Literatursalon

Das Salönchen am Kolle

von Julia Schmitz 5. September 2019

„Von Anfang an war klar, dass es bei uns Bier statt Sekt gibt“: Martin Jankowski organisiert seit 15 Jahren den Literatursalon am Kollwitzplatz. Wir sprachen mit ihm über die „Boheme von Prenzlauer Berg“ und warum der Osten anders liest als der Westen.


Dies ist ein Text aus unserer Reihe
„Mauerfall revisited“


 

Martin Jankowski sitzt an einem heißen Nachmittag Ende August in der langgezogenen Altbauwohnung auf der Kastanienallee, in der der Verein Berliner Literarische Aktion seine Basis hat. Seit 1995 Jahren organisiert die Kulturinitiative Lesungen, ein Magazin für fremdsprachige Literatur, Festivals – und seit 2004 auch den Literatursalon am Kollwitzplatz. Am 8. September feiert sie das 15-jährige Jubiläum mit einer Doppellesung der Autorinnen Marion Brasch und Jenny Erpenbeck im Maschinenhaus der Kulturbrauerei. Dass Martin nicht nur der Typ „Macher mit einem mehrere Seiten umfassenden Lebenslauf ist, sondern auch ein sehr großes Herz für Literatur hat, merkt man ihm sofort an.

 

Martin, was hast du zuletzt gelesen?

Zum einen den Gedichtband Schorfheide von Gerhard Falkner, er wird im Herbst bei uns im Literatursalon lesen. Und den kleinen Band Lieber woanders von Marion Brasch, die ja zu unserem Jubiläum am 8. September kommt. In meinem Koffer, den ich leider im Zug habe stehenlassen, lag noch Umkämpfte Zone von Ines Geipel, das ich gerade angefangen hatte; darin geht sie am Beispiel ihrer Familie den AfD-Konflikten im Osten Deutschlands auf den Grund. Ich muss also sehr viel für meine Arbeit lesen.

 

Seit 15 Jahren gibt es den Literatursalon am Kollwitzplatz dieses Jahr. Wie kamst du darauf, ihn zu gründen?

Eigentlich habe ich den Literatursalon für die „Neue Deutsche Literatur“ begründet, eine der wichtigsten Literaturzeitschriften der DDR, die 2004 eingestellt wurde. Ich gehörte auch selbst zu den Autoren und sollte das Umfeld des NDL zusammenbringen. Anfangs habe ich im Café Walden Hinterzimmerlesungen organisiert, die schnell „Salon“ hießen, weil das gerade Mode war und an eine alte Berliner Tradition anknüpfte. Später haben wir dann das Theater o.N. angefragt, auch so ein Ort aus dem Ost-Untergrund.

 

In den Literatursalon kommen seitdem die unterschiedlichsten Schriftsteller*innen. Habt ihr ein Auswahlschema, nach denen ihr die Autor*innen einladet?

Natürlich haben wir auch eine gewisse programmatische Ausrichtung für den Salon am Kollwitzplatz: Ein Thema ist zum Beispiel von Anfang an die ost- und westdeutsche Literaturgeschichte beziehungsweise die ost- und westdeutsche Gegenwartsliteratur. Wir sind aber auch international gut vernetzt und laden durchaus Schriftsteller aus anderen Ländern ein. Das Magazin Exberliner schrieb vor ein paar Jahren mal, wir würden am Kollwitzplatz „Post-Prenzlauer Berg“ machen. Ich fand das eine lustige Erklärung dafür, dass wir natürlich mit der literarischen und kulturellen Geschichte des Prenzlauer Bergs eng verwoben sind, aber eben nicht nur. Ich selbst gehöre auch zu den „Ossis“, die noch immer hier wohnen und die kein Problem damit haben, dass sich das Viertel so gewandelt hat. Im Salon soll sich alt und neu ebenfalls auf natürliche Weise vermischen, meistens laden wir deshalb jemanden aus dem Osten und jemand aus dem Westen ein.

 

Literatursalon

Martin Jankowski / (c) berliner literarische aktion

 

Spielt die „Boheme von Prenzlauer Berg“ denn heute überhaupt noch eine Rolle?

Ja, aber nicht nur in Bezug auf den Literatursalon am Kollwitzplatz, sondern in der Arbeit der Literarischen Aktion generell. Das hat mit meiner Herkunft zu tun – und damit, dass es in dieser Stadt alles, auch Literaturformate, in mehrfacher Ausführung gibt, die osteuropäische Perspektive aber sehr ins Hintertreffen geraten ist in den letzten zwanzig Jahren. Wir sehen es als unseren Job an, da ein Gleichgewicht herzustellen. Das Ost-Berliner Literaturpublikum hat tatsächlich einen ganz anderen Lesegeschmack und Erfahrungshintergrund als das Publikum in Mitte oder Kreuzberg.

 

Inwiefern?

