Omas gegen Rechts

Keine Demo ohne Omas gegen Rechts

von Christina Heuschen 1. Juni 2021

Immer mehr Menschen radikalisieren sich: zunehmend verbreiten sie Hassnachrichten und grenzen Menschen aus. Doch die „Omas gegen Rechts“ wollen das nicht länger hinnehmen.


Einschüchtern lässt Angelika Mattke sich nicht. Auch wenn sie es dabei mit Menschen zu tun bekommt, die rechte  Positionen vertreten. Im Gegenteil: Regelmäßig nimmt sie an Demonstrationen und Mahnwachen gegen Rechts teil. Einmal hat sie sich mit vielen anderen einem Aufmarsch der rechtsextremen Partei „III. Weg“ entgegengestellt. Solche Aufmärsche müssen verhindert werden, sagt sie. Überhaupt müssten die zunehmend menschenverachtenden und rechten Positionen abgewehrt werden. Als Rentnerin habe sie genügend Zeit dafür. Mittlerweile ist sie daher ein Profi, was Demonstrationen angeht. Ihr Equipment hat sie immer mit dabei: ein großes, weißes Schild und zahlreiche Buttons. Auf allen steht in schwarzen Großbuchstaben „Omas gegen Rechts“. Denn Angelika Mattke ist eine solche Oma.
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Die Glitzer-Demo war erst der Anfang

Ursprünglich kommen die „Omas gegen Rechts“ aus Österreich. Als im November 2017 die ÖVP unter Sebastian Kurz mit der rechtsnationalen FPÖ koalierte, reagierte Monika Salzer. Die Wienerin gründete die erste Gruppe „Omas gegen Rechts“. Und der Zulauf war groß. Seit drei Jahren gibt es sie auch in Deutschland.

In Berlin fanden sich einige Omas Ende Mai 2018 bei der sogenannten Glitzer-Demonstration zusammen. Damals demonstrierten tausende Menschen gegen einen Aufmarsch der AfD. Seitdem sind die Seniorinnen Teil des zivilgesellschaftlichen Widerstandes, der sich gegen Rechtsextremismus engagiert. Und sie setzen sich für eine demokratische, freie Gesellschaft ein. Gemeinsam wollen sie auf zunehmende faschistische Tendenzen, Ausgrenzung, Rassismus und Frauenfeindlichkeit aufmerksam machen.

Tatsächlich radikalisieren sich immer mehr Menschen. Zunehmend entwickeln und verbreiten sie rassistische, antisemitische und demokratieverachtende Inhalte. „Die sprachliche Verrohung und die Abwertung von Menschen und Menschengruppen durch Hasskommentare und verächtliche Memes lassen immer häufiger auch die Hemmschwelle zur Anwendung physischer Gewalt sinken“, heißt es im Bericht des Verfassungsschutzes Berlin. So stieg laut dem Bericht die Zahl der Rechtsextremisten in Berlin 2020 auf mehr als 1430 Personen an. Davon gelten 750 Personen als gewaltorientiert. 16 Prozent von ihnen haben ihren Wohnsitz im Bezirk Pankow.

 

Omas stellen sich entgegen

„Dieses Erstarken der Neuen Rechten in diesem Land macht mir wirklich Angst. Es ist unsere Pflicht, sich dem entgegenzustellen“, sagt Marion Geisler. Sie ist von Anfang an Teil der „Omas gegen Rechts“ in Berlin. Mattke, die seit anderthalb Jahren dabei ist, stimmt dem zu. „Fakt ist auch, dass ich feststelle, dass dieses historische Gedächtnis gar nicht mehr vorhanden ist, weil die Generationen, die es miterlebt haben, jetzt wegsterben. Wir müssen es präsent halten in der Gesellschaft“, findet sie.

Ihre eigene Erfahrung motiviert sie. „Ich bin 1954 geboren. Damit gehöre ich zu der ersten Nachkriegsgeneration. Mein Leben ist sehr beeinflusst durch den Zweiten Weltkrieg, obwohl ich den gar nicht mitbekommen habe.“ Ihre Eltern seien hochgradig traumatisiert gewesen. Sie selbst habe eine schwarze Pädagogik erlebt, die bis in die 60er Jahre vorgeherrscht habe. Wie im Erziehungsbild der Nationalsozialisten seien Züchtigung und Ordnung normal gewesen. Doch genau viele dieser Einstellungen würden gerade wieder propagiert. „Wir finden es gar nicht richtig, wenn da jetzt wieder drei, vier, fünf Schritte zurückgegangen werden“, kritisiert sie.

Omas

Foto: Angelika Mattke

 

Von Demonstration bis zu Mahnwachen

Inzwischen gibt es deutschlandweit zahlreiche Omas, die sich gegen Rechts engagieren. Gemeinsam gehen sie zu Demonstrationen oder nehmen an Mahnwachen teil. Sobald sich ein Jahrestag auftut, finden Demonstrationen, sagt Mattke. Auch wenn manchmal nur eine kleine Gruppe demonstriert. Hauptsache die Omas zeigen Präsenz.

In Berlin organisieren sie sich daher auch in Stadtteilgruppen. So könnten die Omas einfacher die Bezirksverordnetenversammlungen verfolgen oder schneller auf Situationen in den einzelnen Kiezen reagieren, sagt Mattke. Sie selbst gehört zu den Omas in Prenzlauer Berg, deren Gruppe sich gerade im Aufbau befindet. Hilfe kommt ihnen da immer gelegen. Daher ist es für Mattke auch selbstverständlich, dass sie Omas in anderen Stadtteilen aushilft. Gerade erst war sie mit Geisler und anderen Omas in Lichtenberg, um dort vor dem Rathaus zu demonstrieren.

 

Gegen Rechts, pro Klima

Doch Mattke geht nicht nur demonstrieren. Denn in Prenzlauer Berg ist sie für das Thema Klima zuständig. Genau in dem Bezirk, in dem bereits 2019 der Klimanotstand ausgerufen wurde. Sie sagt, das Thema habe eine enorme Bedeutung. Denn es sei sehr eng in rechtsradikaler Politik verwoben. So verneine die AfD beispielsweise den Klimawandel. „Da wird es zu einer Pflicht, nicht nur zu sagen: Wir sind gegen Rechts, sondern wir sind auch für das Klima“, sagt Mattke.

Daher haben sich die „Omas gegen Rechts“ sich auch mit den „Omas for Future“ zusammengetan. Gemeinsam wollen sie dafür sorgen, dass die Bundestagswahlen zu Klimawahlen werden. Ihre nächsten Aktionen hat die Oma daher schon geplant. Das markante weiße Schild mit der schwarzen Schrift und die Buttons sind auch wieder dabei. Für Mattke gehören sie zum Standardoutfit.

Titelfoto: Christina Heuschen

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