Sakristei

Die Zwei im Keller

von Peter Schulz 9. November 2022

Während des Zweiten Weltkrieges müssen die Juden Karl Müller und Erich Wolff untertauchen. Unabhängig voneinander werden sie im Keller der Herz-Jesu-Kirche in der Fehrbelliner Straße versteckt. Eine Geschichte von stillem Mut und Fürsorge.


Schweigen konnte vieles sein, besonders im Nationalsozialismus und der Zeit der Aufarbeitung danach, die keine war. Schweigen konnte bedeuten, Erlebtes überhaupt aushalten zu können. Schweigen konnte bedeuten, in dem Glauben zu leben, gar nicht beteiligt gewesen zu sein. Ein Geheimnis wirklich für sich behalten und mit diesem zu leben, konnte aber auch lebensrettend sein – für jene, die schwiegen, und für jene, über die geschwiegen werden musste. Horst Rothkegel war so ein Mann, der schweigen musste, um auch sich nicht zu gefährden. Und Erich Wolff der Mann, über den er schweigen musste, um ihn zu retten.

Als Horst Rothkegel, Kaplan in der Herz-Jesu-Kirche, im Oktober 1944 mit gerade mal 23 Jahren die Nachfolge von Pater Heinrich Kreutz antritt, übergibt dieser ihm nicht nur die Amtsgeschäfte, sondern, wie er sagt, eine Erbschaft im Keller: Einen Mann namens Erich Wolff. Viel später wird Rothkegel über diese Verantwortung, die ihm aufgetragen wurde, mit einem Bibelzitat sagen: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ Ihm war das große Risiko natürlich bewusst – für sich selbst, für die Kirche und besonders für Erich Wolff. Aber wer sollte es sonst tun? Man war ja eh, so Rothkegel später, durch den Krieg so gleichgültig gegenüber dem eigenen Leben geworden. Jeder Tag konnte der letzte sein.

 

Zum katholischen Glauben konvertieren

Erich Wolff wird 1894 geboren. Er besucht das Köllnische Gymnasium zu Berlin im heutigen Mitte und beginnt 1912 eine Lehre im väterlichen Geschäft. Nach kurzer Zeit als Buchhalter und Kontorist übernimmt er den Betrieb des plötzlich schwer erkrankten Vaters. 1938 erfolgt die von den Behörden angeordnete Schließung aller jüdischen Geschäfte. Somit auch jenes von Erich Wolff.

Juden

Erich Wolff wurde während der Nazizeit in der Herz-Jesu-Kirche versteckt

 

Eine Zeit der staatlich legitimierten Verfolgung und Diskriminierung beginnt, Antisemitismus und Verschleppung, Lebensgefahr und pure Existenzbedrohung sind an der Tagesordnung. Erst zu Beginn des Jahres 1942 wendet sich Erich Wolff an das Hilfswerk von Margarete Sommer, die auch Verbindungen zur Herz-Jesu-Kirche in der Fehrbelliner Straße unterhält. Sein Anliegen: Er will den katholischen Glauben annehmen. Wolff erhält nur kurz den dafür vorgesehenen Konvertitenunterricht, da seine Lehrerin erkrankt und er umziehen muss und will.

Seit 1940 wohnt Erich Wolff bei dem Ehepaar Wurm in Neukölln. Sie bemerken, dass er zum Katholizismus übertreten möchte. Die menschlichen Beziehungen verschlechtern sich zunehmend. Wolff schreibt an Margarete Sommer: „Ich bin, dass kann ich ohne Phrasen behaupten, treu und würde, wenn es sein müßte, im Keller, Boden oder auch im Freien übernachten trotz meines Beines (Jesus hat mehr gelitten), aber den Glaube behalte ich […] Bloß das alles so allein durchkämpfen zu müssen, ist so bitterlich schwer, das können Sie mir glauben, […] es ist ja kein offener Kampf, den man gegen mich führt, das macht mich so verzweiflungsvoll.“ Zunehmend gerät Wolff in zwangsneurotische Zustände.

