Die Verdrängung der Autofahrer

von Anja Mia Neumann 14. August 2017

SOMMERPAUSENSONDERSENDUNG: So manch Berliner Autofahrer hat gerade das Gefühl, man wolle ihm an den Kragen. Warum dieses Gefühl stimmt und was 9 Quadratmeter mehr oder weniger ausmachen, haben wir im April für Euch aufgeschrieben.

ARTIKEL vom 24. April 2017:

Ein Privileg zu verlieren, fühlt sich nicht gut an. Und darauf steuert gerade die Berliner Verkehrspolitik hin. Autofahrer fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. Sie sollen jahrelange Vorteile abgeben, Busse, Bahnen, Fahrräder und Fußgänger dafür mehr Platz bekommen.

Die Prenzlauer Berg Nachrichten erklären anhand einiger Fakten, warum das so ist.

 

Sicherheit

 

FAKT:

Fußgänger und Radfahrer haben keine Knautschzone, die ihnen in einer brenzligen Situation das Leben retten könnte. Im vergangenen Jahr kamen in Berlin insgesamt 17 Fahrradfahrer im Verkehr ums Leben – sechs von ihnen laut Polizei durch Fehler rechtsabbiegender Autos, Lastwagen und Busse. 744 Radler wurden so verletzt. Auch drei Fußgänger starben 2016 bei Abbiegeunfällen.

Der erste Fahrradtote in diesem Jahr war ein 80-Jähriger in Kreuzberg, den ein rechtsabbiegender Lastwagen erfasst hatte. Der letzte tödliche Verkehrsunfall in Prenzlauer Berg mit einem Fahrradfahrer ereignete sich laut Polizei im Oktober 2015 an der Kreuzung Danziger Straße Ecke Dunckerstraße. Der Radler fuhr bei Rot über eine Fußgängerüberweg und wurde von einem Auto erfasst.

 

FAZIT:

Ja, es gibt sie die Rowdie-Radler, die Unfälle provozieren. Aber Fahrradfahrer tragen an einem Zusammenstoß nicht immer selbst Schuld, wie die Unfallzahlen zeigen. Pläne für Radschnellwege, in Prenzlauer Berg auf der Schönhauser Allee, und neue – zum Beispiel durch Poller – abgegrenzte Fahrradwege dienen nicht nur dem Komfort von Nicht-Autofahrern, sondern auch deren Sicherheit.

Über der neuen Verkehrsstrategie schwebt auch die Idee der „Vision Zero“, laut der ein menschlicher Fehler im Straßenverkehr nicht tödlich sein darf.

 

Wachstum

 

FAKT:

Der Platz wird knapp. Das macht sich nicht nur auf dem Wohnungsmarkt bemerkbar, sondern auch auf der Straße. Pankow ist laut der jüngsten Bevölkerungsprognose der am stärksten wachsende Bezirk Berlins mit 16 Prozent. In Prenzlauer Berg sollen es bis 2030 immerhin noch 5 bis 10 Prozent sein. Das entspräche bei knapp 160 000 Einwohnern einem Zuwachs von 8000 bis 16 000 Prenzlauer Bergern. Nicht rekordverdächtig, aber es ist ja schon eng.

Fakt ist auch: Autos sind rund 2 Meter breit und circa 4 bis 5 Meter lang – das macht durchschnittlich 9 Quadratmeter. Manch einer fühlt sich da an die Ausmaße seines Kinderzimmers erinnert.

 

FAZIT:

Eine wachsende Stadt heißt: Abwägung. Wofür man den vorhandenen Platz nutzen möchte. Und das immer im Sinne der Allgemeinheit. Lieber Parks oder Spielplätze fürs Wohlbefinden? Lieber Wohnräume oder Geschäfte zum Leben? Lieber Parkplätze oder Straßen für die Mobilität? Oder sollte man eine einzelne Fläche gänzlich umwidmen? Je nach Lebenssituation entscheidet sich da wohl jeder anders.

