Cafe Niesen

Gentrifizierung: Empört Euch!

von Kristina Auer 5. Januar 2019

JAHRESRÜCKBLICK 2018 – Oktober: Große Aufregung um die Schließung des Café Niesen in der Schwedter Straße.


ARTIKEL vom 25. Oktober 2018:

Eine Schließungs-Welle geht durch das Gleimviertel. Die letzten Monate zeigen: Nur wer sich früh und lautstark wehrt, hat in Prenzlauer Berg noch eine Chance gegen Verdrängung.

Plötzlich ging alles ganz schnell: Nach 13 Jahren in der Schwedter Straße schloss das Café Niesen letzte Woche noch vor Monatsende sein Türen. Hauseigentümer und Rammstein-Sänger Till Lindemann möchte statt dem Kiez-Café lieber einen einfachen Italiener in dem Lokal sehen, vermutet die Café Betreiberin. Christine Wick verhandelte zwar mit der Hausverwaltung . Die daraufhin angebotene Mieterhöhung konnte sie trotzdem nicht bezahlen und gab schließlich auf.

 

Wer nicht lauthals protestiert, wird platt gemacht

Von der Kündigung wusste Wick schon seit Ende 2016, unsere Redaktion erfuhr davon im darauffolgenden Frühjahr. Eine Berichterstattung lehnte die Café-Betreiberin bis zuletzt ab – von der Zurückhaltung erhoffte sie sich Milde auf Eigentümerseite, um letztlich doch noch irgendwie eine Vertragsverlängerung zu bekommen.  Die eher vorsichtige Wick wollte nicht die ganz harten Geschütze auffahren. Fast wäre das Café Niesen ganz still und leise verschwunden. Erst seit die Schließung feststeht, hat sich die anhaltende mediale Schlammschlacht samt Schmähung von Lindemann-(Ex?)-Freundin Sophia Thomalla und Klage-Androhungen von Wick entwickelt.

Gentrifizierung Cafe Niesen

Niesen-Betreiberin Christine Wick bei einer Mieter-Demonstration Ende August

Das Café Niesen ist nicht als einziges Gewerbe im Gleimviertel von Verdrängung betroffen: Im Juli schloss Getränke Hoffmann um die Ecke nach über 26 Jahren, bald folgt der Kinderladen Tina und Tinchen an der Schönhauser Allee und dem Fitnessstudio Kraftkombinat am anderen Ende der Gleimstraße wurde ebenfalls nach 20 Jahren gekündigt. Die Fälle der jüngsten Vergangenheit zeigen vor allem eins: Nur wer sich früh organisiert, lautstark und vehement protestiert und über Öffentlichkeit Druck aufbaut, hat in Prenzlauer Berg noch eine Chance gegen die Gentrifizierung. Wenn Eigentümer selbst in der Öffentlichkeit stehen, ist der Druck höher als auf große, unpersönliche Immobiliengesellschaften. Im Frühjahr 2016 sorgte die der Fall eines seit 29 Jahren ansässigen Kosmetiksalons in der Stargarder Straße für mediale Aufregung.  Die Eigentümerin des Geschäfts, Ehefrau des Grünen-Politikers Özcan Mutlu, hatte die Miete erhöht. Schließlich ließ sich doch noch eine Einigung erreichen: Die Betreiberin des Kosmetiksalons akzeptierte die Mieterhöhung, im Gegenzug erhielt sie einen Mietvertrag für weitere fünf Jahre.

 

Einzige Chance: Lauter Protest

Ein weiteres Beispiel ist das Theater o.N aus dem Kollwitzkiez, das mit anhaltenden Protestaktionen so lange seine Erhaltung als Kiez-Institution forderte, bis sich selbst Kultursenator Lederer (Linke) einschaltete und Umbaumaßnahmen nebst einer Mietvertragsverlängerung erreicht werden konnten. Und dann sind da noch die Mieter aus der Gleimstraße 56: Blitzschnell organisierten sie sich nach dem Verkauf ihres Wohnhauses in einer quasi-professionellen Vereinigung, suchten die Öffentlichkeit und stellten klare Forderungen an die Politik. Schließlich gelang es tatsächlich, das Haus über das kommunale Vorkaufsrecht an eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft zu übergeben. Ein Widerspruch des kaufwilligen Investors muss aber noch überstanden werden.

Wer dagegen zurückhaltender ist, kein Mensch der lauten Worte oder nicht gern in der Öffentlichkeit steht, wird ohne Rücksicht oder Mitgefühl platt gemacht. Schön ist die Erkenntnis nicht, aber im Kampf gegen Gentrifizierung ist Lautstärke –  vor allem der Pegel im medialen Rauschen – zur entscheidenden Größe geworden. Im Verteilungskampf um die Stadt überleben nur noch Mächtige und Schreihälse. Allen, die jetzt oder in Zukunft von Verdrängung bedroht sind, kann man deshalb nur raten: Empört Euch, geht an die Öffentlichkeit und übt lautstarken Protest!

Zurück zu Rammstein-Hauseigentümer Lindemann. Dessen Bandkollege und Keyboarder Flake – ebenfalls Ur-Prenzlauer-Berger – beschwerte sich in den Medien übrigens kürzlich über die Gentrifizierung seines Kiezes, die unangenehme reiche und westdeutsche Menschen hierher gebracht habe. So richtig gegen die Verdrängung zu kämpfen scheinen die Brachial-Rocker dann aber auch nicht, zeigt der Fall des Café Niesen. Vielleicht sollte zumindest der nächste Gentrifizierungs-Protest mit Rammstein-Musik untermalt werden. Das Kriterium laut wäre hier zumindest erfüllt.

 

* In einer früheren Version dieses Artikels haben wir berichtet, das gesamte Haus, in dem sich der Kosmetiksalon in der Stargarder Straße befindet, gehöre Özcan Mutlu. Außerdem habe der Eigentümer den Betreibern gekündigt. Stattdessen ist Mutlus Ehefrau lediglich Eigentümerin der Gewerbeeinheit, in der sich der Salon befindet. Außerdem wurde der Vertrag nicht gekündigt, sondern die Miete bedeutend erhöht. Dieser Artikel wurde nach dem enstprechenden Hinweis korrigiert.

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