Kita-Krise Sophie vor Mauer

Kitaplatz verzweifelt gesucht

von Victoria Scherff 20. August 2018

Viele Eltern in Prenzlauer Berg verzweifeln bei der Suche nach einem Kitaplatz. Über lange Wartelisten, Eltern vor Gericht und neue Agenturen, die aus der Kitaplatz-Suche ein Geschäft gemacht haben.


„Wir haben viel zu spät angefangen, zu suchen“, seufzt Sophie Läng aus Pankow. Die gebürtige Schweizerin wohnte gut zehn Jahre in Prenzlauer Berg, vor fünf Monaten sind sie und ihr Partner von der Greifenhagener Straße in die Vinetastraße gezogen – mit der Geburt ihres Sohnes Emile Ende November 2017 brauchten die kleine Familie eine größere Wohnung. Pünktlich zum ersten Geburtstag soll Emile nun in die Kita gehen, damit Läng zurück in den Job kann. Doch bislang suchen die 34-jährige Fernsehredakteurin und ihr Partner vergebens nach einem Betreuungsplatz: vorher in Prenzlauer Berg und nun in ihrem neuen Kiez in Pankow. Die beiden sind damit sowohl im Stadtteil als auch in ganz Berlin alles andere als alleine: Tausende Väter, Mütter, Erzieherinnen und Erzieher demonstrierten Ende Mai in Berlin gegen die Versorgungslücken in der Kinderbetreuung – es war die größte Demo ihrer Art seit Langem.

Dabei steht bereits seit dem Jahr 2013 Kindern in Deutschland ab dem ersten Geburtstag ein Betreuungsplatz zu – so der theoretische Rechtsanspruch. In Berlin wie auch in anderen Bundesländern wuchs seitdem zwar die Zahl der Kitaplätze, zu wenige sind es in der Hauptstadt mit aktuell 170.000 Plätzen trotzdem noch immer. Bis 2021 sollen 25.000 neue Kita-Plätze in Berlin entstehen. Dieses und nächstes Jahr will der Senat über 200 Millionen Euro für die Schaffung neuer Kitaplätze investieren. 

 

Bewerbung mit Foto

„Erst“ als ihr Sohn zwei Monate alt war, hat Läng mit der Suche nach einem Kitaplatz begonnen. Sie hat Listen erstellt, Kitas in Wohnnähe – zuerst in Prenzlauer Berg, dann in Pankow – kontaktiert und sich auf Wartelisten setzen lassen. Chaos war vorprogrammiert: „Alle Eltern schreiben sich auf 20 Listen und keiner sagt ab“, sagt Läng.

Ein einheitliches Vorgehen gibt es weder durch eine zentrale Warteliste noch bei den Formalitäten: „Bei manchen Kitas soll man sich online in eine Warteliste eintragen, bei anderen persönlich vorbeigehen. Es soll auch Kitas geben, die wollen eine Bewerbung mit Foto“, erzählt Läng.

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Online kann man zwar auf der Seite der zuständigen Senatsverwaltung nach freien Plätzen suchen, doch angesichts langer Wartelisten dürften die wenigsten Kitas sich die Mühe machen, freie Plätze dort einzutragen.

Unsere Suche nach verfügbaren Plätzen in Pankow ergab insgesamt neun freie Plätze in zwei Kitas (Stand 18.07.2018). Bei erneuter Suche am 25. Juli war die Seite nicht erreichbar. Auch in der Kita-Datenbank des Landes Berlin, dem freien Verzeichnis Kitanetz und der DaKS Kitabörse können Eltern nach Kita-Plätzen suchen. Bis Ende des Jahres will die Senatsverwaltung einen „Kita-Navigator“ entwickelt, der schneller eine Übersicht über das Kita-Angebot und freie Plätze geben soll.

