Berlin

Von Nachwendekindern und Niemandsländern

von Julia Schmitz 1. Oktober 2019

Wie war es in Berlin nach dem Mauerfall, wie wird heutzutage mit dem Thema DDR umgegangen? Fünf Neuerscheinungen aus Belletristik und Sachbuch beschäftigen sich mit den Umbrüchen nach 1989. Wir haben sie gelesen.


Dies ist ein Text aus unserer Reihe
„Mauerfall revisited“


 

Der Herbst ist seit jeher die Jahreszeit, in denen der Buchmarkt mit Neuerscheinungen überschwemmt wird. Nicht wenige greifen dabei in diesem Jahr das Thema 30 Jahre Mauerfall auf: Sie analysieren den heutigen Umgang mit der DDR oder werfen einen teilweise nostalgischen Blick zurück auf die Zeit kurz nach der Wende, in denen alles möglich schien.

Prenzlauer Berg – der immer wieder den Hauptschauplatz in Romanen bildet – spielt dabei oft eine wichtige Rolle.  Um euch die Orientierung in dieser literarischen Saison zu erleichtern, haben wir fünf Romane und Sachbücher ausgewählt, die wir euch näher vorstellen möchten.

 

Berlin Matthias Friedrich Mücke
Niemandsland. Erinnerungen an eine Kindheit
Kunstanstifter, 2019

Gebunden, mit zahlreichen Illustrationen, 208 Seiten, 24,- Euro

Eine Kindheit in einem Land, das es nicht mehr gibt: Matthias Friedrich Mücke wurde 1965 in Ostberlin geboren und wuchs in Pankow auf. Seine Erinnerungen reichen von Versteckspielen im Kohlenkeller über „tote Oma“ genanntes Schulessen bis hin zu heiß begehrten Mitbringseln der Großtante aus dem Westen: Wer träumte nicht davon, einen echten Pelikano-Füllfederhalter zu besitzen, anstatt eines „Heiko“, der „sozialistischen Antwort“?

Mit seinem besten Freund Frank erkundet er die Hinterhöfe und verfallenen Industriegelände seines Kiezes, bricht in eine Zigarettenfabrik ein und knackt die „Zahlbox des Vertrauens“ in der Straßenbahn – und über allem weht der strenge Duft des Sozialismus. Niemandsland ist eine Zeitreise in eine Stadt, die es so nicht mehr gibt und gleichzeitig eine Ode an die unbändige Phantasie Heranwachsender. Garniert sind die kurzen Episoden mit schwarz-weiß Illustrationen von Mücke selbst, die den Alltag in der DDR und eine Kindheit zwischen Fahnenappell und Fassbrause zum Leben erwecken.

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Berlin Johannes Nichelmann
Nachwendekinder. Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen
Ullstein fünf, 2019
Gebunden, 272 Seiten, 20,- Euro

Johannes Nichelmann, preisgekrönter Radio-Journalist, wurde wenige Monate vor dem Fall der Mauer geboren. Von der DDR hat er nichts mitbekommen – und doch fühlt er als „Nachwendekind“ eine Leerstelle in Bezug auf seine Herkunft. Um herauszufinden, ob es anderen ähnlich geht, befragt er Frauen und Männern seiner Generation: Definieren sie sich als Deutsche oder als Ostdeutsche – oder weder noch? Welche Bedeutung hat das Land, in dem ihre Eltern aufgewachsen sind, heute noch für sie, was wissen sie über deren Leben in der DDR?

Nichelmann schafft es behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen, Themen zur Sprache zu bringen, über die Viele am liebsten weiter schweigen würden – und hilft so der Nachwendegeneration, familiäre Verhältnisse zu klären und Verständnis zu entwickeln, ohne die Schattenseiten der Diktatur schönzureden. Dabei schreckt er nicht davor zurück, mit sich selbst und seinen Eltern ins Gericht zu gehen, weil er weiß: Wenn wir jetzt nicht darüber reden, ist es bald womöglich zu spät. Ein starkes Buch, nicht nur für Nachwendekinder!