Wie bei Gericht überwiegt dann im Zweifel das öffentliche Interesse. In dieser Logik haben privat genutzte Autos schlechte Chancen. Sie nehmen in der Masse viel Platz weg, der nur wenigen Menschen zu Gute kommt. Hätte Berlin ganz viel Geld, könnte man die Stadt natürlich weiter untertunneln und alle Grünflächen auf die Dächer verlagern. Hat Berlin aber nicht.

 

Gesundheit

 

FAKT:

Die besungene Berliner Luft ist nicht die beste. Laut Senat kommt es im Berliner Hauptstraßennetz immer wieder zur Überschreitung von Grenzwerten für Stickstoffdioxid und Feinstaub durch Abgase. Stuttgart zum Beispiel zeigt eindrucksvoll, was Autopendelei in der Großstadt macht. Ein Feinstaubalarm in Sachen Gesundheitsgefährdung folgt auf den nächsten – und in ihrer Verzweiflung experimentiert die Stadt mit einer Mooswand.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat vor einiger Zeit die Belastung der Berliner Luft ermittelt. Ergebnis: Der Dreck dringt sogar in innerstädtische Kindergärten und Schlafzimmer ein. Die Luft in einer Kita etwa, die in Mitte in einer verkehrsberuhigten Ecke steht, enthielt 48 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter. In einer Wohnung in der Chausseestraße waren es 79,5 Mikrogramm, fast das Doppelte des zugelassenen Grenzwerts.

 

FAZIT:

Zur „Kur an die See“ geschickt zu werden. Fast jeder Berliner kennt jemanden, dem das so ging. Der Grund für den wochenlangen Aufenthalt am Meer sind meist Probleme mit Allergien, mit Asthma und den Bronchien, kurz: mit der (dreckigen) Luft. In Sachen Luftverschmutzung ist kaum eine Gleichung so leicht wie diese: je weniger Abgase in der Stadt, desto sauberer und sicherer die Luft, die wir atmen.

 

Gerechtigkeit

 

FAKT:
Zum Schluss in aller Kürze: Ein Auto kann sich nicht jeder leisten. Ein Fahrrad oder ein ÖPNV-Ticket dagegen schon.

 

FAZIT:
Gerechtigkeit ist ein großes Wort und viele werden einwenden: Das gibt es bei uns nun mal nicht. Weder beim Wohnen, noch in der Freizeitgestaltung, noch in der Mobilität. Aber man kann ja daran arbeiten. Im Sinne der Gemeinschaft EINER Stadt. Und dafür sorgen, dass auch Menschen ohne Auto schnell, sicher und bequem irgendwo ankommen.

 

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1 Kommentar

Günter Hahn 18. August 2017 at 10:52

Ich bin selbst Autofahrer und seit gut 30 Jahren unfallfrei. Die Fahrgewohnheiten vieler Autofahrer sind durch Hast und Eile geprägt. Das führt zu überhöhten Geschwindigkeiten gerade im Stadtverkehr und damit zur Steigerung von Unfällen. Gefördert wird dies durch das Vorhandensein zwei- und teilweise mehrspurige Straßen im Stadtgebiet.
Deshalb halte ich eine Reduzierung von Fahrspuren für Autofahrer auf generell einspurige Fahrbahnen im innerstädtischen Verkehr für unabdingbar und sinnvoll. Dadurch werden Autofahrer zu erhöhter Aufmerksamkeit und gegenseitiger Rücksichtnahme verpflichtet, was im Übrigen dem § 1 der Straßenverkehrsordnung voll entspricht.
Es ist allerdings nicht damit zu rechnen, dass sich die Anzahl zugelassener Autos in der Stadt spürbar verringert. So gesehen ist der gleichzeitige Trend zum Abbau von Parkmöglichkeiten, wie bisher betrieben, absolut falsch und abzulehnen.

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