Sperrstunde-Scotch&Sofa

„Ich kann das maximal noch zwei Wochen durchhalten“

von Mona Linke 13. Oktober 2020

Seit Samstag müssen in Berlin um 23 Uhr die Bordsteine hochgeklappt werden. Gastronomen in der ganzen Stadt bringt das in ernsthafte Existenznot. So auch zwei Barbetreiber aus Prenzlauer Berg. 


Es ist diese eine Idee, über die wohl schon jeder einmal mit der Freundin oder dem besten Kumpel fantasiert hat: eine eigene Bar eröffnen. Auch Daniel Hoffmann hatte diese Idee, 14 Jahre ist das her. Und als dann tatsächlich sogar seine Lieblingsbar, die X-Bar nahe dem Helmholtzplatz, plötzlich zum Verkauf stand, haben er und sein bester Freund zugegriffen. Den gut bezahlten Job im Marketing hat der 49-Jährige dafür an den Nagel gehängt und seine gesamte Energie fortan nur noch in den Betrieb gesteckt. „Das ist ein Herzensprojekt”, sagt der Berliner auch heute noch. Und er bereut nichts, denn der Laden lief immer gut, die beiden Inhaber konnten sogar Geld zurücklegen. „Es gab immer Krisen”, erinnert sich Daniel. „Aber das gerade ist mit Abstand die schlimmste”. 

Dem Barbetreiber geht es wie Tausenden Gastronomen in der Hauptstadt, die seit Monaten mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen haben – und die die neueste Corona-Maßnahme jetzt wie ein Schlag ins Gesicht trifft: Denn ab 23 Uhr müssen Hotels, Restaurants und Bars ihre Gäste vor die Tür setzen. Vorerst bis zum 31. Oktober solle die Regelung gelten, heißt es von der Senatsgesundheitsverwaltung. Wer gegen die neue Auflage verstößt, muss mit einem Bußgeld von bis zu 5000 Euro rechnen. Bei Kneipen-Initiativen, Gastronomie-Verbänden und allen voran bei den Wirten selbst sorgt der erneute Ausgeh-Stopp für Empörung. 

 

Sperrstunde-X-Bar Prenzlauer Berg

Daniel Hoffmann vor seiner Cocktail-X-Bar in der Raumerstraße. Foto: Mona Linke

 

Ich bin der letzte, der sich gegen Maßnahmen stellt“

„Das Problem ist, dass wir zwischen 22.30 Uhr und 0 Uhr ungefähr 80% des gesamten Umsatzes macht”, sagt Hoffmann. An einem regnerischen Freitagnachmittag sitzt der Bar-Inhaber auf einer breiten Ledercouch im hinteren Teil seines Lokals. Über Monate haben er und seine Kolleg*innen sich an die Hygiene- und Abstandsregeln gehalten, und zwar „wie die Doofen”, sagt er. Man habe Desinfektionsmittel und Schilder aufgestellt, eine Maskenpflicht verhängt und dafür gesorgt, dass jeweils 1,50 Meter Abstand zwischen den Gästen bleibt. Der Umsatz sei um die Hälfte eingebrochen – allein schon, weil nur noch halb so viele Leute in die Bar gepasst haben. 

„Ich bin der letzte, der sich gegen Maßnahmen stemmt und ich verstehe vollkommen, dass man auf den Anstieg der Zahlen reagieren muss”, sagt Hoffmann. „Aber dass man jetzt die gesamte Branche pauschal verurteilt und eine Sperrstunde verhängt, halte ich ganz einfach für ungerecht”. 

Die Betreiber der Cocktailbar sind rein finanziell vergleichsweise gut in die Krise gestartet, hatten direkt die 14.000 Euro Soforthilfe beantragt und sich einigermaßen über Wasser halten können. In den nächsten Wochen könnte sich das ändern –  je nachdem, wie die Gäste mit der Sperrstunde umgehen. „Ich denke nicht, dass die Leute deswegen früher kommen. Wir haben schon jetzt reihenweise Stornierungen erhalten”, sagt der Berliner. Wie viele andere Gastronomen, aber auch Verbände und Rechtsanwälte hält der 49-Jährige die neue Verordnung für juristisch fragwürdig – schließlich gilt die Sperrstunde allein für gastronomische Betriebe, sprich: für eine einzelne Branche. Hoffmann spielt deswegen mit dem Gedanken zu klagen. Einen konkreten Plan hat er allerdings noch nicht. 

 

„Der Staat hat mir alles genommen”

Sören Pohle ist hier schon einen Schritt weiter: Der 52-Jährige hat sich einer Sammelklage mit 150 weiteren Gastronom*innen aus Berlin angeschlossen. Denn seine Bar im Kollwitzkiez steht kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps. „Ich kann das maximal noch zwei Wochen durchhalten, dann muss ich dicht machen”, sagt der Betreiber des „Scotch & Sofa”. Wut schwingt in seiner Stimme mit, die sich jedes Mal erhebt, wenn man ihn auf die jüngst verhängte Sperrstunde oder die Maßnahmen der vergangenen Wochen anspricht. „Der Spaß wird gezielt ausgebremst”. Pohle berichtet von kulturellen Einrichtungen, die dicht machen mussten und von Clubs, die Insolvenz angemeldet haben. Ihm selbst bleibe im nächsten Schritt nur die Sozialhilfe – auf keinen Fall werde er die Umsatzrückgänge noch mal ausgleichen können. 

Anders als Daniel Hoffmann von der X-Bar hat die Corona-Pandemie den 52-Jährigen schon Mitte März kalt erwischt. Pohle hat die geräumige Cocktailbar nämlich vor etwas mehr als fünf Jahren gepachtet, riesige Summen in die Renovierung gesteckt und bei einer monatlichen Kaltmiete von über 4260 Euro kaum etwas zurücklegen können. „Den ersten Lockdown hätte ich gerade so noch verkraften können.“ Die Sperrstunde jetzt sei allerdings das Todesurteil. „Für mich heißt das, die letzten fünf Jahre umsonst gekämpft zu haben”, so Pohle. „Der Staat hat mir alles genommen.“ 

 

Bislang keine Entscheidung über Eilantrag

Ob die geplante Sammelklage überhaupt etwas bewirken wird, ist ungewiss. Bereits vor Inkrafttreten der Sperrstunde hatte ein Berliner Rechtsanwalt einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht vorgelegt, um die neue Verordnung zu kippen. Die Regelung sei „unverhältnismäßig” und „kopflos”, sagte der Jurist gegenüber dem Tagesspiegel. Außerdem sei nicht ersichtlich, warum die neuen Auflagen allein für Gastronomen gelten, nicht aber für Theater, Fitnessstudios, Saunen und Bordelle. Auch die Berliner Clubcommission hatte die verschärfte Maßnahme des Berliner Senats heftig kritisiert und alternativ vorgeschlagen, Schnelltests vor Clubs und Bars einzurichten. Doch bislang gibt es keine Anzeichen, dass der Senat so schnell von seiner Entscheidung abrücken wird. 

Für Pohle ist es fast zweitrangig, ob seine Klage Erfolg haben wird: „Selbst wenn wir nichts erreichen: Man würde wenigstens ein Zeichen setzen. Und dafür gebe ich gern mein letztes Hemd her”.

 

Fotos: Mona Linke

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