Uebereck

„Ich hab Angst, dass ich vielleicht nie wieder öffnen werde“

von Julia Schmitz 20. April 2021

Bars gehörten zu den ersten, die schließen mussten – und bisher noch keine Öffnungsperspektive haben. Wie geht es dir nach einem Jahr Pandemie, haben wir deshalb Marco Hinze, den Wirt vom „Uebereck“ auf der Prenzlauer Allee gefragt.


„Stört es dich, wenn ich rauche?“ fragt mich Marco. Wir haben uns in den Innenraum des Uebereck gesetzt, an einen dieser typischen Kneipentische aus dunklem Holz, anhand dessen zahlreicher Nutzungsspuren man so manche Geschichte von langen Nächten mit viel Alkohol und philosophischen Diskussionen erzählen könnte. An der Bar reihen sich leere Gläser und Flaschen aneinander, es riecht nach abgestandenem Rauch. Ich werde wehmütig. Wann habe ich überhaupt das letzte Mal unbeschwert in einer Bar gesessen? „Auf jeden Fall, du musst unbedingt rauchen!“, sage ich lachend, obwohl ich selbst Nichtraucherin bin.

Eigentlich würde Marco in ein paar Stunden den Rollladen vor der Eingangstür nach oben ziehen, die Klappstühle und Tische vor dem Haus aufstellen und die Musik einschalten. Nach und nach würden die Gäste eintrudeln und sich an die Bar oder in den Gastraum setzen, ein Bier bitte, für mich eine Weinschorle, der Zigarettenqualm würde mit der Zeit immer dichter werden. Eigentlich. Denn auch das Uebereck auf der Prenzlauer Allee Ecke Christburger Straße ist von der Pandemie betroffen und somit geschlossen. Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres, diesmal bereits seit über fünf Monaten. Wie hält Marco das durch, vor allem finanziell?

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Kalt erwischt

Dass etwas passieren müsse, um das Infektionsgeschehen einzudämmen, war dem Kiez-Wirt im März 2020 natürlich bewusst. Aber in welchem Ausmaß? „Ich habe am Anfang nicht gedacht, dass Maßnahmen beschlossen werden, die meine Existenz bedrohen könnten“, erzählt er. „Das einem die Fähigkeit genommen wird, für das eigene Auskommen zu sorgen. Bis hin zu der Gefahr, dass man das, was man sich über viele Jahre aufgebaut hat, verliert.“

Als der Berliner Senat bekannt gibt, dass alle Schankwirtschaften ab dem 16. März schließen müssen, freut er sich noch auf ein letztes Wochenende mit seinen Stammgästen, bestellt extra neue Getränke. War das zu blauäugig? Letztendlich wird die Schließung kurzfristig auf den Samstagabend vorverlegt, Hinze erfährt um kurz vor 18 Uhr über Twitter davon – wenige Minuten vor seiner üblichen Öffnungszeit. „Das hat mich ganz schön kalt erwischt“, sagt er.

 

„Das Wasser steht mir bis zum Kinn“

Mit der Soforthilfe vom Berliner Senat und der Überbrückungshilfe durch den Bund übersteht er den ersten Lockdown einigermaßen glimpflich, kann zumindest die laufenden Kosten decken. Bevor es brenzlig wird, endet der Lockdown und das Uebereck darf wieder öffnen, sogar ganz unbürokratisch den Außenbereich erweitern. Finanziell wird es ein guter Sommer. Auf den zweiten Lockdown ist Hinze, der seit Anfang der 1990er Jahre im Uebereck arbeitet und die Bar 2004 komplett übernommen hat, zunächst besser vorbereitet.

Doch wie lange hält man durch, wenn man keinerlei Umsatz macht, die Auszahlung der Überbrückungshilfen teilweise erst Monate nach dem Antrag erfolgt – und die Gelder in den meisten Fällen sogar nur für einen Teil der Fixkosten und schon gar nicht für die privaten Lebenshaltungskosten gedacht sind?

„Diese Realitätsfremdheit der Regierung, diese bürokratischen Hürden bei den Hilfen und oben drauf alle paar Tage eine Senatssitzung, auf der neue Regeln beschlossen werden, sind extrem anstrengend. Diese Zeit ist geprägt von Existenzangst und man wird auch im Privaten dünnhäutiger. Das Wasser steht mir bis zum Kinn“, erzählt mir Marco.

 

Kultkneipe aus der Nachwendezeit

Aufgeben ist für ihn trotzdem keine Option. Das Uebereck sei eines der letzten „Schlachtschiffe“ aus dem wilden Prenzlauer Berg der Nachwendezeit, hier träfen sich die Menschen aus dem Kiez und kämen selbst dann noch regelmäßig auf ein Bier vorbei, wenn sie aus dem Stadtteil weggezogen sind. „Ich bin seit Anfang der 90er Jahre in der Gastronomie und mache das bis heute immer noch sehr gern. Ich liebe es, hinter dem Tresen zu stehen. Ich wollte nie einen Touri-Laden haben, der möglichst viel Geld abwirft, sondern eine Art Wohnzimmer, wo Leute sich begegnen und ich der Gastgeber sein kann“, so Hinze. In seiner Bar seien bereits Ehen geschlossen und Kinder gezeugt worden, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Nachdem er den Laden 2004 übernommen hatte, brauchte er ein paar Jahre, um die noch von den Vorbesitzern angehäuften Schulden abzuarbeiten – jetzt macht er erneut Schulden. „Zwar fange ich nicht wieder ganz bei Null an, aber bin doch deutlich zurückgeworfen worden. Ich hoffe, dass ich zumindest im Sommer öffnen darf. Ich habe aber keine Idee, wann das sein könnte, welche Maßnahmen und Hilfen es noch geben wird und wie es überhaupt weitergeht. Natürlich habe ich Angst, dass ich vielleicht nie wieder aufmachen werde.“

Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Darauf erstmal noch eine Zigarette.

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