Godot

Wenn das Licht ausgeht in Pankow

von Julia Schmitz 28. Januar 2019

Immer mehr traditionelle Cafés, Clubs und Geschäfte in Prenzlauer Berg mussten 2018 schließen, teilweise nach mehreren Jahrzehnten. Eine emotionale Übersicht.


Schließt sich eine Tür, öffnet sich die nächste, heißt es so schön: Für gewöhnlich bleiben Ladengeschäfte in Prenzlauer Berg nicht lange leer. Der Stadtteil ist unaufhaltsam im Wandel, das ist nicht immer schlimm – und doch sind manche Schließungen ein herber Verlust für die Vielfalt in den Kiezen. Wie bei den folgenden Orten, die das Straßenbild von Prenzlauer Berg teilweise seit Anfang der 1990er prägten:

Bassy Club

„Nach 20 Jahren sehe ich meinen Kulturauftrag erstmal als erfüllt an“, sagte Tammi Torpedo, bevor er die Türen des legendären Bassy Club am Pfefferberg Ende Mai 2018 für immer verriegelte. Jahrelang waren die Räumlichkeiten Anlaufstelle für all jene gewesen, die im Elektro-Dschungel Berlins andere Musikstile suchten. Nach dem Knaack, dem Icon und dem Klub der Republik ist mit dem Bassy Club einer der letzten Orte für gepflegtes Tanzen dem Wandel Prenzlauer Bergs zum Opfer gefallen.

Dr. Pong
„Es ist völlig surreal für mich, Euch nach all diesen Jahren zu sagen, dass dies das Ende ist – aber es ist wahr“, schrieb Betreiber Daniel Miller vor zwei Wochen auf Facebook. Nach 16 Jahren schließt der unkonventionelle Laden auf der Eberswalder Straße, der für seine schummrige Atmosphäre und seine Tischtennisplatten bekannt war – und eine letzte Bastion im durchgentrifizierten Prenzlauer Berg bildete. Miller übergibt die Bar an zwei Nachfolger, weiß aber nicht, was diese aus den Räumlichkeiten machen werden. Ping im Dr. Pong ist also, so wie es aussieht, Geschichte.

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Dr Pong
Kein Ping mehr und kein Pong: Das Dr. Pong schloss im Januar 2019 seine Türen

Entweder Oder
Wann das Café Entweder Oder (nicht zu verwechseln mit dem Sowohl als Auch) eröffnet wurde, kann heutzutage keiner mehr so genau sagen. Fest steht: Es war seit Anfang der 1990er eine feste Anlaufstelle im Kiez rund um die Oderberger Straße. Hier konnte man von früh bis spät über einer Tasse Kaffee diskutieren und den Wandel der Nachbarschaft beobachten. Als Ende 2017 ein Schild „vorübergehend geschlossen“ im Fenster auftauchte, vermuteten Viele Umbauarbeiten – doch das Entweder Oder kehrte nicht zurück. Im Mai 2018 gaben die Betreiber auf ihrer Facebook-Seite den Abschied nach zwei Jahrzehnten bekannt: „Wie der ein oder andere schon mitbekommen hat, musste das EntwederOder den Umständen des heutigen Wandels weichen.“ An der Stelle des kultigen Kiez-Cafés befindet sich seitdem ein Craft Beer Laden.

Godot
Hat das Warten jetzt endlich ein Ende – ist Godot angekommen? Wäre es nicht so traurig, würden wir über dieses Wortspiel gerne lachen: Das Café Godot auf der Ecke Kastanienallee / Oderberger Straße ist ebenfalls Geschichte. Mehr oder weniger klammheimlich hat das Lokal, das sich immer durch eine schlichte Einrichtung und gute Hausmannskost auszeichnete, aufgegeben. Über die Hintergründe der Schließung – steigende Miete, keine Lust mehr? – lässt sich nur spekulieren.

Hilde
Noch ein Käffchen? Das Café Hilde auf der Metzer Straße Ecke Prenzlauer Allee gehörte zu den Cafés der „alten“ Sorte: Plüschige Sofas, Regale mit Büchern zum Tauschen, selbst gebackener Kuchen, Kaffee mit Schaumhäubchen – trotz traditioneller Umsetzung in der Einrichtung wirkte die „Hilde“ dennoch mehr modern denn spießig. Im Sommer 2018 war Schluss: Aufgrund der steigenden Mietpreise, die die Café-Betreiber im Rahmen der Sanierung des Hauses hätten stemmen müssen, entschieden sie sich dafür, den Laden aufzugeben. Nach einigen Monaten des Leerstands schaut es aktuell so aus, als würde ein neues Café das Eckhaus füllen – doch die Erinnerung an die warmherzige Hilde bleibt.

Café Kapelle
Streng genommen befand sich das Café schon im Bezirk Mitte, doch trotz offizieller territorialer Grenzen gehörte „die Kapelle“ im Schatten der Zionskirche gefühlt noch zu Prenzlauer Berg. Einrichtung ohne Schnickschnack, eine umfangreiche Karte für den frühen oder späten Hunger und dazu bemerkenswert gute, hausgemachte Kuchen machten das Café zu einem angenehmen Ort für den Nachmittagskaffee. 25 Jahre lang prägte das Lokal die Gegend rund um die Kirche – doch letztendlich gaben die Betreiber auf. Nicht nur war ihnen die Arbeit sprichwörtlich über den Kopf gewachsen, auch der Gewerbemietvertrag wurde nicht verlängert. Zeit für einen Neuanfang – wir sagen Danke!

Cafe Niesen
Das Cafè Niesen ist seit Oktober 2018 geschlossen

Café Niesen

Einst löste das Niesen hinter dem Mauerpark einen Skandal aus, weil es einen Bereich im Café einführte, in dem nur Erwachsene – und keine Kinder – Platz nehmen durften. Und auch wenn sich so mancher Anwohner darüber empörte: Das Café war stets gut gefüllt, nicht nur zum „Jazz am Sonntag“. Ende Oktober 2018 war dann relativ plötzlich Schluss: Hauseigentümer und Rammstein-Sänger Till Lindemann möchte statt dem Kiez-Café lieber einen einfachen Italiener in dem Lokal sehen, vermutet die Café Betreiberin Christine Wick. Sie verhandelte zwar mit der Hausverwaltung – die daraufhin angebotene Mieterhöhung konnte sie trotzdem nicht bezahlen und gab schließlich auf.

Die Liste ist noch länger

In unserer Facebook-Gruppe haben wir euch gefragt: Was musste im vergangenen Jahr alles schließen oder ist aus freien Stücken gegangen? Die Emotionen kochten hoch und die Kommentare überschlugen sich. Welche Namen von euch u.a. noch genannt wurden: Frida Kahlo (Restaurant), Amalgam Bar, Chaostheorie (Bar/Restaurant/Kino), Beakers (Café & Bar), Filetstück (Restaurant), Moppete (Café), Tina & Tinchen (Kindermode/Spielzeug), Café Stockholm, Obst & Gemüse (Späti), Kraftkombinat (Fitnessstudio), RabenSchwarz (Bar), Sowale (japanische Kunst/Papier), Café Elbspeicher, Mauerblümchen (Kneipe & Café), Leila (Leihladen), Teigwaren (Restaurant), Music Department (Vinyl/CD).

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