Chestnut Paradise Quartier in der Kastanienallee

von Kristina Auer 27. Juni 2017

Wenn ein Hausprojekt sich über die Immobilienindustrie lustig macht, entsteht das Chestnut Paradise Quartier.


Euphorischer Gruß der automatischen Telefonansage: „Herzlich willkommen, im Chestnut Paradise Quartier – das Luxus Townhouse mit Urban City Landhauscharme! 850 Quadratmeter Living Space für entspanntes Garden Living. Sie benötigen mehr Informationen? Besuchen Sie uns in unserem Showroom im Showspace Container direkt vor unsere Projektanlage in hochwertiger Nachbarschaft der Kastanienallee 77!“

 

„Vorgründerzeitliches Ensemble mit Stallungen“

 

Ein „Vorgründerzeichtliches Ensemble mit Stallungen“ bewirbt das große Banner an der Hausfassade und wirft sogleich weiter munter mit englischen Worthüllen um sich. „Street Food Kitchen“ ist noch zu verstehen, bei „Healing Space“ und „Graphic Lounge“ wird es schon etwas assoziativer – aber ist ja auch egal, es klingt extravagant, neu und vor allem teuer. Den Dach-Golfplatz und das Kino hatten wir ja schon erwähnt. Zu nennen wären noch die sechs Terrassen auf drei Levels mit Panorama-Weitblick und Orchideengarten.

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Wenn Ihr Euch jetzt schon für eine Eigentumswohnung dort bewerben wolltet, müssen wir Euch enttäuschen: Beim Chestnut Paradise Hotel handelt es sich um eine großartige Gentrifizierungsparodie. Erdacht haben sie die Bewohner des Wohnprojekts K77 in der Kastanienallee, mit der Aktion feiern sie dieser Tage ihr 25-jähriges Bestehen. Am 20. Juni 1992 wurde das Haus besetzt, später kauften es die Bewohner, eine Stiftung erwarb das Grundstück und verpachtete es für die nächsten 50 Jahre an die Kommune. Heute leben dort 20 Erwachsene und zehn Kinder, zwei der ursprünglichen Besetzer wohnen noch immer dort.

 

Geglückte Gentrifizierungsparodie

 

„Die Aktion ist natürlich eine Anspielung auf die vielen Immobilienprojekte, die in der Umgebung entstanden sind“, sagt Elizabeth Grenier, die das Banner mit entworfen hat. Zum 25. Jubiläum habe man etwas Künstlerisches und gleichzeitig Politisches machen wollen, das an der Hausfassade zu sehen ist. „Viele befreundete Hausprojekte sind von derartigen Bauvorhaben bedroht, beispielsweise das Kunsthaus KuLe in der Auguststraße, dagegen wollen wir protestieren“, sagt Grenier. Das Banner hängt jetzt seit dem 16. Juni, es habe auch schon mehrere Kaufanfragen gegeben.

So findet man im Showroom-Container vor dem Haus dann auch keine Wohnungsexposées, sondern eine kleine Ausstellung, die die Geschichte des Hauses erzählt und die kreative Arbeit vorstellt, die dort unter anderem im Tanzstudio und dem Videoatelier entsteht. Auf einer Girlande aus bunten Zetteln haben die Bewohner aufgeschrieben, wofür sie dem Wohnprojekt dankbar sind – „dass meine Kinder hier so glücklich sind“, steht auf einem.

 

Die Ausstellung im Container vor der Kastanienallee 77 ist täglich von 15.30 Uhr bis 18.30 Uhr ist die geöffnet. Am 14. Juli ist Finissage mit Diskussionsrunde zum Thema Wohnraum und Gentrifizierung.

 

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