Mit einer leichten Honignote

von Sarah Schaefer 16. Oktober 2019

Da hat Prenzlauer Berg schon mal seinen eigenen Riesling – und dann darf der nicht mehr Riesling heißen. Die Hobby-Winzer*innen sind trotzdem stolz auf ihren Weingarten, mit dem sie eine alte Berliner Tradition pflegen.


Leicht zu finden ist der Weingarten nicht. In der Gegend um den Syringenplatz – Wohnhäuser auf der einen, ein riesiger Supermarkt auf der anderen Seite – verrät nur der Straßenname Am Weingarten, dass die Rebstöcke nicht weit sein können. Noch ein Stückchen weiter die Straße lang, dann steht man vor dem Tor mit der Nummer 16, hinter dem der Prenzlauer Berger Riesling angebaut wird. Wolfgang Krause vom Förderverein Weingarten Berlin empfängt in schönster Herbstidylle. Als wären die von der Nachmittagssonne in ein goldenes Licht getauchten Weinblätter nicht genug, flattern auch noch zwei Schmetterlinge durchs Bild.

Doch kurz vor der Weinlese an diesem Sonntag betrachtet Krause den Wein mit Sorge: „Dieses Jahr haben wir ein Problem mit der Ernte“, sagt er. Einige Blätter seien vom Frost schon welk und könnten die Trauben nicht mehr versorgen. Zu schaffen macht den ehrenamtlichen Winzer*innen in diesem Jahr auch die so genannte Edelfäule, durch die einige Trauben außerordentlich süß ausfallen. Ein gewisser Anteil dieser süßen Trauben sei in Ordnung, sagt Krause, das sorge für eine leichte Honignote. Aber eben nur in geringer Zahl. Deswegen sei eine wesentliche Aufgabe der diesjährigen Weinlese die Auslese betroffener Trauben.

___STEADY_PAYWALL___

Mit dem Riesling habe man sich nun mal die komplizierteste Weinsorte ausgesucht. Krause nennt sie die „Königin des Weines“, es ist seine Lieblingssorte. Vor 20 Jahren – Krause war damals Leiter des Grünflächenamtes – hatte er die Idee, Rebstöcke auf der ehemaligen Brachfläche anzusetzen.  Damit knüpften er und seine Mitstreiter*innen an eine lange Tradition des Berliner Weinanbaus an, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht. 2003 wurde der erste Riesling gekeltert. „Am Anfang waren wir mehr Trinker als Winzer“, sagt Krause.

Bis heute werden die Trauben aus Prenzlauer Berg nach Sachsen gebracht, das Keltern übernimmt das Meissner Weinhaus Prinz zur Lippe. „Sehr geehrter Herr Prinz“ lautete damals die Anrede in dem Schreiben, mit dem die Neu-Winzer*innen fragten, ob das Weinhaus das Keltern übernehmen könne. Wolfgang Krause erzählt diese Geschichte gern und mit einem Lächeln. Neu war den Berliner*innen offenbar nicht nur der Umgang mit Wein, sondern auch mit dem Angehörigen eines Adelshauses.

 

Der Ertrag wird aufgeteilt

Der Prinz schickte seinen Kellermeister, der wertvolle Tipps gab: zum Beispiel, dass sich Trauben einen Sonnenbrand holen können. 35 Mitglieder hat der Weingarten Berlin e.V. mittlerweile, von der Studentin über den Weinexperten bis zum Senioren. Sie kümmern sich um den Weinschnitt, mähen den Rasen oder beseitigen Unkraut. Ein fester Kern von etwa einem Dutzend Mitglieder*innen kommt nahezu wöchentlich in den Weingarten. Das Bezirksamt unterstützt den Verein, dafür wird der Ertrag aufgeteilt: Die eine Hälfte der Flaschen behält der Verein, die andere geht ans Bezirksamt, das den Riesling unter anderem an Gäste verschenkt.

Wobei – streng genommen darf von einem Riesling hier nicht mehr die Rede sein. 2016 ist in der EU ein neues System für die Genehmigung von Rebpflanzungen in Kraft getreten. Bis dahin – so schildert es der Verein auf seiner Website – seien die kleinen Berliner Weinanlagen vom Senat außerhalb des Weinrechts geduldet worden. Das sei ab der Neuregelung nicht mehr möglich gewesen, die Berliner Winzer*innen brauchten nun Rebrechte, um offiziell Wein anbauen zu dürfen. Das Land Hessen trat vier Hektar Rebfläche an Berlin ab. Diese Rechte liegen aber in der untersten Kategorie, die es weder erlaube, den Wein als Riesling zu bezeichnen, noch, die Herkunft Berlin auf dem Etikett zu nennen.

 

Keine Zweifel, woher der Wein stammt

Darum trägt der Wein nun den Namen „Der Besondere“, und die Abbildung einer historischen Ansicht Berlins auf dem Flaschenetikett lässt keine Zweifel daran, woher er stammt. Auf die Qualität des Weins, versichert der Verein, habe die Änderung keinerlei Auswirkung.

Wolfgang Krause muss nun zurück in die Rebstöcke, er möchte die Weinlese am Sonntag schon mal vorbereiten. Im vergangenen Jahr haben sie hier im Weingarten rund 1300 Kilo Trauben geerntet – das entspricht etwa derselben Anzahl an Flaschen. In diesem Jahr rechnet er nur mit etwa der Hälfte. Ein wenig traurig mache ihn das schon, sagt er: die Arbeit eines ganzen Jahres und dann so wenig Ertrag. Doch diese Unsicherheit und ein gewisser Wille zum Glücksspiel gehörten beim Weinanbau eben dazu.

 

Für diesen Sonntag, 20. Oktober, lädt der Weingarten zur öffentlichen Weinlese ein. Helfer*innen für die Ernte sind herzlich willkommen. Wer eine besitzt, wird gebeten, eine Gartenschere mitzubringen. Zum Verkauf steht Wein des Jahrgangs 2016. Los geht’s um 11 Uhr.

 

Fotos: Sarah Schaefer

Das könnte Dich auch interessieren

Hinterlasse einen Kommentar