Margarete Sommer erreicht bei der Jüdischen Wohnungsberatungsstelle, dass bei der Zwangsräumung des Ehepaars Wurm Erich Wolff nicht mitziehen muss. Das heißt auch, dass seine Deportation aufgeschoben wird. Jetzt aber muss das Hilfswerk selbst für eine neue Unterkunft sorgen. Durch Maria Gerth, die einen Zigarettenladen in der Keibelstraße 2 in Mitte besitzt und im Kiez bekannt ist als „Apostelin der Keibelritze“, da sie immer wieder Prostituierten und jüdischen Familien hilft, bekommt Wolff Ende Juli 1942 eine Unterkunft in der Keibelstraße 3. Schon am 8. August zeiht er weiter zu den Seeligs in die Linienstraße 3. Bald findet auch wieder der Religionsunterricht statt, erteilt durch Pater Heinrich Kreutz, damals Kaplan in der Herz-Jesu-Kirche.

 

Versteck im Heizungskeller der Kirche

Diesen Kaplan soll Wolff auf Bitten des Hilfswerk am Montag, den 7. September nachmittags um halb sechs aufsuchen. Dem Hilfswerk war bekannt geworden, dass Wolff am 24. September deportiert werden sollte. So wurde er fünf Tage zuvor noch von Pater Kreutz getauft, Taufpate ist Küster Robert Kaminski. Zu diesem Zeitpunkt ist Wolff schon untergetaucht. Ab wann er genau im Heizungskeller der Herz-Jesu-Kirche versteckt wird, ist nicht auszumachen. Dort hält er sich nur nachts auf. Tagsüber streunt er durch die Stadt, immer damit beschäftigt, nicht aufzufallen. In den ersten beiden Jahren geht er zweimal in der Woche zu Helene Kreutz, der Mutter von Kaplan Kreutz, die einen Seifenladen in der Wilhelmstraße 112 betreibt. Dort kann er sich waschen, Mittag essen, auf der Couch schlafen und manchmal im Laden helfen, wenn keine Kundschaft da ist.

Als Erich Wolff schon zwei Jahre im Heizungskeller lebt, wird auf der anderen Seite des Kellers, unterhalb der Sakristei, ein anderer Jude versteckt: Karl Müller. Für Horst Rothkegel, der Wolff als Erbe übernahm, bleibt es unerklärlich, als er nach dem Krieg erfährt, dass eine weitere Person dort lebensrettenden Unterschlupf fand. Es bleibt rätselhaft, dass Rothkegel keine Kenntnis davon hatte, dass seine Kollegen ebenfalls jemanden versteckt hielten. Am Ende ist es jedoch einleuchtend: Alle schwiegen. So kann sich eben auch jener Karl Müller dort, wahrscheinlich ab Oktober 1944, verstecken, ohne dass beide voneinander wissen.

Karl Müller wird 1892 in Emden geboren und heiratet 1928 Margarete Müller, eine Katholikin aus Schlesien. Ein Jahr später kommt die Tochter Berit in der Prenzlauer Allee zur Welt, 1934 werden Mutter und Tochter in die Jüdischen Gemeinde aufgenommen – nach erteiltem Unterricht. Im selben Jahr wird ein Sohn geboren. Im Oktober 1938 tritt Karl Müller jedoch aus der Jüdischen Gemeinde aus und und lässt seine Kinder in der katholischen Herz-Jesu-Kirche taufen. Noch im selben Monat heiraten beide kirchlich. Und selbst Karl Müller wird noch Ende Dezember 1938 getauft. Taufpate und Trauzeuge ist auch hier Küster Robert Kaminski. Vielleicht hat Müller da schon eine leise Ahnung, wie die Zukunft aussieht. Der beginnende Horror kam schnell, mit der Reichskristallnacht.

 

Von Wohnung zu Wohnung

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 werden auch in der Prenzlauer Allee und der Rykestraße Geschäfte zerstört. Margarete Müller wartet mit den beiden Kindern in der Wohnung auf Karls Rückkehr von der Arbeit. Er ist in der Zeit auf dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee beschäftigt und morgens pünktlich losgegangen. Dann benachrichtigt jemand die wartende Frau mit dem Satz: „Frau Müller, Ihr Mann liegt verletzt da unten.“ Er wurde zusammengeschlagen und kommt mit einem Schädelbruch ins Krankenhaus.

Ab 1941, mit der „Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden“ , müssen Karl Müller und seine Kinder den gelben Stern tragen. Er ist zwar bereits 1938 aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten und glaubt, dass dieser Umstand automatisch für seine Kinder gilt. Doch auch der Versuch, den sogenannten „Arier-Nachweis“ zu führen, da er in einem Großvater einen „Arier“ vermutet, scheitert trotz mehr als einjähriger Unterstützung durch das Hilfswerk unter Margarete Sommer.

