Sag mir, wo die Blüten sind

von Sarah Schaefer 4. Juli 2019

In Zeiten des Insektensterbens sind raspelkurze Rasenflächen keine gute Idee. Dennoch wird auf den Grünflächen in Pankow eifrig gemäht. Wie insektenfreundlich ist der Bezirk?


Sie heißen gewöhnliche Eselsdistel, blauer Natternkopf oder purpurrote Taubnessel. Es sind Pflanzen, die Sandra Wiegand-Landgraf gern öfter sehen würde, wenn sie mit dem Fahrrad durch Prenzlauer Berg radelt. Stattdessen sieht sie: kurz gemähte Rasenflächen. Auf dem Weg zur Arbeit kommt die 41-Jährige am Jahn-Sportpark vorbei. Erst neulich hat sie dort beobachtet, wie Menschen mit Motorsensen anrückten und grüne Wiesen kurz mähten. Und das ganz am äußeren Rand des Sportgeländes, wo Bäume stehen und wohin sich vermutlich nie Sportler*innen verirren.

„Es ist zum Heulen“, schreibt die Hobbygärtnerin uns später in einer Nachricht. Mit einfachen Mitteln könnten hier Flächen entstehen, auf denen Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten Nahrung und Schutzräume finden. Stattdessen werde fleißig gemäht. „Das ist, als würde uns jemand das Haus abreißen, nachdem wir uns gerade an den Abendbrottisch gesetzt haben.“

 

„0815 Kahlschnitt“ steht oft noch im Vordergrund

Natürlich müsse man auch über Parklets, Schulplatznot und Mietsteigerungen sprechen, schreibt sie weiter. Doch sie fügt hinzu: „Wenn wir zukünftig kaum noch etwas zu essen haben, weil uns die bestäubenden Insekten weggestorben sind, dann haben wir ganz andere Sorgen.“

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Das kann man dramatisch finden. Oder realistisch. Dass es höchste Zeit ist, etwas gegen das Insektensterben zu tun, ist mittlerweile breiter Konsens. Und wo fängt man am besten an, wenn nicht vor der eigenen Haustür? Der Jahn-Sportpark ist für Sandra Wiegand-Landgraf nur ein Beispiel „für viele Orte in der Stadt, an denen durch minimale Veränderungen Großes bewirkt werden könnte“.

Auch Wolfgang Baum, Vorstand des Imkervereins Pankow, findet, dass im Bezirk einiges besser laufen könnte in Sachen Insektenfreundlichkeit. Grünflächen, auf denen keine Pflanzen blühen, seien tote Flächen, sagt er. Es sei wichtig, Lebensräume für Bestäuber zu schaffen, indem man Wildpflanzen wachsen lasse. Doch das funktioniere nur, wenn auch das Personal, das für die Pflege der Grünfläche zuständig ist, entsprechend geschult werde. Viele Mitarbeiter*innen seien noch so ausgebildet worden, dass das Mähen im Vordergrund stehe. „0815 Kahlschnitt“ nennt Baum das.

 

Hier gibt’s für Insekten nicht so viel zu holen.

 

Robinie, Linde: prima, Platane: nicht so toll

Doch lebensfeindliche Rasenflächen sind nicht das einzige Problem. Entscheidend sei auch die richtige Bepflanzung. Ahorn zum Beispiel sei gut für die Bienen, weil er zeitig Nektar gebe, sagt Wolfgang Baum. Auch Robinie und Linde seien bienenfreundlich – anders als die Platane. Sandra Wiegand-Landgraf kritisiert, dass etwa am Helmholtzplatz viel Kirschlorbeer gepflanzt worden sei und beruft sich dabei auf den Nabu. Der schreibt: „Wer Kirschlorbeerhecken pflanzt, begeht ein Verbrechen an der Natur. Selbst eine Betonmauer ist ökologisch wertvoller, auf ihr wachsen mit der Zeit wenigstens Flechten und Moose.“

Problematisch sei auch, dass nach Baumfällungen oft nicht ausreichend nachgepflanzt werde, sagt Imker Wolfgang Baum. Und besonders bei jungen Bäumen bestehe oft das Problem, dass sie in den ersten Jahren nicht ausreichend Wasser bekommen, besonders in einem so trockenen Sommer wie im vergangenen Jahr.

Welchen Stellenwert hat der Insektenschutz im Bezirk? Und was tun die Verantwortlichen dafür, dass es Bienen, Marienkäfern und Co. in Pankow gut geht?

 

Keine Fläche, die für Insekten ungemäht bleibt

Von der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, die für die Grünflächen im Jahn-Sportpark zuständig ist, heißt es sehr allgemein: „Auf Insektenfreundlichkeit wird in unseren Sportanlagen geachtet.“ Das gelte „insbesondere dann, wenn entsprechende Auflagen durch das Umweltamt bestehen“ – beispielsweise für insektenfreundliche Beleuchtung. Die Grünflächen im Jahn-Sportpark, die nicht der sportlichen Betätigung dienen, würden maximal einmal im Monat gemäht.

