Diese Bötzows

von Thomas Trappe 9. Juli 2014

Prenzlauer Berg wäre ohne ihn kaum denkbar: Heute vor hundert Jahren starb Julius Albert Bötzow, Gründer eines Bierimperiums. Ein Bötzow der vierten Generation erinnert sich.

Dabei sein ist alles. Zum Beispiel bei den Top Zwanzig der reichsten Menschen im Deutschen Reich. Der Griff von Alfred Gilka-Bötzow ins Archiv ist ein routinierter, und in der Hand hält er einen Schinken. „Das Jahrbuch der Millionäre”, erschienen 1913, vermutlich hat man sowas damals beim Frisör gelesen. Einmal geblättert, und Gilka-Bötzow findet sofort den Namen seines Ahnen: Julius Albert Bötzow. Vermögen um die 20 Millionen Reichsmark, Jahreseinkommen um die Million, das 500-fache eines Büroangestellten. Julius Bötzow, der Gründer der gleichnamigen Brauerei, war damals eine große Nummer, für Gilka-Bötzow ist das Jahrbuch aber eher eine Randanekdote. Ihm geht es um etwas anderes. Zu zeigen, dass die Geschichte des aufstrebenden Prenzlauer Bergs ohne die unternehmerischen Ambitionen Julius Bötzows heute wohl eine andere wäre. Es spricht einiges dafür, dass er damit recht hat.

Alfred Gilka-Bötzow ist 67 Jahre alt, pensionierter Sonderschullehrer, 1993 zog der gebürtige Schlesier von Oberbayern nach Berlin, wo er die Geschichte der Familie Bötzow zusammentrug. Zusammen mit Martin Albrecht verfasste er im Eigenverlag 2008 eine Familienchronik und am heutigen Mittwoch wird er im Rahmen einer Feier in der ehemaligen Bötzowbrauerei eine Gedenktafel für den Familienpatriarchen Julius Albert Bötzow enthüllen. Der starb auf den Tag genau vor hundert Jahren. Alfred Gilka-Bötzows Urgroßmutter war eine Cousine des Firmengründers. In seinem Büro in Niederschönhausen, hier kaufte Gilka-Bötzow vor einem Jahr zwei Mehrfamilienhäuser, rollt er die Geschichte seiner Familie auf. Die beginnt furios und endet schließlich in einem westdeutschen Pflegeheim.

 

Viele Brauerei-Versuche scheiterten

 

Der Name Bötzow deutet auf die Herkunft der Familie aus dem Barnim hin, auf das heutige Oranienburg, das früher den Ortsnamen Bötzow trug. Schon im 13. Jahrhundert ist der Familienname nach Gilka-Bötzows Recherchen aufgetaucht, ab 1700 ist eine Prenzlauer Berger Historie nachzuweisen. Damals pachtete die Familie Ackerland, auf der Höhe der heutigen Bernauer Straße. Das Gut wurde im Laufe der kommenden hundert Jahre stetig erweitert, 1885 gehörten der Familie im Norden der Stadt, also im und um den heutigen Prenzlauer Berg, rund 450 Hektar Land. Es war ein einträgliches Geschäft: Berlin erlebte einen Bevölkerungsboom, der Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten stieg stetig. Gleichzeitig wurde Bauland benötigt, um neuen Wohnraum zu schaffen.

 

 Die Bötzow-Brauerei um die Jahrhundertwende. (Quelle: Unknown amateur [Public domain], via Wikimedia Commons)

 

Mit dem Verkauf ihres Landes an Investoren und der parallel weitergeführten Landwirtschaft machten die Bötzows ein Vermögen. Gleichzeitig stellte sich die Frage, wie im urban gewachsenen Umfeld eine wirtschaftliche Alternative für die Familie geschaffen werden konnte. Der Blick richtete sich auf das Areal zwischen Saarbrücker Straße, Straßburger Straße, Metzer Straße und Prenzlauer Allee, das die Bötzows zwischenzeitlich erwarben. 1865 entstand hier „Bötzow’s Höhe”, ein riesiger Ausschank mit angeschlossenem Gärkeller und mehreren Lagerabteilungen. Gleichzeitig versuchten die Bötzows, im hart umkämpften und süddeutsch dominierten Brauereigeschäft Fuß zu fassen. Es klappte kaum, Haupteinnahmequelle blieb die Landwirtschaft. Vier Bötzow-Brauereien gingen um die Mitte des 19. Jahrhunderts pleite. 

