Prater

Die (ungewisse) Zukunft des Pratergartens

von Mona Linke 1. Oktober 2020

Berlins ältester Biergarten soll saniert werden – doch die Pächterin stellt sich quer. Was bisher geschah und wie es weitergehen könnte.


Was wird aus dem Pratergarten? Seit Wochen schwebt diese Frage über dem Bezirk. Genauer gesagt: Seit klar ist, dass Pankow als Eigentümer umfangreiche Sanierungsarbeiten auf dem 183 Jahre alten Gelände plant. Und seit klar ist, dass die Pächterin, die Geschäftsführerin der Berliner Prater Garten GmbH, davon bis vor Kurzem selbst nichts wusste – und nun alles andere als begeistert ist. Weil sie fürchtet, die Traditionsstätte dicht machen zu müssen, wenn über Monate oder gar Jahre die Gäste ausbleiben. 

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Doch von vorne: Was ist eigentlich passiert? 

Bis ins Detail lässt sich das tatsächlich nicht beantworten, denn weder der Bezirk noch die Eigentümerin des Pratergartens sind zu umfänglichen Gesprächen zur Kausa Pratergarten bereit. Seit Anfang August beharrt der Bezirk darauf, keinerlei Informationen presseöffentlich machen zu wollen, bevor das Verfahren nicht abgeschlossen ist. Allein so viel wurde uns Anfang September mitgeteilt: Um einen Kompromiss zu finden, habe das Bezirksamt der Pächterin einen Vertrag unterbreitet, über den beide Parteien verhandelt hätten, erklärt Tobias Schietzelt, Pressesprecher des Bezirksamts Pankow. “Dieses Angebot wurde bis zur vereinbarten Zeit von der Pächterin nicht angenommen. Die Beweggründe sind hier nicht bekannt”, so Schietzelt weiter.

Welche Vereinbarungen der Vertrag konkret enthielt, ist nicht bekannt. Warum Pächterin Dagmar Hillig den Traditionsbiergarten aber nicht ohne weiteres in die Hände des Bezirks geben will, ist inzwischen durchgesickert: Dem Tagesspiegel gab die Betreiberin Ende September ein Interview, in dem sie ihre Sorgen schilderte. Ungeklärt sei nach wie vor, ob sie das Ganze finanziell stemmen könnte. Denn noch sind sich Bezirk und Betreiber über keinen finanziellen Ausgleich für die Schließzeit einig geworden. 

 

10.000 Euro Strafe pro Tag 

Wie lange auf dem Areal am Ende gebaggert wird, sei außerdem ebenfalls ungewiss, berichtet der Tagesspiegel. Ob die Sanierung nun tatsächlich – wie geplant – bis Ende 2021 abgeschlossen sein wird oder sich doch ein paar Jahre zieht: völlig offen. Stattdessen könnte Dagmar Hillig jetzt erst einmal selbst blechen müssen: Am Mittwoch hätten nämlich die Bauarbeiten beginnen sollen, so hatte es es laut Tagesspiegel-Artikel jedenfalls der Bezirk geplant. Dagmar Hillig müsste demnach seit gestern täglich 10.000 Euro Strafe zahlen, falls sie die Arbeiten nicht duldet. Der finanzielle Ruin wäre damit jedenfalls besiegelt. Tatsächlich prangt seit ein paar Tagen allerdings ein Schild am Tor des Biergartens: “Der Pratergarten ist geschlossen”. 

 

Was soll überhaupt saniert werden? 

Für rund zehn Millionen Euro soll der Biergarten auf der Kastanienallee eine Grunderneuerung bekommen. Veraltete Abwasserrohre im Boden sollen ersetzt, eine Versickerungsfläche gebaut, Sanitär- und Heizungsanlagen ausgetauscht werden. Doch das scheint nicht alles zu sein: Von einer “kommunalen Galerie” ist die Rede, außerdem soll das Traditonsareal zurück in seine Blütezeit versetzt werden und einen Retro-50er-Jahre Anstrich bekommen. 20 Bäumen auf dem Gelände droht wegen der Sanierungsarbeiten der Kahlschlag. Allerdings handele es sich dabei ausschließlich um solche Bäume, die sich in der Nähe der Mauerböschung befänden und ohnehin nicht “bestandssicher” seien, teilte das Pankower Grünflächenamt schon in einer Ausschusssitzung Anfang September mit. Immerhin 29 Bäume sollen im Gegenzug neu gepflanzt werden. Esskastanien, erklärte man in der Versammlung. 

