Kältebus

Schlafsäcke, Kaffee und ein offenes Ohr

von Peter Schulz 6. März 2023

Von November bis März fährt die Stadtmission durch Berlin, um Wohnungslosen mit dem Nötigsten zu helfen oder sie in eine Notunterkunft zu bringen. Eine Nacht im „Kältebus“.


Auch wenn an diesem ersten Märztag ein paar Menschen bereits auf den Caféterrassen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen genossen haben, wird es gegen Abend wieder kalt. Die Temperatur sinkt beständig. Im Aufenthaltsraum der Berliner Stadtmission warten Pamela, 51, hauptberuflich Übersetzerin, und Matthias, 55, fest angestellt bei der Stadtmission.

Gemeinsam fahren sie heute einen der drei „Kältebusse“, werten aber noch, bevor es gleich losgeht, die vergangenen Nächte mit den anderen Mitarbeiter*innen aus. Gestern hätten diese nicht gewusst, wo sie zuerst hinfahren sollten, so viele Aufträge habe es gegeben, heißt es. Letzte Woche sei es noch schlimmer gewesen. Pamela zeigt mir , wie alle Einsätze auf dem Tablet dokumentiert werden müssen, eine Kollegin holt die großen Thermoskannen aus einem Nebenraum. Alle sind startklar.

Dann erscheinen kurz nach 20 Uhr die ersten beiden Aufträge auf dem Display. Wir übernehmen jenen in der Turmstraße in Moabit. Dort soll sich ein Mann vor einem Supermarkt befinden, der in eine Notunterkunft möchte. Als wir vor Ort sind, sitzt er betrunken auf einer Treppe, steht nach kurzem Ansprechen mithilfe von Pamela und Matthias auf und wird zum Kältebus begleitet.

Er ist 51 Jahre alt und besitzt nichts weiter als das, was er an seinem Körper trägt. Er erzählt, dass er Lungenkrebs im Endstadium hat und sich fragt: „Wieso habe ich mich heute nicht vor die U-Bahn geschmissen? Dann habe ich endlich meine Ruhe.“ Angeblich hat der Kältebus ihn gestern vergessen, und auf dem Boden will er in der Notunterkunft auch nicht schlafen, echauffiert er sich etwas. Matthias versucht ihn zu beruhigen, mit der Hoffnung, dass vielleicht noch ein freies Bett zur Verfügung steht.

 

Fünf Monate Kältesaison

So oder so ähnlich verläuft es zwischen dem 1. November und 31. März jeden Tag ab 20 Uhr. Drei Kältebusse der Berliner Stadtmission sind während der Wintermonate in ganz Berlin unterwegs, hinzu kommt ein flexibel einsetzbarer vierter Bus und eine Ambulanz. 45 Ehrenamtliche verschiedenen Alters und unterschiedlicher Berufsgruppen suchen dann täglich Wohnungslose auf den Straßen auf, helfen mit Tee, Kaffee oder Schlafsäcken oder bringen sie auf Wunsch in eine Notunterkunft. So sollen Obdachlose vor dem Kältetod bewahrt werden.

Begonnen hat alles 1994 mit einem VW-Bus. Ein wohnungsloser Mann erfror damals, weil er es nicht schaffte, einen warmen Schlafplatz aufzusuchen. Die Mitarbeiter in der City-Station, einem Restaurant mit Beratung und Seelsorge, suchten sofort nach einer Maßnahme, um weitere Kältetote zu vermeiden. Auf die Schnelle wurde ein VW-Bus organisiert und zum Kältebus gemacht. Längst sind die Busse durch neue Wagen ersetzt, das Konzept ist aber das gleiche geblieben.

Nachdem wir den 51-Jährigen in die Notunterkunft der Lehrter Straße gebracht haben, passiert zum Erstaunen von Matthias und Pamela etwa eine Stunde lang nichts. Es kommen zwar Aufträge rein, aber die anderen Kältebusse sind in der Nähe und können übernehmen. Also fährt Matthias erst einmal bekannte Plätze ab. Gegen 21 Uhr machen wir Halt Unter den Linden.

 

Die Menschen von der Straße holen

Im Abstand von 50 Metern haben sich zwei Männer niedergelassen. Der eine möchte in Ruhe gelassen werden und schlafen, der andere spricht nur Englisch, möchte einen Kaffee und weiß nicht, wo er sein nächstes Inhalationsspray bekommen kann. Beide suchen nach einer Möglichkeit und finden eine Arztpraxis am Stralauer Platz. Pamela notiert ihm Adresse und Öffnungszeiten und muss, auch wenn es kein Auftrag aus der Zentrale ist, wieder dokumentieren. Es geht weiter zu bekannten Plätzen unter der S-Bahn-Brücke in der Greifswalder Straße und zur Landsberger Allee.

Während wir durch das abendliche Berlin kurven, wundern sich beide, dass es heute eher ruhig zugeht. Dieser Abend ist unüblich. Normalerweise gibt es so viel zu tun, dass aus Zeitmangel gar nicht alle Aufträge ausgeführt werden können. In der Regel sind es 50 bis 70 Anrufe pro Nacht, davon sind 30 bis 40 konkrete Aufträge; nicht jeder Anruf wird also zu einem Auftrag, etwa wenn es kein Obdachloser ist oder der Notarzt gerufen werden muss.