Vor dem Mauerfall waren Bücher im Osten ein Fenster zur Welt, weil man einfach nicht weit gucken konnte – Literatur hat den Horizont erweitert. Heute kann ich das nicht mehr wirklich beurteilen, aber ich glaube, dass der Hintergrund tatsächlich noch immer Einfluss auf das Leseverhalten hat. Man wurde in der DDR auch durch andere Autoren geprägt. Wir haben ja einen weiteren Literatursalon in Karlshorst, also tiefstes Ost-Berlin. Achtzig Prozent des Publikums sind dort über fünfzig Jahre alt und aus dem Osten. Da kann ich einen großen Abend über Erwin Strittmatter machen, der ausverkauft ist – in Mitte wüsste niemand, wer das ist! Christa Wolf und Heiner Müller kann man in der ganzen Stadt präsentieren, aber bei Franz Fühmann oder Eva Strittmatter kommen nur die Ossis. Als nicht-kommerzieller Verein können wir aber natürlich auch solche Veranstaltungen machen.

 

Denkst du, dass Literatur aus dem Osten heutzutage unterrepräsentiert ist?

Nein. Ich hab sogar den Eindruck, dass die ostdeutsche Literatur seit 1990 bis in die 2010er Jahre übermäßig stark wahrgenommen wurde. Das ging soweit, dass manche Autor*innen erfolgreich waren, weil man sie für ostdeutsch hielt – Judith Hermann zum Beispiel – und sie deshalb besonders interessant waren. Meine Generation, dazu gehören zum Beispiel Ingo Schulze oder Thomas Brussig, hat natürlich eine wilde Biographie und es dadurch leichter, an spannende Stoffe heranzukommen als zum Beispiel ein braver Germanistikstudent aus dem Westen, behaupte ich mal etwas provokant. Gerade in der Nachwendezeit waren ostdeutsche Geschichten sehr beliebt, mittlerweile ist das Thema aber durch, glaube ich. Es wird wohl niemand mehr den großen Wenderoman schreiben, auch wenn gerade eine zweite Welle aufkommt, die die DDR aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Aber in der Gegenwartsliteratur ist es eigentlich egal, ob jemand aus dem Westen oder dem Osten kommt.

 

Literatursalon

Alan Clarke und Martin Jankowski / (c) berliner literarische aktion.

 

Du hast dich auch schon vor dem Mauerfall mit Literatur beschäftigt.

Ich war ein Autor, der nicht veröffentlichen und auch nicht Germanistik studieren durfte. Die Stasi hat sich sehr gut um mich gekümmert! Die Wurzeln für meine Literatursalons liegen aber tatsächlich in den 1980er Jahren in Leipzig, wo ich in meinem Wohnzimmer Lesungen veranstaltet habe für Manuskripte, die nirgendwo öffentlich vorgelesen werden durften. Da kommt auch mein Salon-Fimmel her.

 

Mit „Salon“ assoziiere ich die typische „Wasserglaslesung“, aber auch Diskurs. Gibt es den heutzutage überhaupt noch in der Literatur?

„Salon“ klingt tatsächlich etwas bürgerlich. Von Anfang an war aber klar, dass es bei uns Bier statt Sekt gibt und dass man bei uns keinen Vortrag hört, sondern es um Kommunikation geht. Der Ort passt dazu, denn im Theater o.N. hockt man doch recht familiär aufeinander und man kann auch spontan dazwischen rufen. Weil hier nur maximal fünfzig Leute hineinpassen, können die Besucher die Autoren sehr nah kennenlernen – die Hemmschwelle, miteinander ins Gespräch zu kommen, ist viel geringer. Sowohl Publikum als auch Autoren lieben es zu diskutieren. Und es bringt Menschen zusammen: Dieses kleine Salönchen hat schon so manches Buch, Theaterstück, Filmprojekt und Kind gestiftet!

 

Wenn du auf die letzten 15 Jahre Literatursalon zurückblickst: Was war eines deiner Highlights?

Das ist schwer! Eine Geschichte liegt mir aber besonders am Herzen: Es geht um Peter Wawerzinek. Er war auch so ein alter Prenzlauer-Berg-Literat, der Anfang der 90er Jahre noch groß im Gespräch war, dann aber von der Bildfläche verschwunden ist. Ich hab ihn durch Zufall Anfang der 2000er Jahre im kleinen Dorf Wewelsfleth wiedergetroffen, wo ich ein Autorenstipendium hatte. Peter hatte dort geheiratet und erzählte mir, dass er, der im Kinderheim in der DDR aufgewachsen war, seine Mutter in Westdeutschland gefunden habe. Er habe auch schon damit angefangen, das aufzuschreiben. Ich hab ihn dann eingeladen, das Manuskript bei uns im Salon vorzustellen und habe zu dem Abend verschiedene Personen aus der Verlagsszene dazu geholt. Es waren nicht viele Leute vor Ort an dem Abend, aber alle waren total begeistert. Und es hat dann auch nur drei oder vier Tage gedauert bis der Galiani Verlag gesagt hat: Das machen wir. So erschien Rabenliebe und wurde zum Bestseller. Mittlerweile schreibt Peter am dritten Teil der Trilogie. Ein schöner, ungeplanter Erfolg!

 

Die Veranstaltung „15 Jahre Literatursalon am Kollwitzplatz“ findet am Sonntag, 8. September, ab 20 Uhr im Maschinenhaus der Kulturbrauerei statt.

Mehr zum Thema Literatur aus, in und über Prenzlauer Berg findet ihr hier!

 

Foto oben: Frank Martens, Sibylle Klefinghaus, Martin Jankowski / (c) berliner literarische aktion.

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