Dagmar Janke weiß erst seit wenigen Jahren von ihrer großen jüdischen Familie (Foto: Constanze Nauhaus)

Ein Ventil für die Trauer

von Constanze Nauhaus 1. Dezember 2017

Vor wenigen Jahren fand Dagmar Janke heraus, dass viele ihrer Verwandten von den Nazis verschleppt und ermordet wurden. Seitdem lässt sie Stolpersteine für ihre Familie verlegen – auch in Prenzlauer Berg.

Alle paar Minuten laufen ihr die Tränen herunter. Auch nach all den Jahren kommt Dagmar Janke beim Erzählen über bestimmte Passagen nicht hinweg. Über die meisten. Wie auch, wenn man in wenigen Tagen einen Gedenkstein für einen Vierjährigen in das Straßenpflaster einlassen wird, der in einem KZ ermordet wurde? „Es klingt so blöd“, sagt sie fast entschuldigend, während sie ihre Brille etwas hochschiebt und sich mit dem Ärmel ihrer schwarzen Funktionsjacke die Wangen trocknet. „Ich hab‘ die ganzen Leute ja nicht gekannt. Aber ich fühle mich ihnen so nahe.“

 

 

„Die ganzen Leute“, das ist Jankes Familie, von deren Existenz sie bis vor wenigen Jahren nichts wusste. Durch jahrelange Recherche trug sie Lebensgeschichten von 40, 50 Großtanten, -onkels, -cousinen und -cousins zusammen, von den Nazis verschleppt und ermordet. „2011 habe ich überhaupt noch nichts geahnt von dieser ganzen Familie“, erzählt Janke. „Von meinem Vater wusste ich lediglich, dass er mit seiner jüdischen Mutter versteckt lebte.“

 

Ihr Vater sprach kaum über die Kriegsjahre

2006 lud sie ihren Vater zur Wanderausstellung „Kinder im Versteck“ im Anne-Frank-Zentrum ein, aber er lehnte ab. Das sei doch immer so traurig, habe er gesagt. „Später wurde mir klar, wie er das Thema Krieg komplett verdrängt hatte. Er sprach selten über diese Zeit.“ Nur, wenn er früher mit seiner damals noch kleinen Tochter Dagmar über den jüdischen Friedhof in Weißensee zum Grab seiner Eltern spazierte, habe er zu erzählen begonnen. Wie er sich mit seiner Mutter versteckt hatte, die Jüdin war. An der Gedenktafel für die jüdische Widerstandsgruppe um Herbert Baum habe er kurz inne gehalten und erwähnt, da seien Cousins und Cousinen von ihm dabei gewesen.

2011 begann Dagmar Janke zu forschen. Sie ging zum Anne-Frank-Zentrum und fragte, ob diese Wanderausstellung nochmal nach Berlin komme. „Da habe ich schon vorne an der Info angefangen zu heulen.“ Das Museum vemittelte sie an eine Historikerin in der nahegelegenen Gedenkstätte Stille Helden. Die besorgte ihr ODF-Akten der Großeltern. ODF, das steht für Opfer des Faschismus. Mit zitternden Händen habe sie die mehrheitlich handgeschriebenen Dokumente aufgeschlagen und sich durch das Sütterlin gearbeitet. „Und da habe ich noch und nöcher gefunden“, berichtet sie bewegt. Elf Geschwister hatte ihre Großmutter, fast alle davon mit eigenen Nachkommen, viele davon in Nazideutschland umgebracht.

 

Auch zwei lebende Verwandte fand sie

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Doch auch zwei lebende Verwandte konnte Dagmar Janke ausfindig machen, die zufälligerweise fast bei ihr um die Ecke in Hohenschönhausen wohnen. Ihr neugewonnener Cousin hilft ihr viel bei der Sache mit den Stolpersteinen. Diese Gedenksteine für ihre ermordeten Verwandten zu verlegen – Janke weiß selbst nicht mehr, wie sie darauf kam. 2013 ließ sie die ersten fünf Steine in Friedrichshain verlegen, 2014 dann erstmals in Prenzlauer Berg. Dort erinnern drei Steine in der Greifswalder und der Winsstraße an ihre Großtanten. Als „Schlag ins Gesicht“ empfindet sie den Diebstahl mehrer Stolpersteine in Neukölln, der jüngst durch die Medien ging. Seit zwei Jahren liegen auch für Jankes Großcousin Heinz Behrendt und seine Frau Charlotte, die 1941 nach Minsk deportiert wurden, zwei Steine vor der Mendelssohnstraße 3, dem letzten Wohnort des Paares – damals noch Rombergstraße 11.

