnel weder für Autos noch für Fußgänger*innen passierbar, denn er befand sich im Grenzgebiet der Berliner Mauer – auf der anderen Seite des 130 Meter langen Bauwerks liegt bereits der Wedding, der damals zu Westberlin gehörte.

Wer im Gleimkiez wohnte, lebte – ähnlich wie im benachbarten Skandinavischen Viertel – in einer Sackgasse. Entlang der Berliner Nordbahn und durch den heutigen Mauerpark patrouillierten die bewaffneten Grenzbeamten. Wollte man Besuch empfangen, musste dieser Wochen im Voraus einen „Passierschein zum vorübergehenden Aufenthalt in der Sperrzone“ beantragen, ein spontanes Vorbeischauen bei Freund*innen war nicht möglich.

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Schwedter Straße und Gleimstraße am Mauerpark, Ende einer Fahrraddemo mit Baumpflanzung am 01.04.1990 / Foto: Gerd Danigel

 

Auch wenn sich vermutlich niemand im Gleimkiez die DDR zurückwünscht: Eine Sackgasse würden wohl einige befürworten. Ein paar Jahre nach dem Mauerfall – im Oktober 1993, um genau zu sein – waren alle Mauerreste an Tunnel und Falkplatz abgerissen und die Unterführung wieder vollständig für den Autoverkehr geöffnet.

Bis Starkregen sie 2016 dermaßen unter Wasser setzte, dass die am Rand geparkten Autos ineinander schwammen; der Tunnel musste für mehr als ein halbes Jahr gesperrt werden. Drei Jahre später verhinderten Bauarbeiten die Durchfahrt ein weiteres Mal für eine Weile. „Man glaubt gar nicht, was das für einen Unterschied gemacht hat. Es ist echt eine andere Welt auf der Gleimstraße, wenn hier nicht tausende Autos durchheizen“, sagt Sören Bergmann von der Initiative „Gleimviertel für Alle“.

 

Mehr Platz für den Plausch

Mit seinen Mitstreiter*innen setzt Bergmann sich dafür ein, den Kiez „schöner“ zu machen: Zum Beispiel mit mehr Freiflächen, auf denen sich Nachbar*innen zusammensetzen können. Seit Jahren fordert die Initiative, dass der Sonnenburger Platz an der Kopenhagener Straße mit Sitzgelegenheiten und Pflanzen – und vor allem ohne Autos – attraktiv gemacht wird. Im Zuge des Ersatzneubaus der Schönfließer Brücke, die in Zukunft mehr Platz für Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen bieten solle, rückt das in greifbare Nähe.

Auf die Umwidmung der Gleimstraße zur Fahrradstraße müssen Radfahrende aber vermutlich noch länger warten. Ursprünglich war gedacht, diese im Zuge mit der Umwidmung der Stargarder Straße umzuwandeln. Bereits 2018 hatten die Bezirksverordneten einen Antrag verabschiedet, dass sich das Bezirksamt für die Entlassung der Gleimstraße aus dem übergeordneten Straßennetz einsetzen solle; dies ist nötig für die Einrichtung einer Fahrradstraße. Erst im Sommer 2022 wurde den Lokalpolitiker*innen klar: Das Bezirksamt war diesen Schritt noch gar nicht gegangen. Unter der neuen Verkehrssenatorin Manja Schreiner (CDU), die als eine ihrer ersten Amtshandlungen erstmal alle Radverkehrsprojekte zur „Priorisierung“ auf Eis legte, ist das Vorhaben vermutlich in weite Ferne gerückt.

Colosseum

Foto: Julia Schmitz

 

Und dann ist da noch das Sorgenkind Colosseum. Was wird aus dem traditionsreichen Lichtspielhaus an der Gleimstraße, Ecke Schönhauser Allee? Als die Inhaber im Sommer 2020 bekannt gaben, dass das Kino aus wirtschaftlichen Gründen schließen müsse, war die Empörung im Kiez groß. Im Rahmen mehrerer Kundgebungen zogen Hunderte Anwohner*innen durch Prenzlauer Berg; die ehemaligen Mitarbeiter*innen gaben sich kämpferisch und gründeten eine Genossenschaft, um das Haus zu retten.

Wie ein Damoklesschwert hingen über all dem die Pläne eines Investors, hier ein mehrstöckiges Bürogebäude zu bauen – der ehemalige Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) hatte bei der Bewilligung des Bauvorbescheids verschlafen, die Hausnummer zu prüfen. Seit Anfang September flimmern im Colosseum tatsächlich wieder die Leinwände, der neue Betreiber will das geschichtsträchtige Gebäude laut eigenen Worten nach und nach zu einem „Kreativitäts-Hub“ machen.

 

Abriss statt Sanierung

Kreativ waren auch die Architekturbüros, die ihre Vorschläge für den Neubau des Jahnstadions zum Wettbewerb eingereicht hatten. Eine Ausschreibung, die in Prenzlauer Berg nicht weniger umstritten ist: Braucht es wirklich einen Neubau, kann man das bestehende Stadion – mit seinen ikonischen, bunten Plastiksitzreihen – nicht sanieren? Doch die Senatsverwaltung hielt an ihren Plänen fest. Immerhin sollen die „identitätsstiftenden Elemente“ im Neubau aufgegriffen werden.

„Ein paar bunte Sitzschalen an der Wand des neuen Foyers sind allenfalls zynisch, aber kein Beitrag zu Klimaschutz, Ressourcenschonung, Baukultur und Bürgerbeteiligung“, kritisierte die Bürgerinitiative Jahnsportpark. Warum ein Stadion mit 20.000 Sitzen abgerissen werde, um an gleicher Stelle ein neues Stadion mit 20.000 Sitzen zu bauen, erschließe sich ihnen nicht.

Längst liegt der Gleimkiez nicht mehr im Schatten der Mauer. Politische Fronten durchziehen ihn trotzdem noch immer.

 

Dies ist ein Text aus unserer Serie „Kiezgeschichten“. Hier gelangt ihr zu den bisher erschienenen Texten über das Mühlenviertel, den Humannkiez, das Skandinavische Viertel, das Blumenviertel und den Winskiez.

Titelbild: Der Gleimtunnel wurde 1905 eröffnet / Foto: Julia Schmitz

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