Regenbogenflagge Thulestraße

Gegen Homophobie: 100 Regenbogenfahnen für die Nachbarschaft

von Victoria Scherff 1. Februar 2019

Wie eine verschwundene Fahne und ein großer Scheißhaufen einen Studenten dazu bewogen, 100 Flaggen in der Nachbarschaft zu verteilen.


Sechs Streifen und viele bunte Farben: Ein Dutzend solcher Fahnen hängen in der Thulestraße aus den Fenstern. Die Regenbogenfahne ist ein weltweites Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung und ziert nun zahlreiche Hausfassaden der unscheinbaren Nebenstraße an der Grenze zu Prenzlauer Berg. Verteilt hat sie Jo Heidner, 22 Jahre und Student aus Berlin. Mitte Januar verschwand seine in drei Metern Höhe an der Hausfassade hängende Regenbogenfahne. Zeitgleich gab es unmittelbar vor der Haustür einen großen Scheißhaufen.

Seit eineinhalb Jahren wohnt Heidner in der Thulestraße, ein Jahr hing die Fahne dort. Kann das bunte Symbol nicht auch der Wind weggeweht haben? „Sie ist mit Nägeln befestigt und diese steckten noch drin“, sagt Heidner. Er vermutet, dass der oder die Unbekannte auf den anliegenden Zaun geklettert ist und so die Fahne entfernt hat.

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Fast täglich ein Angriff in Berlin

„Ich lasse mich nicht einschüchtern und es ist nicht das erste Mal, dass ich Homophobie erlebe“, berichtet Heidner, der kein Geheimnis daraus macht, dass er Männer liebt. Man höre zwar alle paar Monate in den Medien etwas über Vorfälle, die sich gegen LGBTQ-Menschen richteten, „aber es passiert viel häufiger“, vermutet Heidner. Er ist überzeugt: Auch im bunten Berlin gebe es viele Menschen, die homophob seien, es aber nicht offen zeigten.

Und dann gibt es jene, die offen reagieren, wenn zwei Männer oder zwei Frauen in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen: Zweimal sei Heidner in Berlin angefeindet worden, als er mit seinem Partner unterwegs gewesen sei. Einmal kam es fast zur Prügelei beim Baden an der Krummen Lanke.

Regenbogenflagge Thulestraße Jo Heidner
Jo Heidner vor seinem Haus in der Thulestraße (Foto: Victoria Scherff)

Im Jahr 2016 wurden 291 Fälle mit homophonen und trans*phobem Hintergrund in Berlin erfasst, meldete das schwule Beratungsprojekt Maneo – die Dunkelziffer liege weitaus höher.

Bei der Polizei habe Heidner den Vorfall nicht gemeldet. Aus seiner Zeit als Aktivist gegen Braunkohle habe er „keine guten Erfahrungen“ mit der Polizei gemacht. Er will sich stattdessen bei einem Netzwerk gegen Homophobie melden; und der Bundesverband für Lesben und Schwule in der Union (LSU) habe ihn eingeladen.

Positives Feedback in den Sozialen Medien

Heidner gehe es darum zu signalisieren: „Es ist etwas passiert und wir wollen das nicht.“ Und so hat der Student 100 bunte Fahnen bestellt und sie zusammen mit einem Zettel, auf dem er den Vorfall beschreibt, in der Thulestraße verteilt. „Ich möchte zeigen, dass in unserer Gesellschaft jede Person lieben darf, wen sie möchte und das Geschlecht haben darf, das sie möchte“, steht darauf.

Die Fahnen sind ein Geschenk an die Nachbarn, mit der Bitte, sie als Zeichen der Toleranz an die Hausfassaden zu hängen. „Wenn ich nur dazu aufgerufen hätte, wären wohl wenige Nachbarn in einen Laden gegangen, um eine Flagge zu kaufen.“ Daher die Idee, sie zu verteilen.

Zuerst hatte Heidner über den Flaggenklau auf dem Nachbarschaftsportal nebenan.de berichtet. Die Community habe ihn in seiner Idee bestärkt, Flaggen für die Nachbarschaft zu kaufen. Auch auf Facebook kommentierten zahlreiche Nachbarn: „Diesen bekloppten Anlass in ein so schönes Angebot […] umzuwandeln, ist toll“, schreibt eine Userin in der Nachbarschaftsgruppe Prenzlauer Berg, „Tolle Aktion“ ein anderer. 

PBN Treffen Wohnen

Gemeinsam ins Gespräch kommen

Kann es nicht auch einfach ein Hund gewesen sein, der vor die Tür gemacht hat? „Der Haufen Scheiße wurde mit einem Taschentuch verziert, ein Tier macht so etwas nicht“, sagt Heidner. Eine Restwahrscheinlichkeit gebe es immer, doch die sei ihm zufolge verschwindend gering. Zudem sei es sehr viel Kot gewesen, „das kann kein Tier gewesen sein“, sagt er.

„Auch ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass ich später eine Frau und Kinder haben werde“, erzählt Heidner. Daher verstehe er, dass die Entwicklung von Verständnis für andere Lebensentwürfe Zeit brauche. Und deswegen lädt er Andersdenkende zum Gespräch bei Tee und Kaffee ein. „Falls ihr nicht ganz versteht, warum Menschen auf das andere Geschlecht stehen können, schreibt mir und wir können uns gemeinsam weiterbilden“, steht auf seinem Aushang.

Noch habe sich deswegen bei ihm niemand gemeldet. Aber vor seinem Fenster weht längst eine neue Regenbogenfahne.

Titelfoto: Victoria Scherff

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