Mit einem Chromosom mehr

von Anja Mia Neumann 18. März 2015

Juliana Götze ist 29 Jahre alt, gebürtige Prenzlauer Bergerin und anders. Weil sie das Down Syndrom hat. Ihr Leben aber lebt sie auffallend normal – und künstlerisch. Auch dank ihrer Mutter.

Ein Mensch, ist ein Mensch, ist ein Mensch. So lässt sich das Leben von Juliana Götze beschreiben. Die 29-Jährige tut, was ihr Spaß macht. Entgegen aller Vorurteile und mit großer Energie. Sie arbeitet am Theater, macht Yoga und trifft sich mit Freunden, sie geht auf Fluss-Radtouren mit ihrer Familie und nimmt Unterricht in Naturwissenschaften. All das weitgehend unabhängig – so hat sie es gelernt und so möchte sie es auch.

Von ihrer Behinderung, dem Down Syndrom, lässt sie sich dabei nicht aufhalten.

Das klingt wie eine Geschichte gelungener Inklusion in Prenzlauer Berg. Hier ist Götze geboren und hier hat sie ihr ganzes Leben verbracht. Nun sitzt sie im Foyer des Theaters RambaZamba in der Kulturbrauerei, das ist ihr Arbeitsplatz. Eine junge, natürliche Frau mit einem Pferdeschwanz. Sie lacht gern und berichtet stolz von ihren zahlreichen Theaterrollen. In einem Stück spielt sie eine „Triso-Frau“ in Leggings, Rock und silberner Jacke. „Ein bisschen cool“, sagt sie. Sie singt „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen.

 

Ist anders schlecht? Schlechter?

 

Als Götze geboren wurde, 1985 in der DDR, gab es das Wort noch nicht, das jetzt die Debatten bestimmt: Inklusion. „Damals hieß es noch Integration“, erklärt ihre Mutter Petra Götze. Gerade setzt sie sich für ein Wohnprojekt im Kiez ein: inklusives Wohnen von Pädagogik-Studenten, Betreuern und Behinderten. Petra Götze stört, dass Inklusion oft mit Gleichmacherei verwechselt werde. „Wenn alle gleich sind, bräuchte man das Wort ja nicht.“ Entscheidend sei die Wertung. Ist anders schlecht? Schlechter?

Juliana Götze als Desdemona in der Inszenierung „Lost Love Lost“ im Theater RambaZamba

Juliana Götze als Desdemona in der Inszenierung „Lost Love Lost“  

© Theater RambaZamba/ Rob de Vrij

 

Im Gespräch wird schnell klar: All das, was Juliana jetzt macht, verdankt sie ihrem eigenen Ehrgeiz und ihrem Talent. Und ganz besonders dem Engagement ihrer Mutter.

Denn Petra Götze hat für ihre Tochter gekämpft: Um einen Kindergartenplatz unter nicht-behinderten Kindern, um die Grundlagen in Rechnen, Schreiben und Lesen in der Schule, um die Anträge auf finanzielle Förderung beim Bezirksamt, um die Teilnahme an Kursen in Jazz Dance und Selbstverteidigung, um einen Platz im Kinderzirkus, um den ersten Theaterauftritt, um die Extra-Stunden in Chemie, Biologie und Physik, die Juliana so gern wollte. Nebenbei arbeitet Petra Götze stundenweise als Kosmetikerin.

 

Selbstverteidigung: „Ich kann auch stark sein.“

 

Der erste Erfolg: Als Kleinkind bekam Juliana Götze einen Platz in der evangelischen Kita in der Dänenstraße. „Das war ein wichtiger Schritt unter in Anführungszeichen normalen Kindern zu sein“, sagt ihre Mutter. Üblich sei das nicht gewesen. Nach der Wende ging Götze auf die Förderschule Helene-Haeusler in der Mendelssohnstraße.

„Eine Lehrerin hat ihren Schülern immer Tee mit Zucker gegeben und ihnen gesagt ‚Sie sollen sich schön ausruhen’“, erzählt Petra Götze. „Das konnte ich nicht“, fällt Juliana Götze ihr ins Wort. Sie hat dann ihren eigenen Tee mitgebracht.

Auch nach der Schule wollte sich Juliana nicht ausruhen. „Sie war von klein auf so, dass sie nie Ruhe gegeben hat.“ Ihre Mutter hat ihren eigenen Weg gefunden, damit umzugehen: „Ich bin dann einfach in eine Tanzschule gegangen oder zu einem Selbstverteidigungskurs und habe gesagt: ‚Juliana möchte hier gern mitmachen.’“ Selbstverteidigung könne sie immer noch, sagt Juliane Götze. „Ich kann auch stark sein.“

 

Eine Menge Aufwand für das Leben der Tochter

 

Ihrer Tochter mit Down Syndrom dieses Leben zu ermöglichen, sei eine Menge Aufwand gewesen. „Man muss sich kümmern und ich weiß, dass es viele Eltern so nicht machen.“ Sondern ihre Kinder teilweise kaum aus dem Haus ließen, aus falscher Scham.

Juliana Götze dagegen läuft täglich allein zum Theater. Sie wohnt um die Ecke und ruft am Abend nach der Vorstellung noch an, dass sie losgeht. Mit 14 Jahren kam sie zum Theater RambaZamba. Es versteht sich als integratives Theater, bei dem Behinderung als Stärke zu erleben ist.

Dort ist sie nun jeden Tag von 9 bis 16 Uhr für Proben und Körperarbeit. „Wir können zeigen, was wir können da oben“, sagt sie und deutet Richtung Bühne. Die Mühen haben sich gelohnt. Auch für ihre Mutter. Im Urlaub fahren sie oft gemeinsam mit dem Rad an Flüssen entlang. Als Familie, natürlich mit Juliana. Bis zu 70 Kilometer am Tag. „Anders könnte ich mir das gar nicht vorstellen.“

 

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