Senefelder 21

Der Helmholtzplatz sieht schwarz

von Julia Schmitz 4. Februar 2022

Mieter*innen in der Dunckerstraße befürchten, dass ihnen ein Neubau mit tiefschwarzem Dach jedes Licht nehmen wird. Wer entscheidet eigentlich, wie Häuser aussehen dürfen?


Natürlich, die letzten Jahre waren purer Luxus. Wer kommt schon in den Genuss einer sonnendurchfluteten Wohnung, obwohl man im Seitenflügel oder Hinterhaus wohnt? Die Mieter*innen in der Dunckerstraße 17 und 18 wissen ihr Privileg zu schätzen. Bald jedoch werden diese Zeiten vorbei sein, denn der Grund für das viele Licht in den Wohnungen ist eine Baulücke in der Senefelder Straße 21 – und die wird demnächst geschlossen.

Hier entsteht das „Helmhouse“, mit 19 Eigentumswohnungen in Vorderhaus und Gartenhaus, dazu kommen zwei Townhouses auf dem Dach. Für knapp 1,9 Millionen Euro kann man eine dieser Dachgeschosswohnungen mit immerhin drei Zimmern erwerben, inklusive weitläufiger Terrasse. Nicht im Blick haben werden die zukünftigen Bewohner*innen dabei das Schrägdach aus Blech, das auf den Bildern der Immobilienfirma in einem sehr tiefen Grau, fast schon Schwarz gehalten ist. Doch Nachbar*innen gegenüber schon.

Es ist diese dunkle Farbe, die Reinhard Richter richtiggehend auf die Palme bringen kann. „Ja, in Prenzlauer Berg werden dringend Wohnungen benötigt, es muss gebaut werden. Mir ist es auch egal, wer später in diese teuren Wohnungen einzieht, da habe ich keinen Sozialneid. Aber es gibt keinen Grund, das Dach schwarz zu machen, außer, dass es vermeintlich schick aussieht“, sagt er.

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„Wie in der Mietskaserne“

Weil der Neubau nur die wenigen Meter, die in der Berliner Bauordnung vorgeschrieben sind, von den Hinterhäusern der Dunckerstraße entfernt stehen wird, fürchten Richter und seine Nachbar*innen nicht nur die vollständige Verschattung und gleichzeitige Aufhitzung durch das schwarze Dach, sondern Zustände, wie sie früher in den feuchten und dunklen Hinterhöfen der Mietskasernen herrschten. Richter kennt sich damit aus, er ist selbst in einer Hinterhofwohnung aufgewachsen. Und er fühlt sich als Anwohner übergangen.

Anfragen an das Wohnungsbauamt, das Bezirksamt und die Senatsverwaltung haben bisher nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Denn der Teufel scheint hier im sprachlichen Detail zu liegen: Richter spricht immer wieder von einer Wand, die sich steil über drei Etagen zieht und mit ihrer schwarzen Farbe jegliches Licht schlucken würde. Beantragt worden sei aber keine Wand in „nahezu schwarzer Farbgebung“, so Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke), sondern „ein dreigeschossiges, steil geneigtes Schrägdach in Blechdeckung“. Und schwarze Dächer, anders als schwarze Wände, sind auch in Prenzlauer Berg weder ungewöhnlich noch bedürfen sie einer Sondergenehmigung. „Bauliche Anlagen müssen nach Form, […] Werkstoff und Farbe so gestaltet sein, dass sie nicht verunstaltet wirken“, heißt es in der Berliner Bauordnung lediglich.

Aber wer entscheidet eigentlich, wie Neubauten aussehen dürfen und ob sie sich in die Umgebung einfügen, wie es die Bauordnung verlangt? Ein Rundgang durch Prenzlauer Berg zu jüngeren Bauprojekten oder Beispielen enthusiastischer Farbwahl bei der Fassadengestaltung lässt vermuten, dass sich auch in diesem Fall über Geschmack streiten lässt. „Das ‚letzte Wort‘ hat diesbezüglich die Bauaufsichtsbehörde. Sie ist für das Verfahren zuständig und bearbeitet und bescheidet federführend die Baugenehmigung auf Grund eines Bauantrags nebst den zugehörigen Bauvorlagen“, erklärt Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung Rona Tietje (SPD). Um einen architektonischen Entwurf als ‚verunstaltet‘ abzulehnen, müsse „ein krasses geschmackliches Unwerturteil, wie das einer das ästhetische Empfinden verletzenden Hässlichkeit“ vorliegen, so Tietje weiter. Dass ein schwarzes Dach darunter fiele, könne sie sich nur schwer vorstellen.

 

Farbe falsch dargestellt

Wir rufen im Architekturbüro an, wo das „Helmhouse“ entworfen wurde. „Der Streit hat sich vermutlich an den Bildern entzündet, die auf den Webseiten der Immobilienvermarktung zu sehen sind“, sagt Peter Bauer, Projektpartner bei Tchoban Voss. „Darauf sind die Dächer tatsächlich sehr dunkel dargestellt. Sie waren aber nie in Grau oder Schwarz geplant, sondern werden eine Farbe irgendwo zwischen Hellbronze und Champagner Metallic bekommen.“

Das Bauaufsichtsamt, erzählt er, habe sehr sensibel auf die Beschwerden der Mieter*innen reagiert und mit dem Architekturbüro Rücksprache gehalten; mittlerweile wurde der Farbton auch explizit in die Baubeschreibung aufgenommen. Die Nachbar*innen in der Dunckerstraße müssen nun also doch nicht schwarzsehen.

Titelbild: Julia Schmitz

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