Full Metal Berg

von Juliane Wiedemeier 5. April 2012

Im Schatten der Hochhäuser der Ernst-Thälmann-Parks liegt die Metal-Hochburg des Prenzlauer Bergs, das Blackland. Der Hausherr Pille mag Teufel und Tattoos und hört manchmal Britney Spears.

Im Blackland sitzt der Teufel nicht im Detail, sondern auf dem Kühlschrank, auf dem Tresen, und auch auf dem Logo, welches das T-Shirt des Besitzers der Metal-Kneipe ziert. Seit zwei Jahren betreibt Pille gemeinsam mit einem Kompagnon im Schatten der Hochhäuser des Ernst-Thälmann-Parks das Blackland. Dunkles Holz und harte Musik erwarten einen seitdem in dem achteckigen Flachdachbau an der Greifswalder Straße. Das Bier ist frisch gezapft und günstig, die Karte kennt 26 Whiskeysorten und keine Bionade.

Pille ist 48 Jahre alt und trägt zum Vollbart lange Haare, Arme voller Tattoos und schwere Ketten. Er ist der schwarze Mann aus den Alpträumen kleiner Mädchen. Bis er den Mund aufmacht und in liebenswertestem Berlinerisch erzählt, wie er zu seiner Stellung als Metal-Wirt im Öko-Kiez kam.

 

Mauer oder Bäcker, Hauptsache was mit Metal

 

Aufgewachsen ist er schräg gegenüber seiner heutigen Wirkungsstätte in der Grünen Stadt. Mit seinen Eltern lebte er in der Olga-Benario-Prestes-Straße, in der John-Schehr-Straße ging er in den Kindergarten, in der Eugen-Schönhaar-Straße absolvierte er seine Lehre zum Bäcker. „Eigentlich wollte ich Maurer werden, aber das ging nicht, wegen der Wirbelsäule“, erzählt er. Dann eben Bäcker. Zu wählerisch durfte man damals nicht sein.

Parallel begann er sich für Musik zu interessieren und in Jugendclubs zu arbeiten. In der Clique hörten sie die obligatorischen Bands – die Stones, Black Sabbath, Led Zeppelin. „Von Kassette zu Kassette haben wir die Songs damals überspielt“, meint Pille. Schallplatten für 120 Mark seien einfach nicht drin gewesen. Wie einfach war es, in der DDR Metal-Fan zu sein? „Ausleben ging, nur politisch anecken durfte man nicht.“

Dann kam die Wende. Doch als Pille vom Fall der Mauer hörte, freute er sich keineswegs. Kurz vorher hatte er erst nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit einen Job beim Putz-Bär in der Charité gefunden. „Mein erster Gedanke damals war: Scheiße! Ich habe hier den best bezahltesten Job der Welt und jetzt so was“, erzählt er. Seine Vorahnung sollte richtig sein: Ein Jahr später war es aus mit dem Putzdienst. Dafür folgte der Vollzeit-Einstieg in die Metal-Szene.

 

Abbi, Linse, Trashing East

 

Wie er in den folgenden Jahren vom Putz-Bär zum Blackland-Besitzer wurde, ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Man muss wohl dabeigewesen sein, um bei der Vielzahl an Clubs mit Namen wie Abbi, Linse oder Trashing East den Überblick zu behalten, die Pille zu seinen Arbeitgebern zählte. Gleichzeitig machte er sich als Partyveranstalter einen Namen. 2003 übernahm er dann das Access in der Hufelandstraße/Ecke Greifswalder Straße, doch wohl fühlte er sich mit einer Metal-Kneipe im Bötzowviertel nicht. „Wir wurden angestarrt wie Außerirdische“, meint Pille. „Fehlte nur noch das Schild: Bitte nicht füttern.“ Vor zwei Jahren wurde der Mietvertrag dann gekündigt. „Jetzt ist in unseren Räumen eine Biobuchhandlung: Kaufste ein Buch, kannstes fressen“, kommentiert er.

Auf der Suche nach einem neuen Standort landete er dann in dem flachen Gebäude am S-Bahnhof Greifswalder Straße. „Damals war hier noch eine Ballermann-Disco, aber die lief nicht mehr richtig“, erzählt er.  So konnte Pille Mieter des Gebäudes werden. Wo vor der Wende im „Eisbär“ die Kinder des Thälmann-Parks ihr Eis kauften und abends Mitternachtsdisco veranstaltet wurde, läuft seitdem ACDC. Beschwerden von den Nachbarn habe es bislang nicht gegeben.

„Die Besucher kommen aus ganz Berlin“, meint Pille. Nein, der Prenzlauer Berg sei wahrlich keine Metal-Hochburg. Dass er das Blackland hier aufgemacht habe liege einfach daran, dass er selbst Prenzlauer Berger sei. Dennoch sieht er sich als Teil der Kulturszene des Kiezes. „Wir sind hier eine der letzten Live-Bühnen, die Rock spielen“, sagt er.

 

Wer hat Angst vor Britney Spears?

 

Regelmäßig organisiert Pille Bands, die auf der kleinen Bühne im Blackland spielen. 220 Besucher fasst der Laden, voll ist es oft. Jeden zweiten Sonntag im Monat gibt es zudem eine Open Stage. Das Konzept klingt experimentell, aber funktioniert wohl gut: Auf einer Liste stehen die Songs des Abends; dann kann jeder sich eintragen, welches der bereitstehenden Instrument er zu welchem Stück spielen möchte. „Die Open Stage ist ein Musikertreff“, meint Pille. Jedoch bleibt es musikalisch nicht beim Metal. „Da singen auch Leute Britney Spears.“

Zudem steigt er in diesem Jahr in die Festival-Veranstaltung ein, wenn das Blackland Ende August das Rock-for-Roots-Festival in Nauen präsentiert. Dass unter dem Vorgänger als Veranstalter auch rechte Bands dort aufspielten, davon distanziert Pille sich ausdrücklich. Er selbst bezeichnet sich als unpolitisch. Rechtes Gedankengut würde auch gar nicht zu seinem weiteren Engagement passen: Seit Jahren sammelt Pille mit Charity-Konzerten und Aktionen Geld für den Bau des Kinderhospiz Bethel. Dafür versteigert er eine Gitarre, die Lemmy von Motörhead unterschrieben hat, Becken von The Bosshoss und lässt Martin Kesici moderieren.

Womit nur noch eine Frage bleibt: Warum nennt sich ein Mann mit so vielen Tattoos eigentlich Pille wie sonst nur der sprechende Ball im Arm des hosenlosen WM-Maskottchens Goleo? „Eigentlich heiße ich Michael“, erzählt Pille. Weil er in der dritten Klasse immer im Unterricht die Enterprise gemalt hätte, hätten ihm seine Mitschüler den Spitznamen Dr. Pille verpasst – in Anlehnung an den Schiffsarzt der Enterprise. Mit den Jahren ging der Doktortitel dann aber verloren. Nur Pille ist geblieben.

 

 

 

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