Familie Rochmann. Greifswalder Straße

Auf eine Zigarette an der Greifswalder

von Mona Linke 17. März 2021

Mittlerweile sitzen Startups, ein Supermarkt und ein Einrichtunghaus in dem Gewerbehof “Fabrik”. Dass hier vor knapp 100 Jahren jüdische Unternehmensgeschichte geschrieben wurde, weiß heute kaum noch jemand.


Ist man erst einmal in die kleine abgedunkelte Einfahrt neben Bio-Company eingebogen, sind die lärmenden Geräusche von der vierspurigen Greifswalder Straße kaum noch zu hören. Dann plötzlich öffnet sich der Blick und man steht allein in dem großen, menschenleeren Hof, umringt von schmucklosen, glatten Fassaden. Einzig das Mittelstück hebt sich optisch ab, denn es ist von oben bis unten mit beigen, glasierten 70er-Jahre-Fliesen bedeckt. Es trennt den ersten Hof vom zweiten Hinterhof, der mit seinen titanweißen Neubaufassaden nun so gar nichts mehr mit schmuckem Retro-Stil zu tun hat. Daran ändert auch das dekorative Schilfgras nichts, das aus einer abgezäunten Grünfläche in der Mitte des Hofes sprießt.

Greifswalder Straße

Im zweiten Hinterhof in der Greifswalder Straße 212/213 erinnert heute nichts mehr an die wechselvolle Geschichte. Foto: Mona Linke

Ein paar Menschen entdeckt man dann doch, späht man durch eines der Fenster im Erdgeschoss: Es sind mehrheitlich gut angezogene Mittdreißiger, die konzentriert auf schmale Computer-Bildschirme starren und dabei an weißen Kaffeetassen nippen. Ob sie wissen, was sich dort abgespielt hat, wo jetzt ihre Schreibtische stehen? Ob sie ahnen können, wie viele Tonnen Tabak hier in der Greifswalder Straße 212/213 jeden Tag von zig Händen zu Zigaretten gerollt und anschließend in kleine bunte Blechdosen verpackt wurden? Es ist zu bezweifeln – denn nur die wenigsten kennen die Geschichte der jüdischen Unternehmerfamilie Rochmann, die sich vor knapp 100 Jahren in Berlin ein kleines Zigarettenimperium aufgebaut hat – und deren Unternehmergeist mit Beginn der 1930er Jahre ein jähes Ende nehmen sollte.

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Berlin und Dresden: Hochburgen der Zigarettenindustrie

“Um die Jahrhundertwende kamen viele osteuropäische jüdische Arbeiter nach Deutschland und arbeiteten hier in Zigarettenfabriken”, sagt Leonore Maier, die sich 2008 im Rahmen einer Ausstellung im Jüdischen Museum mit der deutschen Zigarettenindustrie im 20. Jahrhundert beschäftigt hat. Um 1900 hätten sich die Lebens- und Arbeitsrhythmen enorm beschleunigt, so die Kuratorin – das habe die Zigarette als billigeres und schnelleres Genussmittel immer begehrter gemacht. Zentren der Zigarettenproduktion wurden Dresden und Berlin. “Allein in der Hauptstadt haben sich um die 500 Betriebe angesiedelt”, so Maier.

Einer dieser Fabrikanten war der jüdische Unternehmer Szlama Rochmann, dessen Familie 1870 von Warschau nach Berlin kam. Schon Szlamas Vater hatte eine Zigarettenmanufaktur in der Landsberger Allee betrieben, die nach seinem Tod allerdings von Bruder Baruch weitergeführt und später in “Phänomen” umbenannt wurde. Szlama Rochmann arbeitete zunächst als Schuhmacher, bevor er in das Geschäft mit dem Tabak einstieg und 1889 seine eigene Zigarettenfabrik in der Alexanderstraße eröffnete. Verarbeitet wurden dort vor allem türkische Sorten, die damals wegen ihrer leicht fruchtigen Note besonderen Anklang fanden.

Szlama Rochmann nannte seine Firma “Mahala-Problem”. Was es mit der Wortkombination auf sich hatte, darüber lässt sich heute nur noch spekulieren. “Selbst die Enkel von Szlama Rochmann kannten die Geschichte hinter dem Namen nicht mehr”, so Leonore Maier. Mit der neuen Fabrik jedenfalls war die gleichnamige Marke “Problem” geboren – eine der einst beliebtesten Zigarettensorten auf dem deutschen Markt, die es wiederum in etlichen verschiedenen Geschmacksrichtungen gab. Als da wären: “Ethik”, “Element” oder die wohl bekannteste Ausführung: “Moslem”.

