Orpheus in der 8. Klasse

von Juliane Wiedemeier 19. Oktober 2012

Wer bei der Komischen Oper anfangen will, wird Opernsänger. Oder Kartenvertriebler, Grafiker, Pressesprecher und vielleicht sogar Intergarnist. Auf Jobsuche in der Opernwelt mit Prenzlauer Berger Gymnasiasten.

Die Komische Oper hat eine Vorliebe für Billy-Regale, unbequeme Bürostühle und aktengraue Einbauschränke. Zumindest der Teil der Oper, den die Schüler der achten Klasse der Heinrich-Schliemann-Oberschule an diesem Morgen zu Gesicht bekommen. „Abenteuer Oper“ heißt das Projekt, das sie für eine Woche von der Schulbank zur Hochkultur befördert. In alle Arbeitsbereiche, die eine Oper ausmachen, sollen sie dabei hineinschnuppern können. Und das bedeutet an diesem Dienstag: Besuch im Büro der Presseabteilung, im Büro des Kartenvertriebs und im Büro eines Dramaturgen.

 

Wer ist eigentlich dieser Intergarnist?

 

Marisa und Antonia bilden die Kleingruppe, die den Dramaturgen Pavel B. Jiracek in seinem mikroskopisch kleinen Arbeitsraum besuchen. Der ist gerade mal dreißig, total engagiert und trägt zum blauen Strickpullover eine schreiend gelbe Jeans. Alles zusammen ein wenig viel für die beiden schüchternen Mädchen, die versuchen, mit der Regalwand zu verschmelzen. Sie hören artig zu und nicken und hoffen, dass so nicht auffällt, dass sie gar nicht wissen, was eigentlich so ein Intendant ist, von dem Jiracek die ganze Zeit spricht. „Intergarnist“ nennen sie es später, als sie sich dann doch mal nachzufragen trauen.

Dabei müssen sich die 13-Jährigen eigentlich gar nicht so verstecken. Denn für ihr Alter ist ihr Opernwissen ganz schön beeindruckend. Die Geschichte von Orpheus und Eurydike kennen beide aus dem Lateinunterricht, Opernsänger aus dem Bekanntenkreis der Eltern, La Traviata haben sie unlängst im Fernsehen gesehen. Was man halt so macht als 13-Jährige. Interessant sei der Besuch beim Dramaturgen trotzdem gewesen, meinen sie später. Warum? „Naja. War eben spannend.“

 

Neue Zielgruppe Bildungsbürgertum

 

Eigentlich richtet sich das Projekt, das von der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag finanziert wird, an Schüler aus strukturschwachen Gebieten, um auch sie an Hochkultur heranzuführen. Simon Rattle hat es 2004 mit seinem als „Rythm is it“ verfilmten Projekt vorgemacht – die Komische Oper macht es nach. Doch in diesem Jahr hat man sich entschlossen, auch einmal Schüler aus anderen Kiezen zum Zug kommen zu lassen. In einem Wettbewerb hat sich das Prenzlauer Berger Gymnasium gegen andere Interessenten durchgesetzt.

So besuchen jetzt Kinder, die mit ihrem Vornamen direkt die Hauptrolle in einer Mozart-Oper übernehmen können, die einstündigen Workshops und lernen, was ein Inspizient so macht, wie die Bühnentechnik funktioniert und wie man Opernsänger wird. Zum Abschluss der Woche dürfen sie am Freitag hinter den Kulissen bei der Orpheus-Inszenierung mitwirken. „Es geht auch darum, den Kindern Berufsmöglichkeiten aufzuzeigen“, meint Gabriele Mittag von der Gewobag. „Technik oder Maske könnte ich mir vorstellen“, meint Antonia. Marisa interessiert sich für Deko und Requisiten. Blöd nur, dass für ihre Gruppe die nächste Station Orchesterdirektion heißt.

 

Büros voller Frauenstiefel

 

Linda hat da mehr Glück. Sie und fünf Mitschüler dürfen die Kostümanteilung besuchen. Sie liegt im obersten Stock des Verwaltungsgebäudes der Oper und bietet zwar auch Büros. Diese hängen aber voller Frauenstiefel oder beherbergen ein riesiges Reservoir an Stoffproben. Mit einer Skizze von einem Kostüm bewaffnet dürfen die Schüler sich dort nun umsehen und bedienen – es gilt, den richtigen Stoff auszuwählen. „Sowas kenn ich schon, meine Mama ist Designerin“, meint einer der Jungs. Und freut sich dann doch sehr, als er mit der überdimensionierten Stoffschere herumfuhrwerken darf.

Eine Stunde wird gebastelt und besprochen, dann treffen sich die einzelnen Gruppen wieder und stellen den Mitschülern vor, was sie gelernt haben. Zwei Tage läuft das noch so, dann kommt die Aufführung. Die Karten für Familie und Freunde haben die Schüler schon selbst verbucht und ausgedruckt, im Büro des Kartenvertriebs. Den Job muss schließlich auch jemand machen.

 

 

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