Unter der Kuppel

von Juliane Wiedemeier 21. Oktober 2014

An der Prenzlauer Allee standen einst drei Gasometer. Anfang der 1980er wurde ein Architekturstudent beauftragt, sich Gedanken über deren Nachnutzung zu machen. So entstanden Pläne für das erste Technikmuseum der DDR. Doch es kam anders.

„Sie fehlen eigentlich nicht.“ Dass Veränderung in Prenzlauer Berg so abgeklärt hingenommen  wird, erlebt man selten.

Andreas Strozyk steht vor dem Planetarium an der Prenzlauer Allee und schaut auf das Areal, auf dem bis zum Sommer 1984 noch drei Gasometer standen. Die Gasspeicher waren Teil des 1873 damals noch vor den Toren der Stadt eröffneten Gaswerks, in dem Gas für die Beleuchtung, zum Kochen und Heizen produziert wurde. 1981 wurde das Werk geschlossen, weil auf dem Gelände mit dem Ernst-Thälmann-Park eine moderne Wohnsiedlung entstehen sollte. Die drei Gasometer sollten als Wahrzeichen des Prenzlauer Bergs erhalten bleiben. Nur eine Nachnutzung musste noch gefunden werden.

„Es gab eine konkrete Anfrage des Staatszirkus der DDR, der auf der Suche nach einem festen Quartier war. Die haben sich gedacht: rund ist rund“, erzählt Strozyk. Über den Rat des Stadtbezirks landete die Idee an der Kunsthochschule Weißensee und so bei dem Architekturstudenten Andreas Strozyk, der gerade auf der Suche nach einem Diplomthema war. „Ich wohnte damals in Grünau und bin jeden Tag mit der S-Bahn an den Gasometern vorbeigefahren. Sie waren wie Dinosaurierskelette – ein spannendes Relikt.“ Die Chance, sich ausführlicher damit auseinanderzusetzen, ließ er sich nicht entgehen.

 

Technikmuseum im Wegwerferland

 

Wenige Wochen später war er Experte für Zirkuskultur und die Konstruktion von Gasspeichern. Deren Original-Pläne entdeckte er im Archiv des Bezirks. Er erfuhr vom Zirkus Busch, der bis 1944 sein Winterquartier gegenüber der Museumsinsel hatte, und dass in der Sowjetunion ein fester Zirkus oft wie selbstverständlich zum Stadtbild gehörte. Und noch eins lernte er: „Rund ist das eine – aber Zirkus funktioniert über die Fläche. Und die Gasometer waren dafür einfach zu klein.“

Nun galt es, sich eine Alternative zu überlegen. Diskutiert wurde damals vieles, ob Aquarium, Bibliothek oder Warenhaus. Strozyk entschied sich für ein Technikmuseum. „Die DDR war so ein Wegwerferland – sobald es ging, wurde alte Technik ersetzt und weggeschmissen.“ Die alten Industrierelikte erschienen ihm als genau der richtige Ort, diesem Trend mit einem Museum entgegenzutreten.

 

Das Gasometer als Technikmuseum, Entwurf Andreas Strozyk.

 

Seine Vision sah vor, jedem der drei alten Gasspeicher ein Thema zuzuordnen : Zu Land, zu Wasser und in der Luft. Das erste Gasometer sollte dafür durch eine Rampe, vergleichbar mit der im New Yorker Guggenheim-Museum, für Fahrzeuge erschlossen werden. Das zweite sollte unten mit Wasser gefüllt und seine Höhe etwa durch den Einbau eines Segelschiffs erfahrbar werden. Für das dritte war eine Art großes Klettergerüst vorgesehen, über das man auf verschiedene Ebenen installierte Flugzeuge erreichen sollte. „Ich dachte mir, dass man das peu a peu realisieren könnte.“

 

„Gasometer sprengt man nicht“

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Als er im Sommer 1983 diese Ergebnisse vor den Professoren und Mitarbeitern des Rats des Stadtbezirks präsentierte, zeigten sich alle begeistert. In der Schublade verschwanden die Pläne dennoch. „Ich wusste eh, wenn da etwas passiert, wird das einer der großen Namen machen“, meint Strozyk heute. Das Projekt war für ihn abgeschlossen. Stattdessen ging es für ihn zum Wohnungsbaukombinat, wo er Häuser für die Kriegslücken der Frankfurter Allee entwarf. „Die Aufgabe war, mit den Mitteln der Betonplatten Neubauten in kleineren Einheiten in der Stadt zu realisieren, die sich in das Straßenbild einfügten.“ So plante er von nun an kleine Plattenbauten mit Erkern und Loggien.

Doch im Juni 1984 rückten die Gasometer noch einmal in den Fokus, als das Vorhaben, diese zu Sprengen, öffentlich wurde. Angeblich soll Lew Kerbel, der Bildhauer des Ernst-Thälmann-Denkmals, die weithin sichtbaren Gasbehälter als Konkurrenz zu seinem Werk empfunden und ihren Abriss gefordert haben. Die genaue Ursache für die Entscheidung gegen den Erhalt ist bis heute unklar. Auf der Denkmalliste seien sich nicht verzeichnet gewesen, erklärt Strozyk. „Niemand ist auf die Idee gekommen, dass man sie schützen müsste“,

 

Andreas Strozyk vor dem Planetarium. (Foto: jw)

 

Der Architekt ging daraufhin den einzigen Weg des Protestes, der DDR-Bürgern erlaubt war, und schrieb eine Eingabe, in der er für den Erhalt der historischen Bauten eintrat und auf seine Arbeit verwies. Persönlich trug er sie zum Staatsrat. Andere druckten heimlich Flugblätter und hinterließen Parolen in den Hauseingängen. „Gasometer sprengt man nicht“, war die Losung. Die Sprengung am 28. Juli 1984 konnte keine der Aktionen verhindern. „Das war eine dieser berühmten Willkür-Entscheidungen, die von oben nach unten durchgedrückt wurden“, sagt Strozyk.

 

Planetarium als Beruhigungsbonbon

 

Zwei Jahre später wurde im Beisein von Erich Honecker und Michail Gorbatschow der Ernst-Thälmann-Park eröffnet. Ein Jahr darauf nahm das am Standort der Gasometer errichtete Planetarium seinen Betrieb auf. „Das war das Beruhigungsbonbon nach den Protesten“, sagt Strozyk. Um das Gaswerk selbst hätte derweil niemand getrauert. „Alle waren froh, das die Drecksschleuder weg war.“

Er selbst hatte zu der Zeit schon „in einem Affenzahn“ die Frankfurter Allee bebaut („Besonders schön ist sie nicht geworden.“) und danach genug von staatlich gelenkter Architektur. Stattdessen nutzte er einen Kontakt und ging zum Fernsehen, machte dort Szenenbild, später Animationsfilme, und war zwischenzeitlich auch Grafiker für die Kinderzeitschrift Frösi. Mittlerweile ist er Autor und Regisseur und arbeitet unter anderem fürs Sandmännchen und die Sendung mit der Maus. Raketenflieger Timmi und Ringelgasse 19 sind nun seine Welt.

Die Gasometer vom Prenzlauer Berg sind darüber fast in Vergessenheit geraten. Dass das Planetarium, das sie ersetzt hat, heute zum Technikmuseum in Kreuzberg gehört, ist ein kleiner Treppenwitz der Geschichte. „Man darf das nicht überbewerten. Das war ein Uni-Projekt“ sagt Strozyk heute. „Der Park, der hier entstanden ist, funktioniert. Für Menschen, die jetzt herkommen, ist es nicht relevant.“

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