Eine Frage des Berges

von Sarah Schaefer 26. November 2019

Leben wir in Prenzlauer Berg? Oder doch im, am, auf dem Prenzlauer Berg? Wir wollten diese Frage endlich klären. Aber es ist kompliziert.


Was sind die Prenzlauer Berger*innen doch für erstaunliche Menschen. Gemeint ist nicht ihre Fähigkeit, seit Jahren die öden Klischees über Bio-Schwaben und Globuli zu ertragen. Sondern ihre Bereitschaft, in einem Berg zu wohnen. Dabei, so dachten wir, können das eigentlich nur Zwerge oder Hobbits. Obwohl – Hobbits leben für gewöhnlich in einem Erdhügel. (Oder? Wir sind da keine Expertinnen.) Wie muss man sich das vorstellen, wenn man zum Beispiel den offenen Brief von Pankows Bürgermeister Sören Benn an Alexander Dobrindt aus dem Jahr 2018 wörtlich nimmt: „Ich lade Herrn Dobrindt bei freiem Geleit gern auf einen Latte Machiatto (sic!) in den Prenzlauer Berg ein (…)“ Steigen die beiden Politiker dann in das Innere des Bergs hinab, zur unterirdischen Latte-Macchiato-Quelle…?

Mit Artikel oder ohne? Leben wir im, am oder gar auf dem Prenzlauer Berg? Der sprachliche Wildwuchs rund um den eigentlich harmlosen Namen unseres Ortsteils ist ebenso bemerkenswert wie verwirrend.

 

Manche kommen gut ohne Artikel zurecht

Für das Pankower Bezirksamt ist die Sache klar: Prenzlauer Berg hat, wie auch Kreuzberg, Schöneberg, Lichtenberg, Falkenberg, keinen Artikel. Das Bezirksamt schreibt auf seiner Webseite nüchtern: „Baumfällungen in Prenzlauer Berg.“ Oder: „Die größte gründerzeitliche Bebauung der Stadt findet man in Prenzlauer Berg.“ Doch viele lokale Politiker*innen hängen am Artikel. So heißt es in einem Antrag der Pankower CDU „mitten im Prenzlauer Berg“. Stefan Liebich (Linke) schreibt bei Twitter von den „Menschen in meinem Wahlkreis, vor allem im Prenzlauer Berg“.

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Bleiben wir bei Twitter. Eine Nutzerin schreibt: „Huch, ein Fuchs. Sitzt da mitten auf der Straße in Prenzlauer Berg.“ Offensichtlich kommt sie gut ohne Artikel zurecht. Auch wir bei den Prenzlauer Berg Nachrichten verzichten grundsätzlich auf den Artikel. Die Kolleg*innen von Tagesspiegel Checkpoint scheinen sich in dieser Frage nicht ganz einig zu sein. Mal schreiben sie über Fahrradwege in Prenzlauer Berg, mal über ein Nudelrestaurant im Prenzlauer Berg. Und der Immobilienmakler Engel & Völkers hat sogar Räume im Angebot, die am Berg liegen: „Eröffnen Sie Ihr neues Yogastudio am Prenzlauer Berg.“

 

Das Wissen der Einheimischen

Natürlich geht es hier – wie so oft in Prenzlauer Berg – darum, wer sich in dieser Diskussion überhaupt fachkundig zu Wort melden darf, wer als Instanz gilt in der Frage, ob der Berg einen Artikel hat oder nicht und welche Präposition die richtige ist. Immobilienmakler*innen wohl eher nicht, Zugezogene wahrscheinlich auch nicht. Und wer Prenzlberg sagt, schon gar nicht.

„Die Berliner reden, neben dem Deutschen, noch eine eigene Sprache: das Berlinerische“, erklärte neulich ein Leser, eigenen Angaben zufolge ein „Ur-Prenzlauer-Berger“, in unserer Nachbarschaftsgruppe. Deswegen gehe man „uff`m Prenzlauer Berg“ und wohne „im Prenzlauer Berg“ – ebenso wie das beim Wedding der Fall sei. Eine Leserin war der Meinung, dass man die Sache mit dem Berg nicht so wörtlich nehmen sollte: „Keiner sagt ‚auf‘, weil es sich um einen Stadtteil und nicht um einen Berg handelt“, schrieb sie.

 

Den Berg gibt es wirklich

Das stimmt und auch wieder nicht. Prenzlauer Berg war bis zur Verwaltungsreform 2001 der Name eines Bezirks, heute ist es ein Ortsteil. Und als solcher wird Prenzlauer Berg ohne Artikel geführt. Doch der Name bezieht sich tatsächlich auf einen Berg, wie Klaus Grosinski in „Prenzlauer Berg. Eine Chronik“ schreibt. Als 1920 die neue Stadtgemeinde Groß-Berlin gegründet wurde, wollten die Stadtväter den Bezirk Prenzlauer Tor nennen – ein Verweis auf ein Bauwerk, das schon seit 1870 nicht mehr existierte.

Doch die Bezirksverordneten beschlossen stattdessen im Jahr 1921, dass der Bezirksname einen Bezug haben sollte zu einer Erhebung, die im Volksmund „Windmühlenberg“ genannt wurde. Gemeint ist damit der Anstieg an der Prenzlauer Allee, auf Höhe der Bötzow-Brauerei. Es war das

 „immer mehr anwachsende Berlin, das diese Erweiterung nötig machte. Sie bildete sich um die Chaussee nach Prenzlau herum, die aus dem Spreetal von Alt-Berlin aus bei der jetzigen Bötzow-Brauerei recht steil zur Hochfläche des Barnim ansteigt, so daß man hier wohl von einem Prenzlauer Berge reden konnte“,

schreiben Otto Behrendt und Karl Malbranc in ihrem 1928 erschienenen Werk, das sie folgerichtig „Auf dem Prenzlauer Berg“ nannten.

Beate Boehnisch, Archivarin am Museum Pankow, weiß auch nicht, welche sprachliche Regelung nun die Richtige ist. Aber mit Verweis auf Behrendts und Malbrancs Klassiker sagt sie, immerhin sei belegt, woher der Artikel vor dem Bezirksnamen stammt.

 

Königliche Mühlen auf dem Berg

Den Namen Prenzlauer Berg gibt es allerdings schon deutlich länger als den Bezirk. Als frühester schriftlicher Beleg gilt ein Vermerk, der fast 100 Jahre vor Bezirksgründung gemacht wurde. Chronist Klaus Grosinski bezieht sich dabei auf den Heimatforscher Heinrich Herzberg, der auf ein Gesuch gestoßen war, das der Gutsbesitzer Christian Friedrich Bötzow im Jahr 1826 an das Berliner Polizeipräsidium richtete. In einem Vermerk zu diesem Gesuch schreibt ein Beamter: „Die Königlichen Mühlen auf dem Prenzlauer Berg sind an den Boetzow verkauft und nunmehr Privat Eigentum.“

Auf dem Prenzlauer Berg!

Wir halten fest: Lange bevor Prenzlauer Berg zum Bezirksnamen wurde, kannte die Bevölkerung eine Anhöhe, den Prenzlauer Berg. Warum aber Sören Benn und Alexander Dobrindt heute, fast 200 Jahre später, nicht wie die Königlichen Mühlen und Christian Friedrich Bötzow auf dem Berg weilen dürfen, sondern sich für ihren Latte Macchiato in den Berg begeben müssen? Sorry, das wissen wir auch nicht.

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