Der ewige Kiezverein

von Thomas Trappe 5. September 2014

Der SV Empor wird morgen 65. Zu DDR-Zeiten feierten Sportler hier große Erfolge. Die größte Herausforderung war es aber, die Wende zu überstehen.

Tradition ist, wenn man es gar nicht weiß. Wolfram Stahl, der Sprecher des Prenzlauer Berger Vereins SV Empor, jedenfalls will sich da jetzt nicht festlegen: Ob es sich beim Engagement seines Vereins in den Schulen und Kitas Prenzlauer um die Fortsetzung eines Prinzips handelt, das schon zu DDR-Zeiten zum Standard des Clubs gehörte? „Ob man sich dabei auf eine Tradition beruft oder es einfach macht, weil es gut für den Stadtteil ist, weiß ich nicht”, sagt Stahl. Es ist ja auch egal: Der SV Empor Berlin ist jedenfalls ein Prenzlauer Berger Gewächs, und morgen feiert der Verein 65. Geburtstag. Und das, wo er doch vor 24 Jahren fast eingegangen wäre.

1949 wurde der Verein gegründet. Vom Alexanderplatz war damals nicht viel übrig, ein HO-Warenhaus allerdings stand schon, und an diesem Spätsommertag gab es dort zur Abwechslung mal was: Mitarbeiter des Warenhauses gründeten die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Empor Berlin. 60 Mitglieder gab es zunächst, verteilt auf die Sektionen Boxen, Eislauf, Fußball und Handball, ein paar Monate später kamen noch Radsport, Rudern und Schwimmen hinzu. Ende 1950 waren es dann bereits 800 Mitglieder, der Verein wurde Anlaufstation für Sportler auch außerhalb des Betriebs. Seinen Sitz hatte er damals wie heute in der Cantianstraße, seine Trainingsstätte ab Mitte der 50er im neu gebauten Jahn-Sportpark.

 

250 DDR-Meistertitel

 

Die Mitgliedsbeiträge waren, auch nach damaligen Verhältnissen, ein Witz, symbolischer Natur. Finanziert wurde der Verein aus einem Sozial- und Kulturfonds, der von Handelsbetrieben der DDR ausgestattet wurde. Der Verein wuchs weiter, 1967 kam zum Beispiel die Sektion Basketball dazu, in der auch recht schnell Erfolge gefeiert werden konnten: 1972 wurden sowohl Pokal als auch Meisterschaft in der Basketball-Nachwuchsliga der DDR gewonnen. Auch in anderen Bereichen wurde gefeiert. Die Boxer holten mehrmals den DDR-Meistertitel, ebenso die Kraftsportler und die Versehrtenkegler. Insgesamt, so zählt es die Vereinschronik, wurden vom Verein 250 DDR-Meister und 400 Berliner Einzel- und Mannschaftsmeistertitel gewonnen. 

Die Arbeit im Verein zielte vor allem auf Leistungen in Richtung Spitze, die Bemühungen außerhalb, in Prenzlauer Berg, gingen in die Förderung des Breitensports. Es wurden Sportfeste organisiert, außerdem machten Ehrenamtliche des Vereins Sport mit Kindern in Kindergärten, Schulen und Berufsschulen. Bis zum Ende der DDR konnte die Mitgliederzahl im Verein so auf 4.800 erhöht werden, der Großteil Jugendliche und Kinder. Doch mit der Wende drohte dann plötzlich das Aus. 

 

Nach der Wende kam die Austrittswelle

 

Die HO löste sich auf, und auch alle anderen gesellschaftlichen Strukturen mussten sich anpassen, für eine Betriebssportgemeinschaft wurde es da eng, sagt Wolfram Stahl. Es folgte eine Neugründung und eine Austrittswelle, nur schätzungsweise jedes vierte Mitglied blieb. Vor allem die nun eingeführten Mitgliedsbeiträge schreckten viele ab, anderen stand in der Zeit einfach nicht der Sinn nach Sport. Manfred Kluge, ehemaliger Fußballmeistertrainer bei der BSG, fasst es in der Vereinschronik so zusammen. „Jeder hatte ja Sorgen um seinen Arbeitsplatz. Die Leute mussten ihren Lebensunterhalt auf die Reihe bringen und erst in zweiter Linie kam dann der Sport.” Sektionen wurden aufgelöst, zum Beispiel die so prestigeträchtigen wie Radsport und Boxen. Vereinsräume mussten massenhaft aufgegeben werden, weil die Miete nicht mehr bezahlt werden konnte, unter anderem ein Gästehaus.

Als SV Empor Berlin und mit neuer Satzung ging der Verein dann in das Vereinigungsjahr 1990. Knapp 1.300 Mitglieder und 15 Abteilungen gab es, heute sind es 1.700 Mitglieder in 23 Abteilungen. Das sei zwar eine Erfolgsgeschichte, sagt Wolfram Stahl, allerdings meint er auch, dass der Verein bis heute einen Rückstand gegenüber der Konkurrenz im Westen der Stadt aufholen müsse. „Die ganzen Strukturen, sei es Sponsoring oder Netzwerke, mussten vom SV komplett neu aufgebaut werden. Das macht sich auch heute noch bemerkbar.” Auch das Maß an Ehrenamtlichen, die motiviert werden können, sich für den Verein zu engagieren, sei zurück gegangen.

 

Vorbild für andere Vereine

 

Trotz allem, heute ist der SV Empor wohl eine der wichtigsten Breitensportvereine im gesamten Bezirk. Den Charakter eines Ostvereins – das Label wird ja Clubs wie Union Berlin oder dem BFC gerne angeheftet – hat der SV längst nicht mehr, ist damit Spiegel der Entwicklung des Stadtteils Prenzlauer Berg. Vor allem in den Nullerjahren strömten Kinder von zugezogenen Bewohnern in den Verein, heute ist das Klientel so gemischt wie der Stadtteil. Eigentlich nichts Besonderes, findet Wolfram Stahl. „Ich selbst habe dem eigentlich nie Bedeutung zugemessen, ob das nun ein Ostverein ist oder nicht. Und für die anderen beim SV ist das eigentlich auch kein Thema.”

Thema sei vielmehr die Arbeit im Kiez, bei der der SV in Berlin als vorbildlich gelte, so die Einschätzung Stahls. Regelmäßig seien die Ehrenamtlichen an Kitas und Schulen unterwegs, machten dort Bewegungsprogramme und trainierten Fußball. „Der Anteil des Sportunterrichts an Schulen geht immer mehr zurück, da wollen wir gegensteuern.” Dieses Konzept gefalle, „wir haben regelmäßig Anfragen von anderen Vereinen, die das auch für ihren Stadtteil machen wollen. Das macht schon auch stolz.”

 

 

Seinen Geburtstag feiert der SV Empor am morgigen Samstag ab 13 Uhr im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark mit einem Sportfest.

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