Interview Kriminalpsychologin

„Da bleibt keine Empathie übrig“

von Sarah Schaefer 7. September 2018

Wie tickt ein Mensch, der Rasierklingen in einem Sandkasten am Arnimplatz verteilt? Wir haben eine Kriminalpsychologin gefragt.


Auf dem Arnimplatz wurden mehrfach Rasierklingen, Reißzwecken und Nähnadeln ausgelegt: Wie kann ein Mensch Kinder derart in Gefahr bringen? Kriminalpsychologin Prof. Dr. Birgitta Sticher hat eine Erklärung – und sieht den Vorfall als Gelegenheit, über das Zusammenleben im Kiez nachzudenken.

 

Frau Sticher, nach den Vorfällen am Arnimplatz war für viele die Sache klar: Hier geht es um Hass auf Kinder. Finden Sie auch, dass dieser Fall so eindeutig ist?

 

Hass auf Kinder muss hier nicht unbedingt im Vordergrund stehen. Möglicherweise richten sich die Taten gegen die Eltern. Man möchte sie an ihrem wundesten Punkt treffen, und das sind nun mal ihre Kinder. Es könnte darum gehen, die Eltern aus dem Viertel heraus ekeln zu wollen. So dass sie sagen: Ich ziehe lieber aufs Land, hier ist es zu gefährlich für meine Kinder.

 

Woher kommt der Hass auf die Eltern?

Als ich von den Vorfällen hörte, musste ich an das Forschungsprojekt „Kat-Leuchttürme“ denken, in dem wir unter anderem Interviews am Helmholtzplatz geführt haben. Dabei ging es darum, wie sehr unterschiedliche Gruppen im Falle eines Stromausfalls bereit sind, anderen zu helfen. Wir haben herausgefunden, dass es in Prenzlauer Berg unterschiedliche Milieus gibt, die sehr stark voneinander abgegrenzt sind. Da sind zum einen die Eltern mit ihren Kindern, die sehr dominant im Stadtteil sind, und überwiegend über viele Ressourcen verfügen. Dann gibt es eine andere Gruppe: Menschen, die zum Teil bereits zu DDR-Zeiten dort gewohnt haben, oft in prekären Verhältnissen leben, sich in die Ecke gedrängt fühlen und das Gefühl haben, zu kurz gekommen zu sein. Wie stark diese Milieus voneinander getrennt sind, war erschreckend. 

Hatte das Auswirkungen auf die Hilfsbereitschaft der Nachbarn untereinander?

Wir fanden heraus, dass die Hilfsbereitschaft durchaus sehr stark ist, allerdings nur innerhalb des eigenen Milieus, auf beiden Seiten. Die Grenzen der Milieus sind die Grenzen der Hilfsbereitschaft. Und wenn das Gefühl, gegenüber einer anderen Gruppe zu kurz zu kommen, zu stark wird, kann sich eine innere Dynamik entwickeln, bei der man einen Schuldigen für seine negativen Gefühle sucht.

 

„Da bleibt keine Empathie übrig“ was last modified: September 7th, 2018 by Sarah Schaefer

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