Rosa

Die Märchenschule

von Christian Füller 26. September 2018

In Pankow hat sich die Wilhelm-Pieck-Polytechnische Oberschule zu einem der besten Gymnasien Berlins gemausert. Nun geht das Rosa-Luxemburg-Gymnasium den nächsten Schritt: individuell Lernen.


Man fühlt sich wie im Märchen. In dem neuen, modern eingerichteten Klassenzimmer verlieren sich vielleicht zehn Schüler. Die sitzen in Zweier- und Dreiergruppen zusammen. Sie unterhalten sich leise über das Menschenbild in der Lyrik des Barock. Dann tragen sie auf der intelligenten Tafel ein, was sie über Andreas Gryphius und Hoffmann von Hoffmannswaldau sagen wollen. Die Lehrerin ist eine junge sportliche Frau von vielleicht 30 Jahren. „Ich bräuchte noch zwei Leute, die uns einen überblicksartigen Vortrag zur Aufklärung machen“, sagt sie am Ende der Stunde. Kurze Pause. „Wer hat Lust? Ihr wisst, ich lasse Euch die größte Freiheit, wie ihr das präsentieren wollt.“ Zwei Schüler melden sich. Einer von ihnen wird später sagen, dass er es mag, wie selbständig und fächerübergreifend hier gearbeitet wird.

War das Lernen in einer 10. Klasse jemals so harmonisch und konzentriert?

Wir sind nicht etwa an einer der spooky Reformschulen, wo Utopie vor Unterricht geht, sondern am Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow, das als streng und fordernd gilt. Der Leiter dieser Schule heißt Ralf Treptow, ein stattlicher Mann mit kahlgeschorenem Schädel, der mit einem noch stattlicheren Hund in die Schule kommt. Treptow sitzt nebenbei der Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren vor. Wenn er sich in der bildungspolitischen Debatte zu Wort meldet, dann stehen Abgeordnete und sogar Staatssekretäre stramm. Treptows Luxemburg-Oberschule hat den viertbesten Abiturschnitt aller Berliner Gymnasien erzielt – und die Gymnasien dieser Stadt gehören ausweislich der Pisatests zu den besten Schulen der Republik. In Pankow ist es die Schule mit dem besten Abiturschnitt.

Und nun das: ein Profilkurs in der zehnten Klasse, in dem sich Schüler mehr oder weniger selbständig auf die Phase der Leistungskurse vorbereiten können.

„Als das Land Berlin die Lernzeit an den Gymnasien flächendeckend um ein Jahr verkürzte, haben wir uns hingesetzt und gesagt: Jetzt müssen wir alles umbauen“, berichtet Treptow. Sein Rhodesian Richback schlägt unter dem Chef-Schreibtisch kurz die Augen auf, weil das Herrchen plötzlich so engagiert spricht. Nach der Wende hatten sie in der Pankower Kissingenstraße aus der ehemaligen Polytechnischen Oberschule Wilhelm Pieck ein Leistungs-Gymnasium gemacht. Und nun hat der taffe Herr Treptow mit einer Schar blutjunger Lehrer*innen Zeitfenster in den Stundenplan geschlagen. In diesen Fenstern zum offenen Lernen können die Schüler ihren Neigungen nachgehen (Enrichement-Kurse) oder sich in Teamarbeit eigene Lernziele setzen (Profilbereich). Es gibt inzwischen sogar einen Töpferkurs. Für so etwas hatte Treptow früher nur beißenden Spott übrig. Heute guckt er, als er den Kurs erläutert, fast so treuherzig wie der Hund unter seinem Tisch, der in Afrika zur Löwenjagd benutzt wird.

Niemand muss sich etwas vormachen: das Rosa-Luxemburg-Gymnasium ist eine straff geführte Anstalt. Gerade hat die Schule in der Oberstufe einen dritten Leistungskurs eingeführt – der freiwillig besucht werden kann. Im aktuellen elften Jahrgang nehmen 75 Prozent der Schüler das schweißtreibende Angebot an. „Ich finde es toll hier, aber ich würde mein Kind nicht auf diese Schule geben“, sagt ein Mädchen aus der Kollegstufe. Mitschüler nicken halb beifällig, halb nachdenklich. Die Eleven, die freiwillig dritte Leistungskurse mitmachen, werden für diese Schule nach einem Verfahren ausgewählt, das nur mühsam verbergen kann, dass es ein Intelligenztest ist. Hunderte Eltern melden ihre Kinder an, nur der kleinere Teil schafft es an die Rosa-Luxemburg. Im Grunde ist ein IQ von 120 nötig, um angenommen zu werden. Das ist sehr hoch, im Volksmund nennt man das hochbegabt. Treptow sagt dazu: „Wir bekommen genau die Schüler, die zu unserem Profil passen“.

Über 1.000 Schüler hat das Luxemburg-Gymnasium. Treptow würde gerne mehr Schüler aufnehmen. Der Schulleiter könnte mühelos zwei fünfte Klassen zusätzlich einrichten. Aber dann würde sein System wahrscheinlich zerfasern. Denn baulich wirkt die Schule wie ein verwachsenes und verknorpeltes Kleinod. Der Eingang brüstet sich mächtig mit dem wilhelminischen Portal der 1907 als Realgymnasium errichteten Schule. Dahinter beginnt das Elend. Überall stehen Bauzäune herum. Der Weg durch die Gebäude gleicht einem Labyrinth. Um in den Neubau zu gelangen, den die Schule nur nutzen darf, bis eine neue Grundschule dort einzieht, müssen Schüler und Lehrer eine Straße überqueren. Eine dringend benötigte Turnhalle wird seit acht Jahren geplant. Das Geld ist genehmigt, aber kein Spaten wurde bislang bewegt. Wenn Treptow auf dieses Thema kommt, schwellen die Adern Richtung Schädel an. Dem Lernen am Luxemburg-Gymnasium tut das keinen Abbruch.

