Arne Kollwitz in seinem Haus in Schlachtensee (Foto: Constanze Nauhaus)

„Meine Großmutter war eine wagemutige Frau“

von Constanze Nauhaus 7. Juli 2017

Am Sonnabend wäre Käthe Kollwitz 150 Jahre alt geworden. Wir sprachen mit ihrem Enkel Arne Kollwitz über seine Erinnerungen an die Großeltern – und den Prenzlauer Berg von damals.

Mit der S-Bahn und dann vom Alex hochlaufen: In seiner Kindheit besuchte Arne Kollwitz seine Großeltern mindestens ein Mal die Woche in Prenzlauer Berg, wo sie ein halbes Jahrhundert lang in der Weißenburger, heute Kollwitzstraße lebten. Morgen wäre Käthe Kollwitz 150 Jahre alt geworden. Die Feierlichkeiten werden überschattet von der drohenden Kündigung des Kollwitz-Museums in der Charlottenburger Fasanenstraße, gegen die der Kollwitz-Enkel in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel protestierte. Arne Kollwitz, Jahrgang 1930 und wie sein Vater Hans und sein Großvater Karl Mediziner, wuchs mit seiner Familie in Lichtenrade auf. Sein Bruder Peter fiel 1942 in Russland. Seine Schwester Jördis verstarb vor wenigen Wochen, ihre Zwillingsschwester Jutta (93) lebt in Köln. Wir besuchten den 87-jährigen Arne Kollwitz in seinem Haus in Schlachtensee, um mit ihm über die Familie und seine Erinnerungen an den Prenzlauer Berg seiner Großeltern zu sprechen.

 

Herr Kollwitz, bei Ihnen ist gerade viel los, oder?

Ja, ich habe eine neue Bedeutung als Enkel bekommen (lacht). Das spielte in den letzten Jahren keine Rolle, aber nun, zum 150. Geburtstag… Letzte Woche habe ich sechs Interviews gegeben. Ich bin überrascht über diese mediale Aufmerksamkeit meiner Großmutter gegenüber, die bislang in der Öffentlichkeit und gerade auch vom Senat ja in keiner Weise geteilt wird.

 

Darüber klagten Sie auch in Ihrem Gastbeitrag im Tagesspiegel, in dem Sie gegen die geplante Kündigung des Berliner Kollwitz-Museums protestierten…

Ja, und ich wunderte mich über die ausbleibenden Leserbriefe. Offensichtlich ist es den Berlinern völlig egal, ob es hier ein Kollwitz-Museum gibt oder nicht. Die meisten Besucher sind Touristen, denn die Berliner gehen in die meisten Museen ein Mal. Da braucht es schon regelmäßige Sonderausstellungen, um das Interesse der Ansässigen aufrechtzuerhalten.

 

Wie jetzt zum Jubiläum. In der Fasanenstraße ist gerade „Käthe Kollwitz und ihre Freunde“ zu sehen, in der Galerie Parterre in Prenzlauer Berg „Käthe Kollwitz und Berlin“. Waren Sie oft bei Ihrer Großmutter in Prenzlauer Berg?

Ja, in den Jahren ’42 und ’43 kam ich regelmäßig in die Weißenburger Straße, weil eine entfernte Verwandte der Familie, die bei meiner Großmutter wohnte, mir Klavierunterricht gab. 1941, zu Kriegsbeginn, sicher nicht, da war ich wie die meisten Berliner Schüler in der Kinderlandverschickung, weil man Luftangriffe aus Berlin befürchtete. Da war ich zehn Jahre alt. Und 1943 verließ meine Großmutter Berlin.

 

Haben Sie Erinnerungen an die Wohnung Ihrer Großmutter?

Ich glaubte, eine Vorstellung von der Wohnung zu haben, aber für eine Publikation des Kollwitz-Museums wurden meine Schwestern und ich einmal gebeten, einen Grundriss zu zeichnen. Da kamen völlig unterschiedliche Ergebnisse heraus! (Lacht.) Nach einer so langen Zeit verblassen solche Erinnerungen eben. Aber soviel weiß ich noch: Im untersten Stockwerk des Eckhauses befand sich die Praxis meines Großvaters und darüber die Wohnetage. Im Dachgeschoss gab es wohl zwischenzeitlich ein Zimmer, in dem mein Vater lebte, bis er 1920 auszog.

