„Wir haben die Chance, Integration als positive Geschichte zu erzählen“

von Juliane Wiedemeier 24. März 2014

Integration ist in Pankow ein Luxusthema. So sehen das manche. Doch jeder zweite Zuzügler kommt aus dem Ausland. Viel zu tun für Pankows neue Integrationsbeauftragte.

Katarina Niewiedzial hat einfach mal die Tür offen gelassen. Auf den langen Fluren des Pankower Rathauses, wo sonst jeder seine Bürotür fest verschlossen hält, fällt sie damit ganz schön auf. Als Besucher fühlt man sich so gleich willkommen. Genau das zu vermitteln ist nun Niewiedzials Job. Mit seiner neuen Integrationsbeauftragten scheint der Bezirk also eine gute Wahl getroffen zu haben.

Moment! Pankow hat eine Integrationsbeauftragte? Muss das sein? Wer ist denn hier zu integrieren?

Tatsächlich ist das eine Frage, mit der Niewiedzial jetzt öfter zu tun hat. „,Bei Euch ist Integration ein Luxusthema’ – solche Sätze höre ich manchmal“, erzählt sie. Natürlich sei Pankow kein sozialer Brennpunkt und mit anderen Dingen beschäftigt als etwa Neukölln. Ein wichtiges Thema sei es trotzdem.

 

Jeder zweite Zuzügler kommt aus dem Ausland

 

Fast neun Prozent der Pankower sind Ausländer; in Prenzlauer Berg sind es sogar fast 15 Prozent – ein Wert nur knapp unter dem Berliner Durschnitt. Hinzu kommen in Prenzlauer Berg über 22 Prozent, die einen deutschen Pass und eine Migrationsbiographie haben. Dabei ist der wachsende Bezirk nicht nur bei Deutschen beliebt. Jeder Zweite, der derzeit nach Pankow zieht, kommt aus einem anderen Land.

Ganz oben auf der Liste der Herkunftsländer findet sich Polen, gefolgt von Italien, Frankreich und Spanien. „In den letzten Jahren sind zunehmend Menschen aus den europäischen Krisenländern zu uns nach Pankow gekommen“, erklärt Niewiedzial. Die seien motiviert, qualifiziert und arbeitswillig, und damit genau des Gegenteil von einer Einwanderung in die Sozialsysteme. Genau darin liege die große Möglichkeit: „Wir haben hier im Bezirk die Chance, die Geschichte der Integration positiv zu erzählen.“

 

Integration darf man nicht dem Zufall überlassen

 

Über zwanzig Jahre ist es her, dass Niewiedzial selbst nach Deutschland kam. Nach einer Kindheit in Stettin zog sie mit ihrer Familien als Zwölfjährige nach Bremerhaven; einer Stadt mit vielen Zuwanderern. Die Gegend, in der sie damals wohnte, die Schule, die sie besuchte – aus heutiger Sicht erkennt sie den sozialen Brennpunkt, in dem sie landete. Doch da sie gar nicht wusste, dass diese Ausgangssituation sie auch zurückhalten könnte, machte sie einfach ihr Ding: Abitur, Politikstudium und dann der erste Job bei der Integrationsbeauftragten des Berliner Senats. „Erst dort habe ich gelernt, dass ich einen Migrationshintergrund habe“, erzählt Niewiedzial.

Zwölf Jahre und einen Zwischenstopp beim linksliberalen Think Tank „Progressives Zentrum“ später (wo sie sich mit europäischer Sozial- und Wirtschaftspolitik beschäftigte), ist sie nun seit diesem Monat Integrationsbeauftragte in Pankow. Das klingt nach einer gelungenen Integration. Natürlich gelinge es vielen Menschen mit Einwandererbiografie, sich erfolgreich in die Gesellschaft zu integrieren, meint Niewiedzial. „Doch es reicht nicht, wenn die Integration aufgrund einer Kette von Zufällen gelingt. Wir müssen die Wege zum Integrationserfolg institutionalisieren.“

 

Englisch im Bürgeramt

 

Das ist ihr Anspruch, mit dem sie sich nun in Pankow an die Arbeit macht, nachdem sie das Thema schon aus Landes- und Bundes-Perspektive kennengelernt hat. „Integration passiert vor Ort. Daher hat mich die Arbeit auf bezirklicher Ebene gereizt, wo ich direkt in Kontakt mit den Menschen komme“, sagt sie.

Dort findet sie sich nun in einer Doppelrolle wieder: Zum einen ist sie nach außen die bezirkliche Ansprechpartnerin für Organisationen, Vereine und jeden, der sich mit Integration beschäftigt. Zum anderen muss sie darauf achten, dass die Verwaltung das Thema entsprechend berücksichtigt. Liegen in den Bürgerbüros die Formulare in mehreren Sprachen aus? Können die Mitarbeiter des Amtes mit Kundenkontakt nicht mal einen Englischkurs besuchen? Und wie schafft man es, die komplizierte deutsche Bürokratie jemandem zu vermitteln, der in diesem System nicht aufgewachsen ist? All dies sind Aspekte, die Niewiedzial nun auf dem Schirm haben muss. „Gerade angesichts der hohen Zahl der Neuankömmlinge ist für uns der Start entscheidend: Fühlt sich jemand willkommen, findet er sich zurecht, kann er am gesellschaftlichen Leben teilhaben?“, sagt sie. Das zu gewährleisten ist ihre Aufgabe.

 

Integration heißt nicht Assimilation

 

Momentan ist sie noch in der Analysephase: Welche Aktionen und Initiativen gibt es schon? Wo hakt es? Was sind die größten Baustellen? Natürlich gehört dazu, im Bezirk herumzufahren, die Flüchtlingsheime zu besuchen, die Vereine zu treffen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Darüber hinaus gibt sie gerade eine Studie in Auftrag, die herausfinden soll, welche Migrantengruppen welchen Bedarf sehen, und in welcher Form sie sich jetzt schon beteiligen. „Es geht darum, von einzelnen Problemen zu abstrahieren und Möglichkeiten für strukturelle Veränderungen zu identifizieren“, erklärt die Integrationsbeauftragte. Damit sie weiß, wo sie mit ihrer Arbeit ansetzen soll.

Allerdings, so Niewiedzial, dürfe man bei allem Anspruch an die Integration einen Fehler nicht machen: sie mit Assimilation verwechseln. „Durch den Zuzug wird die Gesellschaft immer heterogener. Wie wir trotzdem den sozialen Zusammenhalt schaffen, das ist die Frage der Zukunft.“

 

 

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