Mein Leben als Zootier

von Juliane Wiedemeier 11. März 2011

Das Leben in einem Haus mit Ferienwohnungen ist wie Urlaub in der Jugendherberge. Und wenn die Gäste die Nachtruhe nicht einhalten, wird man zum Herbergsvater.

Als ich in meine Wohnung einzog, war es mir gleich aufgefallen: So viele Klingelschilder, und so oft der gleiche Name, dazu noch fein säuberlich durchnummeriert von „Name 1″ bis „Name 4″. „Wie schön, eine Großfamilie“, dachte ich mir noch. Und wurde schon in der folgenden Nacht eines Besseren belehrt.

Der Flug aus Amsterdam muss Verspätung gehabt haben. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die acht lustigen Holländerinnen erst gegen halb zwei mit ihren Rollkoffern die Treppe heraufpolterten, um dann fröhlich quatschend ihre drei Ferienwohnungen in Beschlag zu nehmen. Links, schräg links und genau gegenüber von meiner Wohnung. Aufgeregt liefen sie zwischen ihren neuen Quartieren hin und her und verglichen lautstark Einrichtung und Zimmergröße (zumindest vermute ich, dass sie das taten, mein Holländisch ist noch ausbaufähig). Ähnliches hatte ich zuletzt auf den Fluren einer Jugendherberge gegen Ende der achten Klasse erlebt. Bis mein Klassenlehrer irgendwann beschloss, auf dem Gang zu übernachten, damit wir in unseren Zimmern blieben und die anderen Gäste wenigstens ein wenig Schlaf bekommen konnten. So hatte ich mir das mit der neuen Wohnung eigentlich nicht gedacht.

 

Spanier und alte Ehepaare aus Süddeutschland – das Leben im Taubenschlag

 

Und, das muss ich zugeben: So schlimm wurde es auch nicht. Die Spanier, die den Holländerinnen folgten, kamen immer erst nach Hause, wenn ich zur Arbeit ging. Das alte Ehepaar aus Süddeutschland konnte zwar mir nicht „Guten Morgen“ wünschen, aber hatte sich wohl auch selbst nicht mehr viel zu sagen. Auf jeden Fall habe ich nichts Gegenteiliges gehört. Und die junge Familie, die ein paar Tage Großstadturlaub machte, könnte man geradezu als nett bezeichnen.

Nur als bei mir das Salz ausging und ich Hilfe bei den Nachbarn suchte, da konnten Sie mir auch nicht weiterhelfen. Denn Ferienwohnungsbewohner haben wirklich nur einen Koffer in Berlin und kein Gramm Salz im Haus.

Natürlich gibt es außer mir noch viele andere dauerhafte Mieter in meinem Haus. Und ich kann nicht behaupten, dass ich zu denen ein enges Verhältnis hätte. Denn wenn ich großen Wert auf so etwas legte, wohnte ich wohl nicht in einer anonymen Großstadt, sondern weiterhin am südlichen Stadtrand in der westfälischen Provinz. Trotzdem ist es seltsam, wenn man in einem halben Hotel wohnt. Und das nicht nur, weil die Besucher sich kein Stück für eine Nebenkostenabrechnung interessieren, wenn Sie nach einem ausgedehnten Stadtbummel lange Vollbäder nehmen.

 

Vom Prenzlauer Berger wird man schnell zum bestaunten Ureinwohner

 

Vielmehr mag ich es nicht, mit großen Augen angestarrt zu werden, wenn ich den Briefkasten lehre, den Müll wegbringe oder mein Rad im Hof flicke. „Schau mal, ein Ureinwohner“, sagen die Blicke, und es fehlt nur, dass man mit dem Finger auf mich zeigt und Fotos schießt. Ja, entschuldigen Sie: Ich wohne hier. Das soll ja mal vorkommen.

Immerhin bewahrt mich dieser Erfahrung wohl davor, irgendwann auf die Idee zu kommen, in ein Indianerreservat zu reisen und mich vor Ort in einem Zelt unterbringen zu lassen. Oder in der Mongolei in einer Jurte zu übernachten. Ich urlaube in Zukunft nur noch in riesigen Hotelbunkern, oder auf großräumig abgesperrten Campingplätzen.

Womit ich sagen will: Ich kann meine Ferienwohnungsnachbarn ja verstehen; ich würde es an ihrer Stelle vermutlich auch so machen. Und das Ganze hat schließlich auch den Vorteil, dass ich mich ihnen gegenüber zwar oft wie ein Zootier fühle. Aber das ist immerhin auch eine Attraktion.

 

Hier lesen Sie, welche Probleme das Angebot von Ferienwohnungen in Wohnhäusern noch so mit sich bringt.

Das könnte Dich auch interessieren

Hinterlasse einen Kommentar