Tauben

Von wegen „Ratten der Lüfte“

von Julia Schmitz 5. August 2019

Sabrina und Elisa sind überzeugt, dass auch Stadttauben ein würdevolles Leben verdient haben: Täglich versorgen sie die Vögel rund um die Schönhauser Allee Arcaden mit Wasser und Futter. Wir haben die zwei „famosen Frauen“ begleitet.


„Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau / Gehn wir Tauben vergiften im Park!“, singt Georg Kreisler beharrlich in mein Ohr, seit ich mich mit Sabrina und Elisa verabredet habe, um sie auf einer ihrer Versorgungstouren zu den Stadttauben in Prenzlauer Berg begleiten. Jeden Tag treffen sich die Beiden vor den Schönhauser Allee Arcaden, im Schlepptau kiloweise speziell auf Tauben ausgerichtetes Futter sowie literweise Wasser.

Selbstredend wollen sie die Vögel damit nicht vergiften, sondern zu ihrem Überleben beitragen: Gerade in den heißen Sommermonaten finden die Tiere oft nicht genügend Wasser oder müssen sich von Abfällen und Essenresten ernähren – Mangelernährung bzw. schlechtes Futter führt aber nicht nur zu einer erhöhten Brutrate zwecks Arterhaltung, sondern auch zu Erkrankungen, die sich auf die Artgenossen ausbreiten. Auf den Menschen übertragen sich diese übrigens nicht häufiger als bei anderen Wildtieren, erklärt mit Sabrina, dies sei mittlerweile wissenschaftlich nachgewiesen.

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Vor zweieinhalb Jahren stieg sie in die „Taubenszene“ ein, als sie eine verletzte Stadttaube aus den S-Bahn-Gleisen rettete und, nach Rücksprache mit einer Tierärztin, zuhause wieder gesund pflegte. Mittlerweile ist sie engagiertes Mitglied des Stadttaubenprojekt Berlin e.V., einem der zahlreichen Vereine in Berlin, die sich um das Wohlergehen von Wildvögeln kümmern. Auch Elisa, die erst seit einem halben Jahr dabei ist, kam über eine verletzte Taube vor ihrer Haustüre dazu.

 

Tauben

Jede Stadttaube benötigt 30-40 Gramm Futter pro Tag / Foto: Julia Schmitz

 

Tauben sind ausgewilderte Haustiere

Warum haben Stadttauben eigentlich so einen schlechten Ruf, frage ich – im Gegenteil zum Beispiel zu den hübschen weißen Tauben, die auf Hochzeiten eingesetzt werden und weitläufig als Symbol des Friedens gelten? „Stadttauben sind unscheinbar und grau, treten immer in Schwärmen auf und hinterlassen ihren Kot überall, man nennt sie ja auch die ‚Ratten der Lüfte’“, sucht Sabrina nach einer Erklärung. Dabei können die Stadttauben wenig dafür: Sie stammen von der Felsentaube ab, die hauptsächlich in der Mittelmeerregion lebt und aus der über die Jahre verschiedene Rassen von Haustauben gezüchtet wurden, unter anderem Brieftauben. Durch Aussetzen der domestizierten Vögel, oder weil sie den Weg zurück nicht mehr fanden und sich erschöpft den Stadttauben anschlossen, entstanden immer größere Schwärme.

Tauben sind somit keine Wildtiere, sondern verwilderte Haustiere – und weil sie nicht an die urbane Umgebung angepasst sind, benötigen sie Unterstützung durch den Menschen. Das wird ihnen selten gegönnt: So genannte „Spikes“ auf Gebäuden und an Bahnsteigen sollen die Vögel von der Verschmutzung abhalten, führen aber auch immer wieder zu tödlichen Unfällen, Passanten treten nach ihnen oder stellen ihnen Fallen. Auch Sabrina und Elisa müssen sich immer wieder Anfeindungen gefallen lassen: Warum sie dazu beitragen, dass sich die Plagegeister durch die Fütterung auch noch ungestört vermehren können?

 

Tauben

Tauben sind keine Wildtiere, sondern ausgewilderte Haustiere / Foto: Julia Schmitz

 

Betreute Volieren in Planung

Doch hinter der Arbeit des Stadttaubenprojekt Berlin e.V. steckt durchaus ein Konzept. Zusammen mit anderen Vereinen in Berlin und mit Unterstützung der Tierschutzbeauftragten des Berliner Senats, Diana Plange, arbeiten sie an der Finanzierung von betreuten Volieren: Umgebaute Bauwagen, in denen die Tauben eine Anflugstelle für Futter und Wasser haben und die Betreuer*innen die Eier der Vögel durch Varianten aus Gips oder Plastik ersetzen können, um die Population einzudämmen. Bis zu sechs Mal im Jahr brüten die Stadttauben nämlich Nachwuchs aus, so dass sich der Bestand der Berliner Stadttauben mit 15.000 Vögeln nur grob schätzen lässt.

 

Besser nicht eigenständig füttern

Und was kann man tun, wenn man sich für die Stadttauben einsetzen möchte? „Auf keinen Fall mit Brotresten oder ähnlichem füttern“, warnt Sabrina, das löse oft eine Verschleimung des Kropfes aus. Regelmäßig sammelt sie deshalb mit dem Verein Spenden zur Finanzierung des Taubenfutters, das sie momentan größtenteils noch aus eigener Tasche bezahlt. Sehe man aber die kleinen, von einem Stein beschwerten Plastikschalen – die unter anderem unter dem U-Bahn-Gleis und auf der Fußgängerbrücke an der Greifenhagener Straße stehen – können man diese mit Wasser auffüllen. Wer eine verletzte Taube findet, kann sich außerdem beim Stadttaubenprojekt Berlin e.V. oder – auch mit anderen verletzten Vogelarten – bei der Wildvogelhilfe melden.

Langfristig plant der Senat, zusätzlich zu den Volieren, übrigens auch eine Notauffangstation für verletzte und kranke Tiere. Bis dahin leisten Sabrina und Elisa weiterhin täglich ihre ehrenamtliche Arbeit, um unseren gefiederten Mitbewohnern ein erträgliches Leben in der Stadt zu ermöglichen.

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