Fehler, von denen schließlich Julius Albert Hermann Bötzow profitierte. 1839 geboren, sammelt er reichlich Erfahrungen im Brauereiwesen, um schließlich 1885, also kurz nach Reichsgründung und in Zeiten wirtschaftlichen Aufbruchs, die erste Familien-Großbrauerei auf dem Bötzow-Berg zu eröffnen – dort, wo heute der Gedenkstein enthüllt wird.

 

Bier für die Besserverdienenden

 

Zu einem der großen Mitspieler im Biermarkt wurde Bötzow nie, jedenfalls, wenn es um die Betriebsgröße ging. Der Name Bötzow war trotzdem bald berlinweit bekannt, vor allem deshalb, weil neben dem Hauptausschank in Prenzlauer Berg zig weitere Ausflugslokale im Stadtzentrum und im grünen Gürtel Berlins eröffnet wurden. Bötzow setzte auf Qualität und konnte so höhere Preise verlangen: Hauptzielgruppe waren daher auch die besser verdienenden Schichten. „Wichtig war für die Berliner, dass sie Bier immer mit einer markanten Person des städtischen Lebens verbinden konnten”, schreibt Gilka-Bötzow. Und Bötzow „erreichte eine Wirkung, wie sie selbst im glänzenden Berlin des Kaiserreichs nicht häufig war”, vergleichbar mit Werner von Siemens und August Borsig. 

Um Investitionen in modernste Brauereitechnik tätigen zu können, verkaufte Julius Bötzow weiter Land in Prenzlauer Berg. Veräußert wurde dabei keineswegs ohne Zielrichtung und Konzept, davon ist Alfred Gilka-Bötzow überzeugt. „Julius Bötzow war ein Mann mit urbanen Visionen, er hatte genaue Vorstellungen davon, wie die Stadt um ihn herum aussehen soll”, sagt er. Bötzow habe an Investoren mit ähnlichen städtebaulichen Vorstellungen verkauft, zum Beispiel im Bötzow-Viertel, das um 1900 an der gleichnamigen Straße entstand. Gleichzeitig stellt er für den Bau der Immanuelkirche Land und Geld zur Verfügung. Durchaus eigennützig war hingegen der wohl gewagteste Wurf Bötzows: Ein Palais als Wohnsitz auf dem Brauereigelände. Als „Schloss im Norden” wurde der Prachtbau bezeichnet, er prägte bis zu seiner Zerstörung 1943 das Viertel.

 

Bötzow kooperierte mit den Nazis

 

Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs starb Julius Bötzow, eher zufällig markierte sein Tod damit auch den beginnenden Niedergang seines Bierimperiums, der wohl eher Kriegsfolge war. Zunächst übernahm die Witwe die Geschäfte, nachdem der eigentlich designierte Nachfolger, Sohn Julius Ludwig, an die Front musste und erst 1918 zurückkehrte. Rohstoffmangel im Krieg und Wirtschaftssanktionen danach erschwerten das Geschäft erheblich, erst 1925 beispielsweise wurden Importbeschränkungen für Malz aufgehoben. In den revolutionären Berliner Nachkriegsjahren wurde der Brauereiberg dann zum Schlachtfeld: Linke Truppen, später Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck, zogen hier ihr Revolutionsquartier hoch. Das Gelände wurde dann von bewaffneten Arbeitern, Soldaten und Matrosen besetzt und von Regierungstruppen beschossen. Zum Schluss zogen rechte Kavallerie-Schützenverbände in die Räumlichkeiten. Tote, Plünderungen und Zerstörungen waren in dieser Zeit an der Tagesordnung. 

Nach dem unerwarteten Tod von Julius übernahm 1926 dessen Bruder Hermann – der seine Zukunft eher als Kolonialherr in Afrika sah – die Geschäftsführung und verwandelte die Brauerei in eine Aktiengesellschaft. Das ermöglichte dem Marktführer Schultheiss-Patzenhofer, in die Marke einzusteigen und in den 30ern schließlich die Mehrheit der Geschäftsanteile zu halten. Hermann Bötzow führte weiter die Geschäfte. Bis 1937 wuchs der Ausstoß an Bier stetig – die wirtschaftliche Gesundung des Unternehmens ging allerdings einher mit Zugeständnissen an die Nazis, die nach der Machtübernahme schnell auch am Bötzowberg das Sagen hatten. 