Im Pankower Straßen- und Grünflächenamt gibt man sich wortkarg. Auf unsere Frage, ob der Bezirk bei der Pflege und Gestaltung der Grünflächen eine Strategie für die Insektenfreundlichkeit verfolgt, hieß es nur knapp, dass man derzeit ein Konzept entwickle. Welche Maßnahmen dieses Konzept umfassen soll? Ob bei der Bepflanzung der Pankower Plätze und Parks darauf geachtet werde, dass Bäume und Sträucher insektenfreundlich sind? Diese Fragen blieben unbeantwortet. Stattdessen erfuhren wir, dass es in Prenzlauer Berg derzeit keine Fläche gebe, die das Amt aus Gründen des Insektenschutzes nicht mähe.

Immerhin: Das Pankower Straßen- und Grünflächenamt beteiligt sich an einer Initiative zur Förderung der Wildbienen in der Stadt. Das Projekt „Mehr Bienen für Berlin – Berlin blüht auf!“ der Deutschen Wildtier Stiftung und der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hat das Ziel, öffentliche Grün- und Freiflächen so zu bepflanzen, dass sie für bestäubende Insekten interessanter werden – insbesondere für Wildbienen. Pankow hat Vorschläge für einige Grünflächen im Bezirk eingereicht, die in diesen Tagen von der Deutschen Wildtier Stiftung geprüft werden.

Auch das Pankower Umwelt- und Naturschutzamt verweist auf das Wildbienen-Projekt. Dass aber die Kolleg*innen vom Straßen- und Grünflächenamt sich an diesem Projekt beteiligen, ist dort offenbar nicht bekannt.

 

Manchmal blüht natürlich doch etwas. Der Hummel gefällt’s.

 

Bereiche nur für Wildblumen

Will man erfahren, ob sich bei den Ämtern in Sachen Insektenschutz etwas bewegt, spricht man am besten mit Christian Schmid-Egger von der Deutschen Wildtier Stiftung. Er ist Experte für Wildbienen und Leiter des „Mehr Bienen für Berlin“-Projekts. „Das Thema ist mittlerweile bei den Behörden angekommen“, sagt er. Auch mit Pankow arbeite er gut zusammen.

Seine Aufgabe ist es, Ämter, aber auch Wohnungsgenossenschaften davon zu überzeugen, freie Flächen wildbienenfreundlich zu gestalten. Für Mitarbeiter*innen, die sich um die Grünflächen kümmern, bietet er Schulungen an. Das Interesse sei groß. „Wir kommen mit der Arbeit kaum hinterher“, sagt Schmid-Egger.

Es sei deutlich spürbar, dass ein Umdenken stattfinde – auch wenn noch immer zu viel gemäht werde. In den Berliner Parks beispielsweise könnte man Randbereiche für Wildblumen ausweisen, die Parkbesucher*innen nicht betreten dürfen, schlägt Schmid-Egger vor. Diese Flächen sollten nur einmal im Jahr gemäht werden – am besten in Etappen, so dass die Wildbienen, zu denen übrigens auch Hummeln gehören, zu jeder Zeit genügend Pflanzen vorfinden.

 

Manche Wildbienen sind Spezialisten

Denn das ist die Sache bei Wildbienen: Einige von ihnen sind auf ganz bestimmte Pflanzengattungen und -arten spezialisiert. Es gebe zum Beispiel Bienen, die ernährten sich ausschließlich von Glockenblumen, sagt Schmid-Egger. Gibt es keine Glockenblumen, dann gibt es auch diese Bienenart nicht.

„In Berlin wird ein Riesenwirbel um die Honigbiene gemacht“, sagt er. Doch die sei ein Nutztier und – im Gegensatz zu den Wildbienen – nicht bedroht. Honigbienen könnten Wildbienen sogar Konkurrenz machen, weil sie effizienter Nahrung sammeln. Schmid-Eggers kritisiert, dass die Berliner Bienenstrategie, zu der das „Mehr Bienen für Berlin“-Projekt gehört, auch auf den Schutz der Honigbiene zielt. Das sei, sagt er, als würde man im Wald Hausschweine aussetzen, um die dort lebenden wilden Tiere zu unterstützen.

Auch wer mitten in Prenzlauer Berg wohnt und keinen Garten hat, kann etwas für Wildbienen tun. Schon auf dem Balkon lässt sich viel erreichen. Wolfgang Baum vom Pankower Imkerverein rät zu Küchenkräutern, deren Blüten wichtige Nahrung für Bienen bieten: Thymian, Majoran, Salbei, Pfefferminze, Schnittlauch. Auch Lavendel oder Kornblume seien pflegeleicht und prima für Bestäuber. Sandra Wiegand-Landgraf empfiehlt Färberkamille oder Wegwarte. „Es reicht schon, mit zwei Blumentöpfen anzufangen“, sagt sie.

Fotos: Sarah Schaefer

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