Dürre Straßenbäume

Straßenbäume in Not

von Kristina Auer 10. Oktober 2018

Den ganzen Sommer kaum Regen und jetzt noch ein trockener Herbst: Die Prenzlauer Berger Straßenbäumen drohen zu vertrocknen.


„Wenn man sieht, dass es den Bäumen schlecht geht, ist es meistens schon zu spät“, sagt Susanne Boeden. Die 49-Jährige Prenzlauer Bergerin hat ein Herz für Straßenbäume – und fühlt sich mit dieser Haltung recht allein in ihrem Heimatbezirk. Seit in diesem Sommer monatelang ergiebiger Regen ausblieb, fährt sie regelmäßig mit dem Fahrrad die Straßen im Bötzowkiez ab und schaut sich ihre blättrigen Nachbarn genauer an. Was sie dabei beobachtet und dokumentiert hat, ist alles andere als erfreulich: Aufgerissene Baumstämme, verkümmerte Jungbäume und vertrocknete Blätter bereits im Juli. Die Prenzlauer Berger Straßenbäume sind von der Trockenheit ernsthaft angegriffen. „Wie viele das überlebt haben, zeigt sich erst im nächsten Frühjahr“, sagt Boeden.

 

Hälfte der Jungbäume könnte das Jahr nicht überleben

Michael Barsig ist vereidigter Baumsachverständiger und kann diese Einschätzung bestätigen. „Bäume reagieren erst mit Verzögerung auf Wassermangel-Stress – manchmal sogar erst nach zwei bis drei Jahren“, sagt Barsig. Gerade den kleinen Bäumen, die erst vor kurzem gepflanzt wurden, setze die Trockenheit besonders zu, weil sie noch keine tiefen Wurzeln haben. „Die nachgepflanzten Bäume sehen besonders schlecht aus, da kann man fast mit 50 Prozent Ausfall rechnen“, sagt Barsig. Für den Baum-Experten ein Grund, bei Wohnungs- oder Straßenbauvorhaben nicht allzu leichtfertig ältere Bäume zu fällen und mit Nachpflanzungen kompensieren zu wollen. Gerade im Bötzowviertel gibt es aber schon jetzt besonders viele Neupflanzungen, zum Beispiel am frisch sanierten Arnswalder Platz oder in der Lieselotte-Herrmann-Straße.

Straßenbäume Arnswalder Platz

Die Hainbuchensträucher am Arnswalder Platz sehen vertrocknet aus. Dahinter steht ein kümmerlich dreinschauender Jungbaum

Dieser Umstand beunruhigt auch die Gärnterinitiative am Arnswalder Platz. Nicht nur die Bäume, auch der Rest der Pflanzen sei durch die Dürre stark in Mitleidenschaft gezogen. „Wir hoffen, dass es ein Ausnahmejahr bleibt“, sagt Vorsitzende Carsten Meyer. Den Sommer über habe der Bezirk eine Gartenbaufirma beauftragt, um die jungen Bäume zu wässern. Der Auftrag sei aber nur bis Ende September gelaufen. Völlig abgestorbene Bäume habe die Initiative zum Glück noch nicht entdeckt. „Ich werde mich jetzt beim Grünflächenamt erkundigen, inwiefern die Bäume auch im Herbst noch gewässert werden müssen“, sagt Meyer. Für die Wässerung der Straßenbäume und Grünanlagen hat der Bezirk im Sommer Sondermittel von 75 000 Euro erhalten. Das geht aus einer Kleinen Anfrage der AfD-Fraktion in der Pankower Bezirksverordnetenversammlung (BVV) hervor.

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Anwohner sollten auch jetzt noch gießen

Das Wässern im Herbst ist durchaus nötig. Susanne Boeden hat sich beim Grünflächenamt Wassersäcke geliehen, um wenigstens die Bäume direkt vor ihrer Haustür zu versorgen. Darum hatte der Bezirk die Bevölkerung im Hochsommer gebeten. Die Bötzowkiez-Bewohnerin hofft, dass noch andere Nachbarn für die Straßenbäume aktiv werden. Der Bezirk müsste dringend mehr für das Stadtgrün tun und zum Beispiel Bewässerungsstützpunkte für ehrenamtliche Helfer bauen, findet Boeden.  An trockenen Standorten sollte auch im Oktober und November noch gewässert werden, bestätigt auch der Baumsachverständige Barsig: „Die Wurzeln erneuern sich jetzt und die Grundlage für neues Wachstum im Frühjahr wird gebildet. Viele Feinwurzeln sind durch Wassermangel abgestorben und müssen jetzt ersetzt werden.“

Straßenbaum Baumscheibe

Die Bauscheiben sind ausgetrocknet, zeigt auch dieses Exemplar in der Bötzowstraße.

Wenn das Wetter noch über den Winter hinaus trocken bleibt und womöglich ein weiterer heißer Sommer folgt, wäre das für die Stadtpflanzen dramatisch. „Die Stadt wird zwar auch dann noch grün bleiben, aber eben auf einem schlechteren Niveau“, sagt Barsig. Ein großes Problem sei auch die aktuelle Politik, in der vor allem auf den Wohnungsbau und nicht auf die mögliche Erhaltung von älteren Blumen geachtet werde. „Das wird sich in einigen Jahrzehnten dermaßen bemerkbar machen, dass dann wieder nach mehr städtischem Grün verlangt wird, weil die Erholungsflächen fehlen“, sagt der Experte. Berlin entwickelt sich laut Barsig gerade in Richtung Paris, wo es deutlich weniger Stadt- und Straßenbäume gibt. Dort könne man es im Sommer gar nicht mehr aushalten, warum die Bewohner in den heißen Monaten Jahr für Jahr das Weite suchten.

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