Brodauf Gottschalk artspring

Kunst in post-gentrifizierten Zeiten

von Kristina Auer 17. Mai 2018

Trotz Horrormieten und Kultursterben: Es gibt sie noch, die Künstler von Prenzlauer Berg. Der artspring 2018 macht sie mit einer Ausstellung im Museum Pankow und 250 offenen Ateliers sichtbar.

Gleich vorneweg: Es ist nicht alles rosig bei den Künstlern in Prenzlauer Berg – ihre Verkäufe sind seit der Wende nicht im Einklang mit dem Einkommensniveau im Kiez gestiegen und ihre Ateliers sind auch nicht alle für die nächsten 99 Jahre im Erbbaurecht gepachtet. Wir können uns also nicht einfach auf dem Vintagesofa im Loft ausruhen und Prenzlauer Berg so mir nichts dir nichts weiter als Kunstmekka abfeiern. Trotzdem bringt dieser Artikel allen kunstverbundenen Prenzlauer Bergern eine frohe Botschaft: Trotz aller Gentrifizierungs-Beutelung leben und arbeiten nach wie vor erstaunlich viele Kunstschaffende in Prenzlauer Berg und seinen Grenzgebieten.

 

Art’s not dead

Woher wir das wissen? Weil zwei von ihnen tollkühn angetreten sind, es zu beweisen: Julia Brodauf und Jan Gottschalk organisieren seit letztem Jahr den artspring, bei dem Künstler in Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow ihre Ateliers für Besuch öffnen. In diesem Jahr sind von 25. bis 27. Mai 250 Künstlerinnen und Künstler an insgesamt 95 Orten  mit von der Partie. Und als ob das noch nicht genug Arbeit wäre, ist im Museum am Wasserturm seit Ende April auch noch eine Ausstellung mit 197 Bildern der ansässigen Kunstszene zu sehen. In dieser Größenordnung und mit der Professionalität des gesamten Auftritts wirkt artspring schon jetzt eher wie ein kommerziell ausgerichtetes Kunstfestival mit spendablen Sponsoren als wie ein selbstorganisiertes Künstlerprojekt zur gegenseitigen Vernetzung.

Brodauf und Gottschalk wirken selbst fast ein bisschen überrascht, was sie da geschaffen haben: „Dass die wirklich alle in so kurzer Zeit ihre Bilder vorbeigebracht haben…“, stutzt Brodauf erfreut. Gerade knien beide auf dem Museumsboden und ordnen jedem Bild eine Nummer zu. Die tief hängenden Schilder sind besonders bei den älteren Ausstellungsbesuchern auf Kritik gestoßen. Weil der Platz knapp ist würden die Schilder direkt neben den Bildern aber die ganze Ausstellung zerreißen, finden Brodauf und Gottschalk. Deswegen jetzt also Nummern. Unter denen kann das Ausstellungspublikum dann in der Festivalzeitung Urheber und Namen eines jeden Kunstwerks nachlesen. Ja, es gibt auch eine Festivalzeitung. Und einen Publikumspreis. Ja, artspring wird wirklich nur von zwei Menschen organisiert. Der Bezirk fördert das Projekt aus dem Kulturfonds, stellt den Museumsraum und die Aufsicht zur Verfügung.

„Die Freiräume sind weg“

Den Organisatoren von artspring geht es in erster Linie um eins: „Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow als Produktionsort von Künstlern sichtbar machen und diese untereinander vernetzen,“ sagt Gottschalk. Wichtig ist das deshalb, „weil Künstler und ihre Ateliers eigentlich überall in Berlin bedroht sind.“ Gottschalk hat sein Atelier im Milchhof in der Schwedter Straße. Die 43 dort arbeitenden Künstler haben Mietsicherheit bis zum Jahr 2024 und sind damit im Vergleich zu vielen anderen in einer glücklichen Lage: die meisten Gewerbemietverträge haben eine Kündigungsfrist von zwei Monaten. Im allgegenwärtigen Mietenboom lässt sich mit Craft-Beer-Lokalen oder Büros mehr Miete erzielen als mit einem Atelier.

Und dann gibt es da noch das ganz besondere Dilemma der Künstler: „Wir arbeiten eigentlich für die Renditen der Menschen, die  in der Umgebung Wohnungen besitzen“, sagt Brodauf. Schließlich hat die Künstlerszene, die in den heruntergekommenen Altbauten Prenzlauer Bergs der Nachwendezeit ihre Freiräume fand, wesentlich zur Entstehung des Mythos Prenzlauer Berg beigetragen, der ihnen heute das Leben schwer macht. „Die Freiräume sind weg“, da sind sich die beiden artspring-Organisatoren sicher. Die Sichtbarkeit der Kunstszene sei trotzdem oder gerade deshalb wichtig: „Wir wollen zeigen, dass wir da sind, uns aus eigener Kraft organisieren und ein großes Publikum erreichen können“, sagt Gottschalk. „Dann können wir auch auf die Probleme aufmerksam machen und auf politischer Ebene den Weg dafür ebnen, dass unsere Arbeitsräume in Zukunft geschützt werden.“

 

Romantik, Kunst und Hoffnung

„Unser Leben ist kompliziert, aber wir wollen uns nicht aufs Klagen beschränken, sondern lieber unsere Möglichkeiten nutzen“, findet auch Brodauf. Dazu gehört es auch, eine öffentliche Diskussion zu führen. Zur Veröffentlichung der  Festivalzeitung am 17. Mai findet im Museumsraum in der Prenzlauer Allee ein Forum statt, bei dem es um die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Pankower Ateliers geht.

Für die Zukunft von artspring hätte Jan Gottschalk auch schon jede Menge Ideen: „Wenn wir die Leute aus der Nachbarschaft erreichen und beteiligen könnten, Plakate kleben, Getränke spenden, was auch immer, das wäre doch toll!“ Das sei jetzt vielleicht ein bisschen sehr romantisch, wirft Brodauf ein. Aber kann Romantik etwa schaden? „Ach, was soll’s, offen Ateliers veranstalten, das ist doch auch schon total romantisch“, findet Gottschalk. In diesem Sinne, es lebe die Romantik, und die Prenzlauer Berger Künstlerszene sowieso!

 

Die Ausstellung artspring central ist noch bis mindestens 30. Mai im Museum Pankow in der Prenzlauer Allee 227 zu sehen und wird möglicherweise noch einmal verlängert. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei.

Zur Veröffentlichung der Festivalzeitung wird am 17. Mai ab 19 Uhr beim artspring forum: gestern! heute! morgen! im Museumsraum diskutiert.

Die Ateliers in Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow sind beim artspring 2018 von 25. bis 27. Mai für Besucher*innen geöffnet. Alle weiteren Infos findet Ihr hier.

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1 Kommentar

artspring in den Augen der Prenzlauer Berg Nachrichten – Der Stadtbezirk wird Galerie. 17. Mai 2018 at 13:52

[…] Kunst in post-gentrifizierten Zeiten […]

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