Pratergarten

Wie es mit dem Pratergarten weitergeht, ist ungewiss / Foto: PBN

 

Warten auf ein Statement vom Bezirk 

Wann der erste Baum auf dem Gelände fallen wird, kann dieser Tage niemand vorhersehen. Denn nach wie vor laufen sowohl die Verhandlungen zwischen Pächterin und Bezirk als auch die internen Besprechungen der Bezirksverordneten hinter verschlossenen Türen. Am Mittwoch hätte das Thema Pratergarten eigentlich in der 35. Bezirksverodnetenversammlung (BVV) auf den Tisch kommen sollen; die Pankower Grünen hatten eine Große Anfrage eingereicht, in der sie den Bezirk um ausführliche Informationen zu Sachstand und Hintergründen bat. Am Ende der Sitzung mussten Presse und Einwohner dann doch den Saal verlassen: Die Anfrage werde unter Ausschluss der Öffentlichkeit besprochen, hieß es. 

“Wir drängen auf eine einvernehmliche Lösung. Nach unserem Kenntnisstand setzt sich auch das Bezirksamt dafür ein”, hatte uns die Fraktionsvorsitzende der Pankower Grünen, Cordelia Koch, einen Tag vor der BVV auf Anfrage erklärt.  Über Maßnahmen des bezirkseigenen Facility Managements sei man aber weniger gut informiert, erklärte sie weiter. Auch deswegen habe man die Anfrage gestellt, um Hintergründe zu dem verhärteten Streit zwischen Pächterin und Bezirk zu erfahren. 

Die Sorgen der Pächterin, ihren Betrieb aus finanzieller Not komplett einstellen zu müssen, könne sie nachvollziehen. Und dennoch: “Der Praterggarten ist nicht der BER. Die Frage ist doch: Was ist die Alternative? Eine Sanierung ist notwendig. Das sagt auch die Pächterin. Über den genauen Ablauf muss man verhandeln”, so Koch.

Dass sich die Bauarbeiten tatsächlich länger als geplant ziehen, halten die Pankower Grünen indes nicht für ausgeschlossen: Der Umbau werde teilweise aus Fördergeldern des Bundes bezahlt. “Die verfallen, wenn jetzt nicht gebaut wird”. Und dann müsste der Bezirk selbst für die Sanierungen aufkommen und das Ganze könnte mehrere Jahre dauern, so die Fraktionsvorsitzende. 

 

Muss wirklich alles so schnell gehen? 

“Wer ein paar Erfahrungen mit Bauvorhaben und entsprechenden Verzögerungen im Land Berlin gesammelt hat, kann diese Befürchtungen der Pächterin natürlich nachvollziehen”, heißt es zum Beispiel auch von der Pankower CDU, die ebenfalls eine Anfrage zu der Situation des Pratergartens gestellt hatte. Unter anderem fragt die Fraktion darin nach den Strafzahlungen, über die der Tagesspiegel berichtet hat. Aktuell könne man sich nur auf die bisherige Berichterstattung in den Medien beziehen, so Denise Bittner, stellvertretende Fraktionsvositzende. Man setze viel Hoffnung in die Beantwortung der Großen Anfrage in der Bezirksverordnung, erklärte sie am Dienstag.

“Unser Ziel ist es – und das muss aus unserer Sicht auch Ziel des Bezirksamtes sein – den Prater-Garten als gastronomische und historisch-kulturelle Institution zu erhalten”. Auch müsse man schauen, wie die Belange der Pächterin und die notwendige Arbeiten in Einklang gebracht werden können, so Bittner weiter. “Dabei gilt es auch zu prüfen, ob die nun erklärte Eile in der Form notwendig ist”. 

Ob es demnächst einen Konsens geben wird oder ob es ihn nach der gestrigen Sitzung nicht schon gibt, bleibt abzuwarten. Noch bewahren alle Parteien Stillschweigen. Und die Zukunft des Pratergartens ist nach wie vor ungewiss.

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