 

Sie haben als Kind mit Ihrer Familie in Lichtenrade gewohnt. Wie sind Sie zu Ihren Großeltern gekommen?

Mit der S-Bahn. Von Lichtenrade bis, ich nehme an, Alexanderplatz. Von da sind wir gelaufen oder vielleicht auch Straßenbahn gefahren.

 

Wie unterschied sich der Prenzlauer Berg damals von Lichtenrade?

Schon allein von der Bebauung her natürlich sehr. Hier der Prenzlauer Berg mit seinen Mietskasernen, dort das sehr bürgerliche, geradezu kleinbürgerliche Lichtenrade. Unser Haus etwa war sozialer Wohnungsbau von 1921, von einer Primitivität, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Im Winter wehte der Schnee durch die Türritzen in die Küche. Unsere Toilette fror im Winter regelmäßig ein. Natürlich alles mit Ofenheizung.

 

Waren die Tage bei Ihrer Großmutter dagegen Luxusurlaube?

Nein, in Prenzlauer Berg war es doch genauso. Sie kennen das sicher selbst, die Wohnung Ihrer Eltern wird auch Kachelöfen gehabt haben, oder?

 

Ja, bis in die Neunziger hinein. Aber abgesehen von der Bebauung – hat sich Ihnen eine besondere Atmosphäre, ein Lebensgefühl eingebrannt, das in diesem wachsenden Stadtviertel herrschte?

Es war schon ein Arbeiterbezirk. Als mein Großvater dort praktizierte, behandelte er überwiegend Arbeiterbevölkerung. Man erzählt sich über ihn, wie er zu Hausbesuchen mit riesigen Schlüsselbunden unterwegs war. Das war noch eine andere Art von ärztlicher Versorgung. Und von Vertrauen. Aber sonst … (schmunzelt) Das ist jetzt 70 Jahre her, und das menschliche Gedächtnis hat doch eine begrenzte Speicherfähigkeit.

 

Apropos Gedächtnis: Erzählen Sie mir etwas über Ihre Großmutter. Welche Erinnerungen haben Sie an sie?

Das werde ich oft gefragt, und da kann ich nur vorwegschicken: Ich habe natürlich ein inneres Bild von ihr, aber ich weiß nicht, ob das noch das authentische Bild ist oder geformt worden durch zig Fotografien, die ich in meinem Leben von ihr gesehen habe. Das ist schwer auseinanderzuhalten.

 

Hatten Sie eine enge Großmutter-Enkel-Beziehung?

Die familiären Beziehungen und die Kommunikation damals empfinde ich als viel enger als heute. Nun hing mein Vater auch sehr an seiner Mutter, sie hatten ständigen Kontakt. Wir fuhren jedes Wochenende in die Weißenburger Straße, oder die Großeltern kamen zu uns. An Sonntagen lasen wir klassische Dramen mit verteilten Rollen. Es gab kein Fernsehen, das Radio war nicht sehr verbreitet, wir spielten viel miteinander – Brettspiele, Ratespiele oder Scharaden.

 

Nennen Sie mir ein Beispiel. Was spielte Familie Kollwitz am liebsten?

 

Und was für ein Mensch war Ihr Großvater?

Das stellt folgende Geschichte schön dar: Wir waren einmal mit den Großeltern im Riesengebirge, und da gab es Kreuzottern. Mein Großvater war sehr vorsichtig. Wenn wir über steinige Wege gingen, klopfte er mit seinem Spazierstock auf die Steine vor uns, weil dort eine Schlange hätte verborgen sein können. Mein Großvater war ein vorsichtiger Mensch, der versuchte, Risiken zu erkennen und zu vermeiden.

 

Ihre Großmutter weniger, oder? War sie der draufgängerischere Typ der beiden?

Sie war sicherlich wagemutiger als er, das hat auch mit ihrer Herkunft zu tun. Ihr Großvater Julius Rupp prägte sie sehr, ein protestantischer Divisionspfarrer, der aufgrund seiner modernen Ideen über die Stellung von Frauen im Kirchendienst und Ähnlichem aus der Kirche geworfen wurde. Da gründete er in Königsberg die freireligiöse Gemeinde. Er war ein Rebell.

