Von jungen Müttern vertrieben

von Nicol Ljubic 2. Februar 2011

Junge Menschen haben es schwer in Prenzlauer Berg – wenn sie keine Kinder mehr sind. Anwohner verfolgen Jugendcliquen, junge Männer bekommen Hausverbot. Im Bötzowviertel soll jetzt immerhin ein Jugendclub entstehen.

Nach diesem Ort haben sich Christian und Steve, den alle nur Schulle nennen, seit Jahren gesehnt. Der Ort, mit dem alles anders werden soll. Wie es aussieht, werden sie in zwei Jahren wieder einen Platz im Kiez haben, an dem sie tun und lassen können, was sie wollen, ohne dass sich jemand daran stört. Der Ort ihrer Sehnsucht ist die Pasteurstraße 22. Eine verwucherte Brache, auf der ein ruinöser Seitenflügel steht. Noch. Das Bezirksamt Pankow hat beschlossen, dass hier eine Jugendfreizeitstätte gebaut wird. Das Grundstück ist gekauft, 650.000 Euro stehen bereit, die Planungsphase hat bereits begonnen.

Früher haben sie sich im „Kreuz und Quer“ getroffen oder in der „Wilde 7“, aber beide Jugendclubs wurden schon vor Jahren geschlossen. Seitdem gab es für Christian, Schulle und deren Kumpels eigentlich nur Ärger. Sie sind im Bötzowviertel aufgewachsen, sie kennen sich noch aus den Zeiten, als sie zusammen auf die Homer-Grundschule gingen. Der Ärger fing an, als sie keine Kinder mehr waren, sondern Jugendliche, die sich verabreden wollten, um Spaß zu haben. Sie waren mal vierzig Jungs im Alter zwischen 12 und 18, heute sind vielleicht noch ein Dutzend übrig geblieben, die meisten sind weggezogen oder besser gesagt: sie mussten wegziehen.

 

„Die Toleranz ist gesunken“ – jetzt wird gleich die Polizei gerufen

 

So wie Kevin. Als der noch im Kiez wohnte, trafen sie sich meist bei ihm. Das war praktisch. Er hatte sein Zimmer im Erdgeschoss und sie konnten durchs Fenster steigen. Manchmal drängten sich zwanzig Jungs im Zimmer und zwanzig standen vor dem Fenster auf dem Bürgersteig. Sie machten, was Jugendliche machen, wenn sie zusammen sind: Sie hörten Musik, sie tranken, sie rauchten – und sie waren laut. Natürlich. Vierzig Jugendliche auf einem Haufen sind immer laut. Für die Nachbarn ist das kein Spaß. Vor allem wenn es bis tief in die Nacht geht.

„Die Toleranz ist gesunken“, sagt Christian, der mittlerweile 21 ist und kurz vor seinem Jura-Studium steht. Früher hätten die Nachbarn die Fenster zugemacht, den Lärm ertragen und nicht gleich die Polizei gerufen. Aber früher gab es auch noch nicht so viele Familien mit Kleinkindern im Kiez - und nicht so viele Eigentumswohnungen. Kevin musste ausziehen, weil der Vermieter seiner Familie letztlich gekündigt hat. Zu oft hatte er mit seinen Kumpels gegen die Lärmschutzauflagen verstoßen, zu oft war die Polizei gekommen und mit der Wohnung, die frei wurde, ließ sich natürlich auch ein gutes Geschäft machen.

 

Sie fühlen sich als Fremdkörper im Kiez

 

Die Clique traf sich fortan bei Schulle. Seit zwanzig Jahren lebt er mit seiner Schwester und seiner Mutter in einer Erdgeschosswohnung im Bötzowviertel, aber es dauerte nicht lange, da bekamen seine Kumpels Hausverbot, weil sie im Flur herumhingen und die Nachbarn sich belästigt fühlten. Die Jungs zogen auf den Arnswalder Platz. Aber da waren die Mütter, denen es nicht gefiel, dass die Jugendlichen auf den Spielplätzen herumhingen. Und wenn sie abends feierten, kam regelmäßig die Polizei vorbei, weil sich Anwohner beschwert hatten. Viele der Jugendlichen, sagt Schulle, fühlten sich „extrem angepisst“.

Junge Männer wie er, die in Grüppchen durch den Kiez schlurfen und die Kapuzen tief in die Gesichter ziehen, sind Fremdkörper geworden, obwohl sie länger hier leben als die meisten anderen. Sie fühlen sich ständig beobachtet. Es gibt Anwohner, die sie fotografieren, wenn sie durch die Straßen ziehen. Am Helmholtzplatz hat sich sogar eine Elterninitiative gegründet, um den Jugendlichen das Rauchen zu verbieten. Man vertreibt die Jugendlichen aus den eigenen Vierteln, ohne daran zu denken, dass die eigenen Kinder auch mal in das Alter kommen.

 

Viele wohnen mittlerweile in Marzahn oder Hellersdorf

 

Die Clique um Christian und Schulle ist längst zerbrochen. Viele der Kumpels wohnen mittlerweile in Marzahn, Hohenschönhausen oder Hellersdorf. „Sie sind die Buhmänner geworden“, sagt Klaus Lemmnitz, Sprecher der Betroffenenvertretung „Bötzowviertel“, „die für jede Schramme am Auto verantwortlich gemacht werden.“ Er hat sich zusammen mit Christian, Schulle und ein paar derer Kumpels für den Jugendclub eingesetzt. Sie waren beim Sanierungsbeirat, haben sich mit Vertretern des Bezirksamts getroffen und deutlich gemacht, wie wichtig ein Jugendclub ist. Sie alle sind froh, dass sie jetzt einen Ort gefunden haben. Auch wenn im Moment außer einer Brache nichts zu sehen ist. Und der Club für Christian und Schulle zu spät kommen wird. Christian studiert und Schulle hofft immer noch auf einen Ausbildungsplatz. Wer weiß, wo sie in zwei Jahren sein werden. „Letztlich haben wir für die nächste Generation gekämpft“, sagt Christian. Und dann werden vielleicht auch die Eltern, deren Kinder noch auf die Grundschule gehen, dankbar sein für den Ort, nach dem sich Christian, Schulle und deren Kumpels so lange gesehnt haben.



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