Die Beobachterin

von Kristina Auer 14. November 2017

Prenzlwichser und Latte-Schwaben – die Autorin und Schauspielerin Constanze Behrends lebt im Bötzowkiez und nimmt in ihren Stücken Berliner Klischees aufs Korn. „Die Prenzlschwäbin hat bei uns geklaut“, sagt sie.


„Ich glaube, ich kann gar nicht unlustig schreiben“, sagt Constanze Behrends. Humor ist ein unverzichtbarer Teil im Leben der 36-jährigen Autorin, Schauspielerin und Regisseurin aus dem Bötzowkiez. Dass der zwangsläufig auch in ihre Arbeit fließt, glaubt man der großen Blondine mit ihrer freundlichen, ruhigen und trotzdem aufgekratzten Art sofort – auch im Gespräch vergeht kaum eine Minute ohne einen Lacher, eine lustige Geste oder einen kleinen Witz am Rande.

 

 

Theater mit Bezug zum Leben

 

Dabei ist Humor offenbar eine Eigenschaft, die vielen anderen Kulturschaffenden abgeht. Zumindest war das auch Behrends‘ Eindruck, als sie sich nach dem Schauspielstudium als 22-Jährige in der Berliner Theaterlandschaft umsah:

Das war alles so negativ und pseudoprovokant, immer ging es um Blut und Vergewaltigung. Ich hatte das Gefühl, alle stellen sich an die Rampe und brüllen ins Publikum, ohne Sinn und Ausdruck.

Constanze Behrends wollte lieber Stücke spielen, die mit dem eigenen Leben zu tun haben. Also gründete sie mit einem Kollegen im Jahr 2003 kurzerhand das Weddinger Prime-Time-Theater. Und weil kein Geld für Tantiemen da war, schrieb Behrends auch gleich die Stücke selbst. Aus ihrer Liebe zu Comedy-Serien wie Friends oder den Simpsons entstand die Idee zu „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“, der selbsternannten ersten Theater-Sitcom der Welt. Nach 14 Jahren, über 100 Folgen und regelmäßig ausverkauften Vorstellungen ist GWSW längst Kult geworden. Eine vierteilige Fernsehproduktion der Serie lief im letzten Jahr im rbb und seit Januar auf Netflix. Inzwischen hat Behrends die Sitcom am Prime-Time-Theater abgegeben und arbeitet Behrends für den Neuköllner Heimathafen. Dort laufen nun ihre Stücke „Beziehungskiste“ und das Musical „Klassenkampf“, für das Behrends gerade mit dem Musical Theater Preis ausgezeichnet wurde.

 

„Die Einstellung: Gut, dann machen wir das jetzt einfach mal!“

 

Eigentlich wollte die 1981 geborene Behrends Ärztin werden: Nach der Schule begann sie in Magdeburg ein Medizin-Studium, das sie aber schnell abbrach:

Ich wollte zu Ärzte ohne Grenzen und die Welt retten. Aber auf der Uni war alles sehr elitär, ich fand die Menschen unangenehm.

Also zog sie im Jahr 2000 mitten im Semester Hals über Kopf nach Berlin, um Schauspielerei zu studieren. „Ich hatte keinen Plan, was ich sonst machen soll“, sagt sie. Ihre erste Wohnung war in Prenzlauer Berg, irgendwo zwischen Prenzlauer und Schönhauser Allee. Bald zog Behrends nach Wedding, wo sie über 13 Jahre blieb. Seit zwei Jahren ist sie nach Prenzlauer Berg zurückgekehrt und wohnt mit ihrer 7-jährigen Tochter im Bötzowviertel. Hier fühlt sie sich wohl, hat viele Freunde im Kiez und freut sich über die Offenheit der Menschen: „Ich finde es auch toll, dass es hier Touristen gibt. Wir sind eine Weltstadt, ich kann nicht verstehen, wieso sich Leute darüber aufregen.“

Den Unternehmergeist hat sie von ihrer Mutter, sagt Behrends. „Diese Einstellung: Gut, dann machen wir das jetzt einfach mal!“ Sie stammt nicht aus einer Schauspielerfamilie. „Meine Eltern sind eher bodenständig“, sagt Behrends. Ihre Mutter war ursprünglich Kindergärtnerin und gründete später eine Baufirma. Sie habe sich auch ohne große Kenntnisse getraut, Dinge auszuprobieren und sich vieles beim praktischen Arbeiten selbst beigebracht. Ein gutes Vorbild für das furchtlose Treffen von Lebensentscheidungen.

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Es geht nicht darum, Feindbilder aufzustellen

 

In ihren Stücken geht es Behrends um genaue Beobachtungen von Menschen und ihren typischen Spleens. Die Zeitschrift Theater Heute bescheinigte ihr ein „fast ethnologisches Gespür für Milieus“. Die Spannung entstehe aus den Gegensätzen, der Humor aus dem klaren Benennen von Typen, sagt Behrends.

Es macht mir einfach Spaß, solche Eigenheiten zu entdecken, und dann aber in Charakteren auch zu brechen. Keine Figur ist ein hundertprozentiges Klischee, das wäre einfach nur platt.

Die Serie „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ beschreibt für Behrends die „Welt aus der Sicht des Wedding“. Es geht um die Unterschiedlichkeit der Stadtteile untereinander und der Menschen in ihnen – und die Konflikte, die aus dieser Unterschiedlichkeit entstehen. „Es macht große Freude, Lokalpatriotismus zu bedienen“, sagt Behrends. Weil sich jeder davon angesprochen fühle, es sofort um das eigene Leben gehe.  Für Prenzlauer Berg bedeutet das: Es ist von Prenzlwichsern und Latte-Schwaben die Rede. Klingt, als ob wir nicht so gut weg kämen, aber:

 

Es geht überhaupt nicht darum, Feindbilder aufzubauen. Die Charaktere sind immer sehr liebevoll beschrieben. Wenn es eine Kernaussage aus meinen 100 Folgen gibt, dann ist das: redet miteinander! Immer, wenn es einen Konflikt gab, war die Lösung: Jemand muss einfach mal die Wahrheit sagen.

 

 

Die Prenzlschwäbin hat geklaut

 

Es geht also eher darum, Stereotype aufzulösen als sie zu bestärken. Und um Selbstironie: „Ich wäre ja auch so eine Prenzlwichserin: Alleinerziehende Mutter im Bötzowkiez und Schauspielerin. Ich sitze auch mit dem Laptop im Café zum Arbeiten“, sagt Behrends. Redet miteinander – so lautet also die Botschaft. Und nehmt Euch dabei selbst nicht so ernst, könnte man vielleicht ergänzen.

Prenzlwichser und Latte-Schwaben – in der Verbindung ergibt das die Prenzlschwäbin. Hat die Schauspielerin Bärbel Stolz mit ihrer Kunstfigur etwa bei „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ geklaut? „Ja, auf jeden Fall“, sagt Behrends und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Sie habe sehr viele Mails bekommen, in denen Zuschauer fanden, Stolz bediene sich zumindest aus der Ideenkiste der Theater-Sitcom. „Charaktere wie den schwäbischen Sexkundelehrer Üwele aus Prenzlauer Berg hatten wir zuerst“, sagt Behrends. Stören tut sie die Ähnlichkeit der Klischee-Parodie nicht: „Es spricht ja für’s Konzept!“

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