 

Und Käthe Kollwitz‘ Vater, Ihr Urgroßvater Karl Schmidt?

Ebenso ein Rebell. Als die Sozialdemokratie erstarkte, wurde er Sozialdemokrat. Und wusste, dass er damit als Jurist niemals im Staatsdienst eine Stellung bekommen würde. Daraufhin gab er seinen Beruf auf und wurde Maurer. Das waren zwei Querköpfe, die meine Großmutter natürlich geprägt haben. Mein Großvater hingegen war eines von sieben Kindern, verlor den Vater früh und wurde von der chronisch leidenden Mutter mit 12 Jahren ins Waisenhaus gegeben. Er schaffte es aufs Gymnasium, arbeitete nebenbei, um Medizin studieren zu können. Meine Großeltern entstammten gänzlich unterschiedlichen Lebensumständen.

 

Ein ungleiches Paar. Das zieht sich bekanntlich an.

Genau, das ist für eine Verbindung zwischen Mann und Frau ja nichts Ungewöhnliches. (Lacht.)

 

Sie sprachen zuvor von einem „inneren Bild“, das Sie von Ihrer Großmutter haben. Was war sie für eine Frau?

Sie war Ostpreußin, und die Ostpreußen sind ein schwerblütiger, ernster Menschenschlag. Sie schließen sich nicht so furchtbar leicht auf, sind aber sehr herzlich, wenn sie erst Vertrauen gefasst haben. Sie konnte zwar herzlich lachen und sich an Späßen freuen, aber ihr Gesichtsausdruck war in der Regel ernst. Allein ihre künstlerische Beschäftigung mit dem Tod, das hat ihr ganzes Leben begleitet, bereits im Weberaufstand-Zyklus. Und die „Mutter mit totem Kind“ entstand 1904, noch bevor sie ihren Sohn – meinen Onkel Peter – 1914 im Krieg verlor.

 

War der Lebensmittelpunkt in Prenzlauer Berg wichtig für die Arbeit von Käthe Kollwitz? Oder wäre diese so auch woanders entstanden – in Lichtenrade etwa?

Nein, dieser Stadtteil hat einen Trend, der bei ihr schon angelegt war, verstärkt. Noch zu Schulzeiten in Königsberg ging sie in Kneipen oder an den Hafen und skizzierte Arbeiter. Sie schrieb das in ihren Tagebüchern auch deutlich, dass ihr die bürgerliche Klasse immer langweilig war und sie „der Proletarier“ künstlerisch stärker anregte. Und in der Praxis ihres Mannes hatte sie dann ständig mit diesem Milieu zu tun, viele ihrer Darstellungen sind inspiriert von Patienten – aus Prenzlauer Berg.

 

Apropos alter Arbeiterbezirk: Als Ersatzstandort für die Fasanenstraße war kurzzeitig Neukölln im Gespräch…

… mit dem Argument, dass Kollwitz besser in einen Arbeiterbezirk passe als ins opulente Westberlin. Das ist Unsinn. Sie entstammte dem Bürgertum und hat die Arbeiterklasse zum Thema ihrer künstlerischen Arbeit gemacht. Und das aber deshalb, um das Bürgertum für deren soziale Notlage zu sensibilisieren. Die Fasanenstraße ist ein idealer Standort, das ist eine Kunstzeile geworden. Deshalb appelliere ich erneut an den Senat, bald über eine öffentliche Trägerschaft nachzudenken. Sonst droht Insolvenz.

 

Hoffentlich nicht. Herr Kollwitz, vielen Dank für das Gespräch.

 

Es gibt Geburtstagsgeschenke: Anlässlich des 150. Kollwitz-Jubiläums hat die Galerie Parterre ausstellungsbegleitend den Band „Käthe Kollwitz und Berlin“ herausgebracht. Wir verschenken zwei Exemplare (abzuholen in unserem Büro in der Kulturbrauerei) unter unseren Mitgliedern. Einfach eine Email an redaktion@prenzlauerberg-nachrichten.de senden – die Glücksfeen der Redaktion lassen das Zufallsprinzip entscheiden.

 

 

 

Lest auch: „Wegzuziehen stand nie zur Debatte“ – Auf Käthe Kollwitz‘ Spuren durch den Prenzlauer Berg. Ein Stadtspaziergang mit dem „Berlinologen“ Michael Bienert.

 

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