Kita Suche Prenzlauer Berg, Sophie Läng mit Sohn in der Stargarder Straße

Sophie Läng unterwegs mit ihrem Sohn in der Stargarder Straße Ecke Prenzlauer Allee

 

„Das Kind muss doch erstmal auf die Welt kommen“

„Ich würde lieber etwas bezahlen und dafür mehr Erzieher und mehr freie Plätze haben“, meint Läng. Bisher mussten sich die Eltern finanziell an der Kitabetreuung beteiligen. Die Summe setzte sich zusammen aus der Verpflegung der Kinder und einem sogenannten Betreuungsanteil. Seit dem 1. August diesen Jahres ist die Kita für alle in Berlin kostenfrei, nur der Verpflegungsanteil von monatlich 23 Euro wird fällig.

Läng hat bisher in Vollzeit gearbeitet; mit Kind will die Redakteurin mit 30 Stunden wöchentlich wieder einsteigen: „Ich möchte erst einmal schauen, wie viel das alles ist mit Arbeit und Kind.“ Emiles Vater arbeitet 32 Stunden die Woche als Kulturpädagoge. Doch ohne Kita-Platz wird der geplante Jobeinstieg für Läng schwierig.

Auf den Wartelisten konkurriert Emile mit noch ungeborenen Kindern: Obwohl man den in Berlin benötigten Kitagutschein erst neun Monate vor Kita-Beginn beim Jugendamt beantragen kann, suchen viele Eltern bereits nach einem Platz, wenn der Nachwuchs noch gar nicht auf der Welt ist.

Tatsächlich rät das offizielle Berliner Familienportal „Zuhause in Berlin“, sich schon in den ersten Schwangerschaftsmonaten verschiedene Kitas anzuschauen und „sich frühzeitig anzumelden“. „Ich finde das komisch, das Kind muss doch erstmal zur Welt kommen“, sagt Läng.

 

360 Euro für einen Kitaplatz

„Als Emile geboren wurde, hat uns eine Frau vom Gesundheitsamt zu den unterschiedlichsten Dingen beraten. Ihr Tipp zur Kitaplatz-Suche: Wir sollen uns auf zehn bis 15 Listen schreiben und immer wieder anrufen“, erzählt Läng.

Dass frisch gebackene Eltern mit dem Familienzuwachs viele neue Aufgaben und wenig Zeit für Telefonterror bei den Kitas haben, haben inzwischen schon spezielle Agenturen als Marktlücke entdeckt und besetzt. Ihr Angebot: Gegen Geld suchen und vermitteln die Kita-Agenten einen geeigneten Platz für die Schützlinge in Betreuungsnot. So macht es zum Beispiel die Agentur Maternita in Prenzlauer Berg, die mit den Schlagworten „Schwangerschafts-Concierge“ und „Baby Planner“ wirbt. Rund 250 Euro kostet die Suche nach einem Kitaplatz, die Agentur veranschlagt dafür drei Stunden Arbeitsaufwand. Wurde ein Kita-Platz erfolgreich vermittelt, kommen nochmals 150 Euro hinzu. Dauert die Suche länger oder sucht man für mehre Kinder Plätze, steigt der Preis.
„Es ist bedauerlich und aus meiner Sicht auch politisch nicht wünschenswert, wenn Eltern sich gezwungen sehen, bei der Platzsuche auf solche Agenturen zurückzugreifen“, sagt Jugendstadträtin Rona Tietje (SPD). Ein solches Angebot verstärke die soziale Benachteiligung von geringer verdienenden Eltern bei der Kitaplatzsuche – sie können sich den speziellen Service schlicht nicht leisten.

 

Mehr Erzieher durch Quereinstieg

Doch es gibt nicht nur zu wenig Plätze, es fehlen auch qualifizierte Erzieherinnern und Erzieher für den Prenzlauer Berger Nachwuchs. Die Gründe: Viel Verantwortung, ein enormer Lärmpegel und eine schlechte Bezahlung – der Erzieher-Beruf ist schlichtweg nicht attraktiv genug.