Am selben Ort lässt Dagmar Janke am kommenden Dienstag weitere acht Steine verlegen, für Charlotte Behrendts Eltern Eva und Markus Rotholz sowie für ihre Schwester Irma mit ihrem Mann Siegbert Joseph und deren vier Kindern – alle 1943 in Auschwitz ermordet. Aufgelistet im „Kalendarium der Eregnisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau“, ein Riesenwälzer, in dem sämtliche Ereignisse des Lagers Tag für Tag festgehalten sind.  Janke bestellte ihn sich via Internet. Überhaupt, das Internet. „Bei Yad Vashem kann ich mich durch die Opferdatenbänke klicken, bei Auschwitz nachschauen, wer ermordet, wer gefoltert wurde.“ Eine Flut an Informationen, die Janke oft aus der Fassung bringt. Die Steine helfen ihr zwar, aber sie reichen nicht. „Irgendwie brauchte ich ein Ventil für die Trauer, das habe ich aber nicht gefunden in den Stolpersteinen“, sagt sie.  Deshalb geht sie zusätzlich an Schulen und hält Vorträge, bindet die Schüler in die Stolperstein-Verlegungen ein. „Weil mir das wichtig ist, dass dieser Teil der Geschichte nicht vergessen wird.“

 

Zu diesen beiden 2015 vor der Mendelssohnstraße 3 verlegten Gedenksteinen kommen am DIenstag weitere sechs hinzu. (Foto: PBN)

Zu diesen beiden 2015 vor der Mendelssohnstraße 3 verlegten Gedenksteinen kommen am Dienstag weitere acht hinzu. (Foto: PBN)

 

24 Stolpersteine an einem Tag

Die Kooperation mit Schulen läuft über die Koordinierungsstelle Stolpersteine in der Stauffenbergstraße in Tiergarten. Die Schüler recherchieren im Vorfeld die Lebensgeschichte der Personen, verlesen bei der Verlegung die Biografien. „Eine Schülerin sagte einmal, es sei viel anschaulicher, wenn man das Foto einer Familie oder einer Person sieht und die Lebensgeschichte kennt, als wenn man im Geschichtsbuch von sechs Millionen ermordeten Juden liest. Das kommt nicht so an einen ran“, berichtet Janke von ihren Erfahrungen mit den Schülern. Für sie seien die Verlegungen schon „heftig“, doch auch die Schüler sieht sie danach stets benommen herumstehen. „So nah haben sie das Thema nie erlebt. Es ist ein Unterschied, ob der Opa mit 80 Jahren stirbt, oder ob ein Vierjähriger umgebracht wird.“

Verlegen wird die Steine der Stolperstein-Initiator Gunter Demnig, und die acht Stück in der Mendelssohnstraße werden nur ein Drittel derer sein, die der Künstler an diesem Tag in das Straßenpflaster einlässt. 24 Steine an einem Tag – Grund dafür ist ein Antragsstau bis ins Jahr 2011, den eine in diesem Jahr gegründete und sehr arbeitsame Gruppe von Ehrenamtlichen in den vergangenen Monaten aufarbeitete, wie die Berliner Woche berichtete. Auch Dagmar Janke wartete nach Antragstellung dreieinhalb Jahre auf die Verlegung. Zudem akquiriert sie die Gelder für die Steine – einer kostet 120 Euro – selbst, über Spenden. Das ist in jedem Bezirk und teilweise auch jedem Stadtteil anders geregelt. „In Prenzlauer Berg werden die Steine oft durch die Antragstellenden – meist, aber nicht immer, Familienangehörige – bezahlt“, sagt Gisela Stein von der hiesigen Stolperstein-Initiative. Es gebe alternativ die Möglichkeit, die Steine über extra eingeworbene Spenden oder einen Fonds bezahlen zu lassen.

 

„Was soll ich über das Leben eines Vierjährigen sagen?“

Am Dienstag wird eine 10. Klasse des Friedrichshainer Max-Planck-Gymnasiums dabeisein und die Lebensgeschichten der acht NS-Opfer verlesen. Die Biografien hat Janke etwas zusammengefasst. „Was soll ich über das kurze Leben des vierjährigen Denny schreiben? Oder über seinen drei Monate alten Bruder Berl?“ Dagmar Janke wünscht sich bei der Verlegung Musik – wenn sich genug Schüler mit Instrumenten und Traute finden. Falls nicht – könnte man nicht etwas singen? „Das können Sie gerne tun“, sagt Janke lächelnd. Sie nicht. Sie weiß, dass sie am Dienstag schon kaum über die gesprochenen Worte kommen wird, ohne dass ihr die Stimme versagt. Geschweige denn über Lieder.

Die Verlegung der Stolpersteine für die Familie Rotholz/Joseph findet am kommenden Dienstag, dem 5. Dezember 2017, um 9 Uhr vor der Mendelssohnstraße 3 in Prenzlauer Berg statt. Dagmar Janke freut sich über zahlreiche Anwesende sowie über Spenden für weitere Stolpersteine.

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