Hat der Schulleiter den Reporter vielleicht hinter die Fichte geführt? Hat er die Märchenklasse mit der Lehrerprinzessin als Gymnasialtheater für die Presse inszeniert? Nein, nicht möglich. Überall spürt man die Offenheit. Die sechste Klasse beginnt sofort einen schlagfertigen Dialog mit dem Gast. In der zehnten balgen sich die Schüler in Spanisch mit ihrem Lehrer. In der elften Klasse diskutieren die Kollegiaten engagiert auf Englisch, ob sie eher John F. Kennedy oder Margret Thatcher zuneigen. In der zwölften erklärt eine verschleierte junge Frau ihren Mitschülern, was die Klonmenschen in Aldous Huxleys „Brave New World“ mit unserer Zeit zu tun haben. Der Lehrer könnte sich hier getrost in die Ecke setzen und seine Klasse machen lassen. Es liefe auch ohne ihn.

Ein echtes Märchen gibt es dann wirklich, genauer ein Musical. Oben im Theatersaal des Hauptgebäudes hat eine altersgemischte Gruppe die legendäre „Feuerzangenbowle“ inszeniert. Es wird das Ideal eines Gymnasiums besungen, in das der freche Hans Pfeiffer eintritt. Die Schüler bleiben werktreu. Oberprimaner laufen in Anzügen und Käppis aus den 30er und 40er Jahren herum. Fast hat man den Eindruck, als spielten die Schüler ihre eigene Anstalt nach. Pfeiffer mit den drei F ist das Neue Lernen, das den schulischen Alltag der frontalen Belehrung durchbricht. Schulleiter ist der Zeus, auch das könnte hinhauen. Nur eins hat sich geändert. Das Ensemble ist gnadenlos eitel. Eine filmische Dokumentation des Musicals beginnt nicht mit dem Stück, sondern mit dem Abspann, in dem die Namen der Schauspieler und Sänger sehr lange eingeblendet werden. Die Schüler feiern sich gegenseitig jeweils mit tosendem Applaus. Die Generation Selfie beklatscht sich selbst, und sei es mit Hilfe eines Volkserheiterungsfilms, der 1944 von der bevorstehenden totalen Niederlage ablenken sollte.

In der zehnten Klasse chatten die Schüler in einer Übung erst miteinander, dann stehen sie via Skype im Dialog. Beide Formate sind didaktische Kniffe, um die Schüler im Spanischen zum Sprechen zu bringen. Der einzige Schönheitsfehler ist freilich der: Die Schüler tun nur so, als würden sie digitale Werkzeuge nutzen. Der Chat ist in Wahrheit ein Blatt Papier, das mittels Diagonalen in vier Sektoren geteilt ist, auf welche die Schüler jeweils ein Wort schreiben. Dann drehen sie das Blatt um ein Plandreieck weiter und jeder der teilnehmenden vier Schüler muss sich zu dem Wort, das er nun vor sich hat, eine Antwort ausdenken – alles auf Spanisch. Aber wieso, um Himmels willen, sollen internetaffine Jugendliche auf einem DIN A4-Blatt nur so tun als würden sie chatten? Man solle digitale Methoden nur dann einsetzen, erklärt der Lehrer so freundlich wie rätselhaft, „wenn sie passend sind“. Hier würde der echte Chat zweifellos pädagogischen Mehrwert bringen. Außerdem, so fährt er fort, bestehe stets das Risiko, dass die Technik ausfalle. Tatsächlich streikt schon seit ein paar Tagen das Smart Board. Das heißt, alles, was der Lehrer auf einem Stick vorbereitet hat, muss er nun aus dem Kopf an die Tafel schreiben. Das schafft der Mann spielend, der Lehrbücher fürs Spanische verfasst.

Ironischerweise belegt auch diese Episode, wie lebendig das Rosa-Luxemburg-Gymnasium ist. Ralf Treptow nämlich wollte seine Schule bereits vor fünf Jahren mit Tablets ausstatten. Da war er seiner Zeit voraus. Denn um die Digitalisierung entspannte sich damals ein großes demokratisches Palaver in der Schule. Im Kollegium waren 40 Prozent dafür, unter den Eltern waren es noch weniger, und die Schüler aus der zwölften Klasse sind noch heute gegen das Digitalisieren der Schule. Die letzte analoge Insel ist für sie nicht etwa Kritik an der Schule, sondern das gelobte Land: Draußen ist man eh die ganze Zeit im Internet. Warum soll man sich auch noch in der Schule ablenken!

Ralf Treptow erzählt die Geschichte der abgebrochenen Digitalisierung lässig. Dennoch meint man zu bemerken, dass es ihn schmerzt. Er, der Schulentwicklung immer fünf Jahre im Voraus denkt, weiß dass dieser Trend der mächtigste dieser Zeit sein wird. In den fünf verlorenen Jahren hätte sich seine Anstalt bis in fachdidaktische Details vorarbeiten können. Jetzt weiß er: Wenn man damit einmal gescheitert ist, kann man es nicht so einfach wieder neu auflegen. Im übrigen: „Man muss auch wissen, was man schaffen kann.“ Treptow darf zig Millionen Euro aufwenden, um seinen babylonischen Schulbau zu ordnen. Das dauert Jahre, das kostet viel Kraft.

Übrigens, sagt er zum Abschied: Mit einem Rhodesian Richback jagt man Löwen nicht, man stellt sie nur.

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