Dass Erzieherinnen und Erzieher deutlich besser bezahlt werden müssen, stellte auch Berlins Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) in einem Kita-Spitzengespräch im Juni 2018 fest. Die Senatorin betont jedoch, dass allein durch die bessere Bezahlung das akute Fachkräfteproblem nicht gelöst werden kann: „Wir benötigen möglichst schnell mehr Personal und das geht nur mit Quereinsteigenden und wenn wir neue Wege gehen.“

 

Immer mehr Eltern suchen Hilfe beim Jugendamt

Bei 20 Kitas hat Läng bis jetzt angefragt, bei 15 steht Emile auf der Warteliste. „Die meisten Kitas, die wir angefragt haben, suchen höhere Jahrgänge und keine Krippenkinder.“ Verschiedene Altersstufen, ein eigener Garten, flexible Öffnungszeiten und ein bestimmtes Erziehungskonzept – vom Ideal, einen Platz in einer Wunsch-Kita zu bekommen, hat sich Läng inzwischen verabschiedet: „Man muss gucken, was man bekommt.

Hat man zwei Monate vor dem geplanten Kita-Start noch keinen Betreuungsplatz gefunden, kann man sich vom Jugendamt bei der Suche nach einer Kita oder einer Tagesmutter beziehungsweise einem Tagesvater unterstützen lassen – und es sind immer mehr Eltern, die diesen Weg gehen: Im März 2017 waren dem Jugendamt Pankow 82 Kinder gemeldet, die nicht versorgt werden konnten. Im Juli 2018 waren es schon 344 Kinder, teilt Stadträtin Tietje auf Nachfrage mit. 2018 ist es also noch schwerer einen Kita-Platz zu finden als vergangenes Jahr. Gleichzeitig könne der Anstieg aber auch damit zusammenhängen, dass der Service des Jugendamtes bekannter geworden sei, bemerkt Tietje.

Müssen Eltern nun jeden angebotenen Kita-Platz annehmen? Nein. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg entschied im März 2018, dass der Kita-Platz „in angemessener Nähe zur Wohnung“ liegen müsse – oder auf dem Arbeitsweg der Eltern. Dennoch: Wer einen längeren Anfahrtsweg in Kauf nimmt, hat möglicherweise größere Chancen einen Kita-Platz zu finden.

Eine weitere Möglichkeit, sein Kind doch noch betreuen zu lassen: Man kümmert sich selbst um eine Betreuungsperson für den Nachwuchs, das Jugendamt übernimmt dann die Kosten. Laut Tietje sind im Juli 2018 sieben solcher Anträge in Vorbereitung und Prüfung – die Nachfrage sei deutlich höher und wachse stetig, doch die Regelung galt nur noch bis zum 31. Juli 2018. Die Jugendstadträtin setzt sich laut eigener Aussage aktuell bei der Senatsverwaltung für eine Verlängerung ein.

 

Mit dem Anwalt zum Kitaplatz

Für einige Eltern ist eine Klage der allerletzte Weg, um doch noch rechtzeitig einen Betreuungsplatz für ihr Kind zu finden und wieder arbeiten gehen zu können. Laut Berliner Verwaltungsgericht sind seit Ende Mai 44 Verfahren anhängig, bei denen es um Kitaplätze geht. „Diese Zahl setzt sich zusammen aus drei Vollstreckungsverfahren, 17 Klagen und 24 Eilverfahren“, sagt Gerichtssprecher Stephan Groscurth. Da die klagenden Personen oft identisch mit denen seien, die auch ein Eilverfahren in Gang setzen, handele es sich aber nur um etwa 24 bis 30 betroffene Kinder. Wieviele der Fälle aus Prenzlauer Berg stammen, konnte Groscurth nicht näher erläutern. 

Klagen möchten Läng und ihr Partner nicht: „Das ist für niemanden schön, ich hoffe dass wir kurzfristig einen Platz finden.“ Im August könnte Emile noch einmal mehr Glück haben – da verlassen die schulpflichtigen Kinder die Kitas – und machen Platz für den Neuzugang.

 

In unserer Schwerpunktwoche beschäftigen wir uns mit dem Thema Kita-Krise in Prenzlauer Berg. Das hier ist Teil 1.

Teil 2: Die Kita-Krise in Zahlen
Teil 3: Podcast – Mit dem Anwalt zum Kitaplatz

 

© Titelbild: A. Müller / © 1. Foto im Text: Victoria Scherff / 2. Foto im Text: Pixabay, CCO Public Domain

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