Noch im Aufenthaltsraum hatte Pamela erklärt, dass die Kältebusse dafür da seien, Menschen von der Straße zu holen. Priorität haben Wohnungslose, die sich unter Brücken, vor Supermärkten oder in Parks aufhalten und es allein nicht in eine Notunterkunft schaffen. Matthias hatte sich geärgert, dass oft ein Anspruch an die Kältebusse gestellt werde, den diese nicht erfüllen könnten. Sie seien kein Fahrdienst für Krankenhäuser und auch nicht dafür da, wenn die Polizei oder die Feuerwehr ratlos sind, etwa bei psychisch kranken oder pflegebedürftigen Obdachlosen. Das sei nicht zu schaffen, zumal es vom Senat keine finanzielle Unterstützung für die Kältebusse gebe. Der größte Teil werde durch Spenden finanziert.

 

Kaffee, Schlafsäcke und ein offenes Ohr

Am Anton-Saefkow-Platz sitzt neben zwei Zelten und zwei Einkaufswagen eine Bekannte an ihrem Stammplatz. Matthias kennt ihren Namen. Kaum aus dem Kältebus ausgestiegen, ruft sie: „Hab euren Schlafsack zerschnitten. Schlimm?“ Matthias verneint, fragt nach Kaffee – „Gerne!“ – und nach etwas zu essen – „Würde ich mich freuen.“ Einen neuen Schlafsack braucht sie nicht.

Es ist nun 22 Uhr, langsam mehren sich die Aufträge. Wir fahren zum Alexanderplatz, wo eine Frau wartet und zu einer Notunterkunft gebracht werden möchte, danach geht es in die Schlesische Straße, wo ein Mann vor einem Späti abgeholt werden will. Beide sind dann aber nicht mehr anzutreffen. Das ist nicht unüblich, sagt Matthias. Einige ziehen einfach weiter und wollen nicht warten, einige machen sich dann selbst auf den Weg zu einer Unterkunft. So auch die Frau vom Alexanderplatz, wie sich später herausstellen wird.

Vom Alex werden wir zu einem Rollstuhlfahrer nach Moabit gerufen. Während wir durch die Nacht fahren, erzählt Matthias von einem Passanten, der den Kältebus gerufen hatte und vehement wollte, dass der Wohnungslose einsteigt und in eine Unterkunft gebracht wird. Er redete penetrant auf den Mann ein, er müsse doch mitfahren, es wäre doch viel zu kalt, er könne doch heute Nacht nicht auf der Straße bleiben.

 

Niemanden zwingen

Doch der Obdachlose wollte schlicht und einfach nicht. Und Pamela gibt noch zu Bedenken: Wir können niemanden einfach mitnehmen, wenn er nicht will, auch ein Obdachloser hat einen eigenen Willen. Deshalb ist es ja so wichtig, dass die betroffene Person erst einmal gefragt wird, ob sie Hilfe benötigt und in eine Notunterkunft gebracht werden möchte. Manche wollen nicht, niemand kann gezwungen werden.

Auf dem Weg zur Birkenstraße, wo der Rollstuhlfahrer wartet – Matthias fährt den einzigen Kältebus, der für Rollstuhlfahrer ausgelegt ist –, halten wir noch am Ostbahnhof. Dort sitzt in einem Schnellimbiss ein 61-Jähriger. Als er ins Auto steigt, sagt er leise, fast schon demütig, merklich erleichtert: „Vielen Dank, ja.“

Pamela fragt nach den Personalien und ob er irgendwo Hausverbot hat, führt noch ein paar Telefonate, während die Fahrt Richtung Notunterkunft geht. Zwischendurch sagt er noch einmal: „Vielen Dank, ja.“ In der Lehrter Straße angekommen, ist er verwundert, dass wir schon da sind und sagt: „Oh schön.“ Auch den Rollstuhlfahrer in der Birkenstraße finden wir schnell, er bekommt ebenfalls einen Platz in der Notunterkunft der Lehrter Straße. Es ist Mitternacht, die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt.

 

Unterwegs in ganz Berlin

Nach ungewöhnlichen 15 Minuten Wartezeit erscheint auf dem Display dann ein neuer Auftrag. Diesmal geht es ans andere Ende der Stadt nach Köpenick. Dort übernehmen Matthias und Pamela einen alt bekannten Obdachlosen von der BVG Sicherheit. Zwar wissen die Mitarbeiter, dass sie ihn eigentlich in die Bahn hätten setzen können, aber da es heute verhältnismäßig ruhig zugeht, haben die beiden Zeit, ihn in den Containerbahnhof an der Frankfurter Allee zu bringen. Er ist ein wenig verwirrt und eh nicht sehr gut zu Fuß.

Danach kommen noch ein paar Anrufe, die aber alle ohne Ansprache mit den Obdachlosen sind. Nach 43 Anrufen und 21 ausgeführten Aufträgen beenden die Beiden um 2.30 Uhr ihre Schicht. Bis Mitte März sind nachts Minusgrade und sogar Schnee vorausgesagt. Der Winter ist noch nicht vorbei.

 

 

Der Kältebus der Stadtmission ist zwischen dem 1. November und 31. März täglich zwischen 20 Uhr und 2 Uhr unter folgender Nummer erreichbar: 030 690 333 690.

Wer einen obdachlosen Menschen sieht, sollte vorher diese Hinweise beachten:

  • Sprecht den oder die Person an und stellt sicher, dass der oder die Bedürftige wirklich Hilfe annehmen möchte
  • Ist die Person gar nicht mehr ansprechbar, dann bitte nicht den Kältebus, sondern gleich einen Krankenwagen unter der 112 rufen

Titelbild: Peter Schulz

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