Karl Müller wird schnell klar, dass der Konfessionswechsel seine Familie nicht schützen kann. Er ist als gebürtiger Jude dabei besonders gefährdet; seine Frau, ursprünglich Katholikin, hat einen anderen Status innerhalb der NS-Rassengesetzgebung. Nachdem er einen schweren Arbeitsunfall erleidet und längere Zeit arbeitsunfähig ist, taucht Müller nach vorheriger Absprache mit seiner Frau und mit Hilfe von Margarete Sommer und dem zuständigen Pfarrer Brinkmann wahrscheinlich Anfang September 1944 unter. Seine Ehefrau meldete ihn als vermisst.

Zunächst wohnt er zwei Wochen lang beim Ehepaar Matzke und ihren sechs Kindern in der Weißenburger Straße, heute Käthe-Kollwitz-Straße, in einer Zweiraum-Wohnung. Anschließend hält ihn Alois Lessel in seiner Wohnung in der Schönhauser Allee 133 versteckt; jener Alois Lessel, der nach dem Krieg auch Erich Wolff aufnimmt. Endgültiges Versteck ist dann ab circa Oktober 1944 der Sakristeikeller der Herz-Jesu-Kirche. Am 3. Dezember 1944 schreibt Müller in diesem Versteck seiner Tochter ins Poesiealbum Folgendes: „Lerne Leiden! ohne zu klagen! dein Vater!“

 

Emigration in die USA

Am 1. Mai 1945, es ist der letzte Kriegstag in Berlin, verlässt Karl Müller nach sieben Monaten das Kirchenversteck. Die geeinte Familie findet zunächst Schutz im Keller des heutigen Bezirksamtes Prenzlauer Berg in der Fröbelstraße. Dort findet Richard Rollert, ein Freund aus der Zeit im Rot-Frontkämpferbund, sie und gibt ihnen Unterschlupf in seiner Wohnung in der heutigen Husemannstraße, damals Hochmeisterstraße. Zwei Wochen später bekommt Familie Müller eine Wohnung in der Malmöer Straße, er arbeitet fortan bei der Sequestrierung und Entnazifizierung.
1970 stirbt Karl Müller.

Für Erich Wolff kommt die rettende Nachricht nach etwa 970 Tagen Versteckspiel von russischen Soldaten: „Herr Wolff, der Krieg ist aus, die Nazis sind weg! Sie sind frei, Sie können machen, was Sie wollen!“ Wolff glaubt es kaum, ist völlig erstaunt. Die physischen und psychischen Leiden dieser Jahre führen zu Erwerbsunfähigkeit. Nach dem Aufenthalt in der Wohnung von Gemeindemitgliedern bis September 1945 wird ihm eine eigene Wohnung in Kreuzberg zugewiesen. Später wandert er in die USA aus, kehrt aber wieder nach Berlin zurück. 1969 stirbt Erich Wolff und wird auf dem jüdischen Friedhof in Charlottenburg begraben.

Bis zu ihrem Tod schweigen Margarete Sommer, Pfarrer Alfred Brinkmann und der Küster Robert Kaminski, die, so geht man davon aus, die einzigen sind, die von beiden Männern und ihren Verstecken wussten. Unterstützt wurden die Drei von Brinkmanns Kaplänen Kreutz, Rothkegel, Lange und einem evangelischen Sozialdemokraten. Außerdem wussten, wenigstens von einem der beiden Versteckten, Pfarrhelferin Zornikau, der Organist Wanjura, die Frau des damaligen Kirchendieners Pohler und einige andere von Karl Müller und Erich Wolff. Sie alle halfen mit Lebensmitteln oder anderweitig. Und schwiegen mutig.

Zum Weiterlesen: Heinrich Herzberg: Dienst am höheren Gesetz – Dr. Margarete Sommer und das ‚Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin‘; Herausgegeben von der katholischen Pfarrei Herz Jesu Berlin-Prenzlauer Berg; Servi-Verlag, 2000

 

Titelbild: Im Keller unter der Sakristei der Herz-Jesu-Kirche versteckten Kirchenmitglieder den Juden Erich Wolff / Foto: Peter Schulz

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