 

Zeichnung der Brauerei, ebenfalls um 1900. (Quelle: Wikipedia, Common License)

 

Dass Hermann Bötzow selbst glühender Nazi war, das bezweifelt Alfred Gilka-Bötzow. „Er war NSDAP-Mitglied. Aber treibende Kraft dahinter war seine 20 Jahre jüngere Frau, die Hitler verehrte. Und in der Familie wenig gelitten war.” Fest steht, dass Bötzow im April 1933, also kurz nach Machtübernahme Hitlers, den zeitgemäßen Bitten seines zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich schon von Gleichschaltungs“-Tendenzen erfassten Betriebsrats nachkam: Dieser forderte, dass Bötzow auf die Zulieferung des Saftfabrikanten J.A.Gilka verzichten sollte, solange in dessen Geschäftsleitung Menschen tätig sind, die nicht „rein arischer Abstammung sind”. Bötzow leitete die Forderung unverzüglich an die Firma Gilka weiter. Dazu ist zu sagen: Die Familien Bötzow und Gilka waren seit zwei Generationen verwandt und befreundet. Der Name des Chronisten Gilka-Bötzow zeugt noch heute von dieser Verbindung. 

 

Bötzows Urenkel scheiterte mit Neubeginn

 

1939 gab es dann noch eine große Feier anlässlich des 75. Firmenjubiläums, Hermann Bötzow betonte seine Verbundenheit zur „märkischen Scholle” und richtete einen Sozialfonds für die Belegschaft ein. Es folgte der beherzte Gang in den Untergang. Über die Kriegsjahre finden sich keine Aufzeichnungen, nur über den Selbstmord Hermanns am 25. April 1945, einen Tag später ging seine Frau Ruth den gleichen Weg. „Aus Angst vor den sowjetischen Soldaten”, vermutet Alfred Gilka-Bötzow. 

Die Brauerei war 1945 ein Trümmerfeld. Hermanns und Ruths einziger Sohn Julius versuchte nach dem Krieg, die Brauerei nochmal zu beleben, scheiterte aber wie die meisten anderen Unternehmer in Ost-Berlin an diesem Vorhaben. 1947 wurde die Bötzow-Brauerei in „Volkseigentum” überführt, mit der Begründung, es sei Besitz von Kriegsverbrechern. Der „VEB Bötzow Brauerei” diente dann vorrangig als Lagerstätte, zum Beispiel für Fischwaren. Erst jetzt wird das Gelände vom Unternehmer Hans Georg Näder wieder zum Leben erweckt.

Julius Bötzow, der Urenkel, ging nach dem Krieg nach West-Berlin, versuchte in den 60ern in Tempelhof und Schöneberg einen Neubeginn der Brauerei, scheiterte aber an der Übermacht der großen Marken, die seine Brauerei erst übernahmen und schließlich 1988 abwickelten. Alfred Gilka-Bötzow sagt, dass es heute „kaum ein Herankommen” an Julius Bötzow gebe, er sei noch immer traumatisiert durch den Doppelselbstmord seiner Eltern. 2007 zog Julius in ein Pflegeheim nach München, wie aus einem Brief an Alfred Gilka-Bötzow hervorgeht. Dieser hatte ihn zuvor gefragt, ob er bei der Erstellung der Familienchronik behilflich sein könnte. „Gesundheitlich bin ich stark beeinträchtigt, ich kann deshalb leider nicht an Ihrem interessanten Unternehmen teilnehmen”, schrieb Julius Bötzow. „Ich bedaure das außerordentlich.”

 

Die Gedenktafel wird heute 11 Uhr auf dem Gelände der alten Brauerei (Prenzlauer Allee 246) eingeweiht, im Rahmen einer Feierstunde. Anschließend soll an dem Familiengrab der Familie auf dem gegenüberliegenden Georgen-Friedhof durch Inschriften an die „Förderer der Imanuelkirchengemeinde Julius Albert Bötzow und seine Frau Margarethe sowie den ältesten Sohn Julius Ludwig als Mäzen des Märkischen Museums erinnert werden”, wie es in der Einladung heißt.

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