 

Berlin Isabel Fargo Cole
Das Gift der Biene
Edition Nautilus, 2019

Gebunden, 224 Seiten, 20,- Euro

Mit dem Fall der Mauer wurde Berlin – insbesondere der Osten der Stadt – zu einer riesigen Spielwiese für Abenteurer, Hedonisten und Künstler*innen jeglicher Coleur. Freiräume gab es zuhauf und gekostet hat das Leben auch nicht viel. Die Faszination von Christina, der Erzählerin aus Isabel Fargo Coles neuem Roman Das Gift der Biene, geht aber bereits auf die Vorwendezeit zurück: 1986 hatte die Amerikanerin im Rahmen eines Schüleraustausches ein halbes Jahr in West-Berlin verbracht, Jahre später zieht sie erneut nach Deutschland.

Zunächst landet sie in Prenzlauer Berg, dann aber in einem ehemals besetzten Haus in Mitte: Hier lebt eine wilde Mischung unterschiedlichster Menschen, fast alle sind sie in der DDR aufgewachsen. Abend für Abend trifft man sich im Salon in der baufälligen Remise, um über Sozialismus und Kapitalismus zu diskutieren, Weltanschauungen aneinander zu reiben und Kunstaktionen auszudenken. Was gestern war, scheint vergangen und ist doch noch sehr präsent in den Köpfen, was morgen passiert – wer weiß das schon?

Isabel Fargo Cole, selbst US-Amerikanerin, lebt wie ihre Hauptfigur seit Mitte der 1990er Jahre in Berlin; Ihre Charaktere,  das war bereits in ihrem Roman Die grüne Grenze auszumachen, sind stets zerrissen – mal zwischen zwei Systemen, mal zwischen Traum und Realität. Das Gift der Biene ist ein sehr ruhiger, stellenweise leider etwas zäher Roman, der tief in die gesellschaftlichen Strukturen der unmittelbaren Nachwendezeit eintaucht und ein Berlin beschreibt, das es so längst nicht mehr gibt.

 

Berlin

Gregor Sander
Alles richtig gemacht
Penguin Verlag, 2019. Gebunden, 240 Seiten, 20,- Euro

Haben die Protagonisten in Gregor Sanders neuem Roman „alles richtig gemacht“? Darüber lässt sich streiten: Thomas, fünfzig Jahre alt und mittelmäßig erfolgreicher Anwalt, lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in einem umgebauten ehemaligen Botschaftsgebäude der DDR in Pankow – eigentlich. Kürzlich ist Stephanie mit den Kindern ausgezogen, ohne dass er weiß, warum. Während er noch darüber nachdenkt, steht plötzlich Daniel vor ihm. Jahrelang hatten sie sich nicht gesehen, nachdem sie ihre Jugend im Rostock zu DDR-Zeiten und die wilde Nachwendezeit in Berlin wie Geschwister verbracht hatten – bis es zum Bruch kam.

Nun werden angenehme bis unangenehme Erinnerungen an die Phase des Ausprobierens, an die WG auf der Schönhauser Allee und an die verschiedenen Frauen im Leben der beiden Männer wach. Gregor Sander stellt erneut unter Beweis, dass er ein Meister im plastischen Beschreiben zwischenmenschlicher Beziehungen ist und schafft es gleichzeitig, das Lebensgefühl einer Generation zwischen Aufbruchseuphorie und Angst darzustellen.

 

Berlin

Christiane Neudecker
Der Gott der Stadt
Luchterhand Verlag, 2019
Gebunden, 672 Seiten, 24 Euro

1995, mitten in Prenzlauer Berg: Katharina Nachtrab hat einen der begehrten Studienplätze an der berühmten Schauspielschule „Erwin Piscator“ bekommen, deren Proberäume sich im Wasserturm befinden. Zusammen mit den anderen Studenten bekommt sie die Aufgabe, ein rätselhaftes Faust-Fragment des Dichters Georg Heym zu inszenieren; Dieser war 1912 beim Schlittschuhfahren auf der Havel ertrunken.

Eingebettet in das winterliche Prenzlauer Berg der Nachwendezeit, in dem es nach Kohleofen riecht und die Wunde der ehemals zweigeteilten Stadt noch offen klafft, geraten die fünf Erstsemester in einen Strudel aus Macht, Verrat und Exzess. Am Ende gibt es einen Toten. Christiane Neudecker gelingt mit Der Gott der Stadt nicht nur ein von der ersten bis zur letzten Seite spannender „literarischer pageturner“, sondern auch eine feinfühlige Darstellung der verworrenen gesellschaftlichen Verhältnisse nach dem großen politischen Umbruch fünf Jahre zuvor.

 

Noch mehr Literatur aus, über und in Prenzlauer Berg findest du hier!

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