Greifswalder Straße / Moslem

Werbemarke der Zigarettenmarke „Moslem“. Besitz & Foto: Dieter Eberding

 

Ein gut ausgebautes jüdisches Netzwerk

1914, pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum von “Mahala Problem”, zogen Szlama Rochmann, seine Frau Hanna und die drei Kinder in den Prenzlauer Berg, in die Nähe ihrer neuen Fabrik, die an der Greifswalder Straße entstehen sollte, um das gut laufende Tabakgeschäft weiter auszubauen. Rochmann erwarb das Grundstück höchstwahrscheinlich von einem Rentier, der die ehemalige Schuhcreme- und Hartgummi-Fabrik bis dato an rund ein Dutzend Gewerbetreibende vermietet hatte.

Zunächst einmal mussten also Produktions- und Lagergebäude entstehen. Szlama Rochmann und seinen Söhnen, die inzwischen ebenfalls in die Zigarettenfertigung eingetreten waren, halfen dabei ihre guten Kontakte zur jüdischen Gemeinschaft. So wurden beispielsweise die beiden jüdischen Architekten Moritz Ernst Lesser und Ernst Ludwig Freud, der Sohn Sigmund Freuds, mit Planung und Umbau des Geländes beauftragt. Auch war es der jüdische Grafiker Hans Rudi Erdt, der als erster den eleganten Herrn mit Schnurrbart und türkischem Fes vorzeichnete, zwischen dessen Lippen eine qualmende Zigarette klemmte. Jahrelang sollte das eindringliche Logo (erfolgreich) für die Marke “Moslem” aus dem Hause “Problem” werben. “Diese Form der Vernetzung jüdischer Geschäftsleute, Grafiker oder Architekten war für die Zeit nicht ungewöhnlich”, so Maier.

 

Das Monopol der Firma Reemtsma

“Problem”-Zigaretten wurden in den 1920er Jahren immer beliebter und der Familien-Betrieb entwickelte sich zu einem der bekanntesten in der “Zigaretten-Hochburg” Berlin. Als “Problem”-Begründer Szlama Rochmann 1925 starb, führten seine beiden Söhne Carl und Heinrich den Betrieb zusammen mit Witwe Hanna weiter. Das funktionierte nur noch wenige Jahre – denn inzwischen war ein neuer Player auf den Zigarettenmarkt gedrängt, der mit seiner aggressiven Expansionspolitilk und teils perfiden Methoden fast die gesamte Konkurrenz aufkaufte und damit ausschaltete: die Hamburger Firma Reemtsma. Es war 1929, als sich die Weltwirtschaftskrise zu verschärfen begann und türkische Tabakbauern zudem mit hohen Ernteeinbußen zu kämpfen hatten.

“Problem” geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten und die Rochmanns mussten schließlich den Betrieb aufgeben. Die Firma gehörte fortan zum Reemtsma-Imperium. Ein anderes Schicksal ereilte Bruder Baruch Rochmann mit seiner Fabrik an der Landsberger Allee. Vermutlich 1937 fiel der Betrieb der “Arisierung” durch die NSDAP zum Opfer, was konkret bedeutet: Die Rochmanns wurden enteignet. Es sollte nicht bei den wirtschaftlichen Verlusten bleiben: Während es dem Großteil der Familie Rochmann gelang, in die USA und nach London zu emigrieren, wurden Szlamas Sohn Carl und seine Frau 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Dass auch heute noch an die Geschichte des Gewerbehofs Greifswalder Straße 212/213 erinnert wird, ist aus Leonore Maiers Sicht elementar. “Das Schicksal dieser Zigarettenfirmen und der jüdischen Unternehmerfamilien ist exemplarisch für die deutsch-jüdische Geschichte.” So ließen sich hier der Aufschwung, die Blütezeit und der Konzentrationsprozess in den Jahren der Weltwirtschaftskrise ablesen. “Schlussendlich blieben nur noch wenige Firmen übrig, die in der NS-Zeit enteignet wurden”.

Titelbild: Die Belegschaft der Zigarettenfabrik „Problem“ 1914 in Berlin. Quelle: Jüdisches Museum Berlin, Inv. Nr. 2005/76/1, Schenkung von Carol S. Eini, Nachfahrin von Szlama Rochmann.

 

Wie es mit der „Fabrik“ nach dem Zweiten Weltkrieg weiterging, lest ihr im zweiten Teil.

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