Gut behütet

von Ute Zauft 27. Februar 2012

Prenzlauer Berg und Charlottenburg liegen in der Berliner Hut-Szene gleich auf. Das hat Tradition, denn schon im vergangenen Jahrhundert gab es hier in der Gegend viele Hutateliers. Der Kiez war und bleibt gut behütet.

Margot Gedrange fällt gerne auf, aber nicht irgendwie, sondern mit Hut! Ihr derzeitiges Lieblingsstück: Eine rote Kappe mit hellen Filzfransen, die sie selbst entworfen hat. Hüte sind für die gebürtige Prenzlauer Bergerin nicht allein Schutz gegen Wind und Wetter, sondern vor allem modisches Accessoire. Und: Sie sind ihrer Meinung nach wieder groß im Kommen. Die überzeugte Hutträgerin muss es wissen, denn seit 1978 führt die gelernte Modistin den Laden Kranemann Hüte in der Schönhauser Allee.

Das Hutatelier strahlt Tradition aus: Die Ladenklingel begrüßt die Kunden mit dem wohltemperierten Klang des vergangenen Jahrhunderts, die altmodische Kasse hat noch eine Handkurbel und in den Glasvitrinen aus dunklem Holz stapeln sich die Hüte. Ihre Kundschaft? „Da mischen sich Jung und Alt“, berlinert Gedrange. Neulich war eine Kundin da, die schon als Kind unter der Ladentheke mit den Hüten gespielt hat, während ihre Mutter zur alljährlichen Hutschau im Laden war. Eine wohlige Nostalgie überfiel die Dame. „Und sie hat auch gleich einen Hut gekauft“, plaudert die Ladenbesitzerin. Einfache Modelle sind bei Kranemann Hüte durchaus für unter 100 Euro zu haben, aufwendigere Anfertigungen können aber auch zwischen 200 und 300 Euro kosten.

 

Kiez der traditionellen Hutträger

 

Als sie den Laden in den 70er Jahren übernommen hat, habe es im Kiez geschätzte zehn bis 15 Hutateliers gegeben. „Hier hat eben die Mittelschicht gewohnt, die Hut trug“, so Gedranges Erklärung. Von den alten Läden ist neben ihrem allein Kleemann Hüte – ebenfalls auf der Schönhauser Allee – übrig geblieben, dennoch ist der Kiez innerhalb der Hut-Szene noch immer gut aufgestellt: Nirgendwo sonst in der Stadt gibt es so viele Hutateliers wie in Prenzlauer Berg und Charlottenburg. Zwischen die Traditionsläden hat sich inzwischen der Nachwuchs mit Neueröffnungen gemischt. Der Hut – eine zeitlose Mode.

Klingeln an der Ladentür: Ein Mann um die 40. Ein Hut im Stil der zwanziger Jahre ist gesucht. Die Einladungen zu seiner Geburtstagsfeier sind bereits verschickt, das Motto ausgerufen, alle schon eingekleidet, nur der Gastgeber verzweifelt! Der Zylinder sieht gut und nach zwanziger Jahre aus. Oder doch ein Hut wie ihn Frank Sinatra einst trug? „Frankyboy“, wie Margot Gedrange sagt. Ja, der passt zum Hutträger. Allein: noch nicht zum silbergrauen Anzug. Margot Gedrange verschwindet in ihrem Atelier. Hier wird seit Jahrzehnten gearbeitet, das ist nicht zu übersehen: Es stapeln sich Stoffstücke, Hutrohlinge (sogenannte Stumpen) und schmückende Federn. Mit bemerkenswerter Sicherheit zieht Margot Gedrange ein silbern glänzendes Hutband aus einem der Stapel: So wird der Hut Typ „Frankyboy“ passend gemacht zum silbergrauen Anzug.

 

Aufhübschen oder neu entwerfen

 

Margot Gedrange entwirft in ihrem Laden längst nicht alle Modelle selbst, eine ihrer Stärken ist das Anpassen und Aufhübschen der Fabrik-Modelle. Bei Julia Mogwitz im Laden finden sich unter den Hüten dagegen nur von Hand gefertige Einzelstücke. Ihr Stil: Verspielt und farbenfroh, und das merkt man ihrem Laden in der Sredzkistraße auch sofort an. Der Boden ist in dunklem Pink gestrichem, aus den Regalen locken die Hüte in Dunkelrot, Lila und Gelb. Die Modelle: Der klassische Herrenhut, allerdings für die Dame mit schmückendem Beiwerk. Die 20er-Jahre-Glocke, die sich eng an den Kopf schmiegt. Und: Hier und da eine Schiebermütze.

„Ein Hut kann für mich Erbstück sein, wie es auch der Familienschmuck ist“, erklärt die leidenschaftliche Modistin. Doch ein Hut der von einer Generation zur nächsten wandert, muss einiges aushalten. „Ein anständiger Hut ist nie aus Wolle, sondern aus Haarfilz, aufwendig gefilzt aus den Haaren von Hasen oder Kaninchen“, so Julia Mogwitz. Der Vorteil: Weder Nieselregen noch Schnee kann der edlen Kopfbedeckung dann etwas anhaben. Alle Modelle in Julia Mogwitz‘ Laden können probiert und natürlich auch gleich mitgenommen werden, bei Bedarf wird aber auch das Wunschstück passend zu Kopf und Outfit angefertigt. Die Preise zwischen 350 und 400 Euro kann sich nicht jeder leisten, das weiß auch Julia Mogwitz. „Der Preis berechnet sich aber rein aus Material und Arbeitsaufwand. Wir betreiben hier ein Handwerk, das etwas wert ist.“

Zwischen den Hüten finden sich kleine, seidig glänzende Stücke – Kopfputz könnte man sagen, wenn das nicht so altmodisch klingen würde. „Fascinators“ heißen sie im Fachjargon der Modezeitschriften. Zarte Gebilde aus Federn, Seidenblumen oder Perlen, die mit Spange oder Kamm an die Haarpracht angesteckt werden. Auf der Hochzeit des britischen Prinzen-Paares waren sie noch gern gesehen, nur die neue Kleiderordnung von Ascot, dem traditionsreichen Pferderennen auf der Insel, missbilligt sie seit diesem Jahr. Bis zur Trabrennbahn in Berlin-Mariendorf hat sich das aber bestimmt noch nicht durchgesprochen.

 

Hier werden Sie gut behütet:

Kranemann Hüte, Schönhauser Allee 85

Kleemann Hüte, Schönhauser Allee 131

Hutatelier Julia Mogwitz, Sredzkistr. 36

Helena Ahonen Hutdesign, Fehrbelliner Str. 56

Heimat-Berlin, Kastanienallee 13/14

 

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