Hassen, aber richtig

von Thomas Trappe 5. Oktober 2012

Tiefsitzende Ressentiments sind ja schön und gut. Aber man darf sich dabei nicht verheddern. Mehr Disziplin also!

Vielfalt tut dem Hass nicht gut. Es ist ja mittlerweile eine Binse, dass Rechtsradikalismus vor allem dort gedeiht, wo man Ausländer nur aus dem Unterschichtenfernsehen kennt. Nur was der Bauer nicht kennt, will er gern verprügeln. Das ist der Grund, warum die NPD Angst vor Ausländern hat – sie verderben ihr die Wahlergebnisse. Gesegnet sei daher Berlin im Allgemeinen und Prenzlauer Berg im Speziellen: Hier spielt die NPD keine nennenswerte Rolle. Dafür freilich gibt es ein ganz anderes Problem. Aufgrund der Vielfalt kommen die Leute ganz derb beim Hassen durcheinander.

Ist es in manch ländlichem Dorf ganz einfach der Ausländer, den man sich kraft Bierseligkeit gerade noch so herbeifantasieren kann, gibt es dank tatsächlicher Existenz in Berlin nichts zu fantasieren, sondern gilt es einzuordnen. Für Viele ist das nun freilich eine Herausforderung, so dass sie sich in ihrem Hass wie ein Tanzbär auf dem Nagelbett hin und her schmeißen. Hipster, Touristen, Schwangere, Spätgebärende, Milchkaffee-Trinker, Rotzäpfle-Trinker, SUV-Fahrer, Immobienmakler und so weiter und so fort. Eigentlich hasst man es als ausgeprägter Hasser irgendwie alles, gerne mit dem Quatsch-Argument, man sei „Ureinwohner“. Aber, wie gesagt, viele verheddern sich dabei. Das muss aufhören.

 

Die Welt ist kompliziert und doof

 

Beispiel gefällig? Greifen wir mal in die Kommentarleiste unserer Facebook-Seite, wo sich ein Nutzer einfach mal richtig schön auskotzte, das Thema, das er kommentierte, ist dabei vollkommen irrelevant.  „Egomanische Anspruchsbürger, die sich leider auch hier breit machen“, störten den Mann, und dann schlug er los. „Aus jedem Furz, der nicht in die eigene Hipster-Yuppie-Öko-Coolness-Überelternlogik passt…“ – der Satz verendet im Nirgendwo. Hipster, Yuppi, Öko, cool, Übereltern, und das alles in einer Person. Ne, klar. Oder hier: „Müttergeschwader, die sich überall breitmachen wollen“, sollten keinen Zutritt mehr zur Stadt haben, „damit auch der letzte zugereiste Immobilienhai kapiert“, dass er hier nichts zu suchen habe, oder so.

Leute, das geht so nicht. Ein Hipster im Café ist in den seltensten Fällen ein Überelter, und der ökomäßige Yuppie mag ja als selbstgemalte Karikatur an der Hasswand eurer Küche hängen, aber irgendwie kann auch das nicht funktionieren. Was Ihr Euch da zusammen reimt, ist so etwas wie die eilerlegende Wollmilchsau des Hasses, so etwas wie der schwule Afrikaner im Rollstuhl in der sächsischen Provinz. Sicher, die Welt wäre schöner, wenn alles so einfach wäre, die Welt voller Hipster-Immobilienhaie, die als „Streichholzmännchnen ein 7-Kilo-Baby“ durch die Kante wuchten und bei einem Picollo-Glas Rotzäpfle ein Tasse Latte vertilgen.

Aber die Welt ist doof. In ihr will selbst Hassen gelernt sein. Oder man macht es wie jener Facebook-Kommentator, und besinnt sich doch wieder auf das Kerngeschäft des Hasses, die Herkunft. Dann ergibt er auch wieder Sinn, der ökocoole Hipster-Hai. „Juckt mich alles überhaupt nicht – sind eh keine Berliner, die sich hier aufblasen“, schrieb der Mann. Das lässt hoffen für den Hass. Er findet doch immer einen Weg.

 

 

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