Frauen

„Migration ist Trauerarbeit“

von Julia Schmitz 26. April 2021

Gestartet als Gruppe für kulturellen Austausch, wurde der Xochicuicatl e.V. in der Winsstraße über die Jahre zur wichtigsten Anlaufstelle für lateinamerikanische Frauen – und muss sich mittlerweile immer stärker mit dem Thema häusliche Gewalt auseinandersetzen.


Natürlich kommen wir um diese Frage nicht herum: Wie spricht man das eigentlich aus, Xochicuicatl? Sophia Oelsner schmunzelt und setzt zu einer Erklärung an. Das sei tatsächlich nicht so einfach, sagt die gebürtige Argentinierin; das Wort stamme aus der Nahuatl-Sprache des präkolumbianischen Mexikos und bedeute „Gesang der Blume“. „Sotschikuikatel heißt es. Aber wir kürzen das hier meistens ab und nennen uns ‚die Sotschis’“. An einem durchwachsenen Apriltag sitzen wir in einem der Räume, die der Verein seit Ende der 1990er Jahre in einem Hinterhaus in der Winsstraße nutzt, um Lateinamerikanerinnen in allen Belangen des Lebens zu beraten.

Dabei war das ursprünglich gar nicht geplant. Als sich 1992 eine Gruppe Latinas, die teilweise in den 1970er und 1980er Jahren aus politischen Gründen ihre Heimatländer Richtung Westberlin verlassen hatten, zusammenfand, stand eigentlich der kulturelle Austausch im Vordergrund. „Es war eine Art Literaturkreis und gab den Frauen die Möglichkeit, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten“, erzählt Oelsner.

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„Migration ist Trauerarbeit“

Schnell zeigte sich allerdings, dass man sich gegenseitig auch zu weiteren Themen informieren und anderen Frauen Hilfe anbieten konnte: Wie findet man sich in der deutschen Bürokratie zurecht, wer kann offizielle Dokumente übersetzen, wie kommt man an ein Visum für Verwandte? So kurz nach dem Mauerfall, sagt Oelsner, habe es kein spanischsprachiges Angebot in Ost-Berlin gegeben. Und dennoch: „Keine der Frauen, die bei der Gründung dabei waren, hat sich damals gedacht, dass es mal eine richtige Beratungsstelle werden würde, die sogar vom Senat finanziert wird.“

Mittlerweile bietet der Verein, der aus sechs Angestellten und verschiedenen ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen besteht, nicht nur Hilfe bei allen Fragen rund um die Formalitäten der Einwanderung und der Jobsuche an, sondern auch psychosoziale Beratung. „Viele Frauen merken, dass eine Auswanderung nach Deutschland doch nicht so einfach ist, wie sie gedacht haben“, erzählt Oelsner und ergänzt: „Ich bin überzeugt, dass Migration grundsätzlich Trauerarbeit ist. Man muss sich an die neue Kultur gewöhnen und fragt sich mitunter, ob man für immer hier bleiben oder irgendwann wieder zurückgehen möchte.“ Manchmal führe dieser Gedanke zu Depressionen. Weil es oftmals schwierig ist, einen Therapieplatz zu bekommen oder die Deutschkenntnisse der Frauen für eine Therapie nicht ausreichen, füllt der Xochicuicatl e.V. hier eine wichtige Lücke.

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Häusliche Gewalt fängt nicht erst bei körperlichen Übergriffen an, zeigt das „Gewalt-o-Meter“

 

Die meisten Klientinnen haben nicht aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen, sondern sind freiwillig nach Europa gekommen; etwa, weil sie sich in einen deutschen Mann verliebt haben, so Oelsner. Doch die kulturellen Unterschiede machen vielen trotzdem zu schaffen. Man versuche sie deshalb dabei zu unterstützen, ihre Heimat nicht zwanghaft abzustreifen und sich trotzdem ein Stück weit an die deutschen Gepflogenheiten anzupassen: „Das ist die Kunst der Migration. Sich selbst und seiner Kultur treu bleiben, aber wissen: Wenn man einen Termin um acht Uhr hat, kann man nicht erst um elf Uhr dort auftauchen und sich dann wundern, dass das Gegenüber schnippisch reagiert,“ sagt Oelsner mit einem Lächeln.

 

Immer mehr häusliche Gewalt

Weniger zum Lachen zumute ist ihr bei einem weiteren Bereich, der in der Vereinsarbeit immer größeren Raum einnimmt: Häusliche Gewalt. „Normalerweise haben wir ein bis zwei Fälle im Monat – seit Beginn der Pandemie sind es zwei bis drei Frauen die Woche, die anrufen.“ Wichtig sei, den Betroffenen erst einmal klar zu machen, dass häusliche Gewalt nicht immer körperlich sein muss; auch psychische Gewalt spiele eine große Rolle. „Manche erzählen, dass sie kein eigenes Geld bekommen oder der Mann jeden Abend alle Nachrichten auf ihrem Handy liest“, erzählt Oelsner.

Vor Ort liegt deshalb ein „Violentómetro“ aus, eine Art „Gewalt-o-Meter“ mit verschiedenen Abstufungen von verletzenden Witzen bis hin zu Verstümmelungen und Femizid, an der die Hilfesuchenden ihre Beziehung einstufen können. Oft würde den Frauen auch damit gedroht, dass man ihnen die Kinder wegnehme oder sie das Land verlassen müssten, dass sie als Ausländerin keine Rechte hätten. „Dass sie in solchen Fällen die Polizei rufen können und diese dann auch einschreitet, kennen viele aus ihren Heimatländern nicht“, so Oelsner. In extremen Fällen setzen sie sich mit den Frauenhäusern in Verbindung.

Auch Sophia Oelsner musste sich schon häufiger an die Polizei wenden, wenn der Verein mal wieder zur Zielscheibe aufgebrachter Ehemänner wurde: „In den letzten Jahren bekamen wir häufiger den Vorwurf, wir würden den Frauen hier den Kopf waschen oder ihnen etwas einreden. Da war ich aber immer entspannt. Mittlerweile hat sich das geändert. Es gab jetzt mehrmals Ehemänner, die sehr erbost waren. Sie sehen es nicht ein, dass sie ihre Frauen angeblich nicht – ich sag es mal vorsichtig – so gut behandelt haben sollen. Und dann drohen sie uns natürlich.“

Umso wichtiger sei ihre Arbeit bei Xochicuicatl, ist Sophia Oelsner überzeugt. Seit acht Jahren ist sie Teil des Vereins und nicht bereit, sich einschüchtern zu lassen. „Unser Ziel ist das Empowerment der Frauen“, sagt sie. Und wer könnte ihnen das besser beibringen, als sechs selbstbewusste „Sotschis“?

 

Titelbild: Julia Schmitz

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