Berlinerisch ist, wenn man trotzdem lächelt

von Cosima Lutz 3. Mai 2012

Jetzt kann man ja nur wieder alles falsch machen. Über Berliner Dialekt schreiben. Als Zugezogene. Ein Protokoll aus dem Auge des Orkans jenseits von Mandarinkurs und Moppelkotze.

30. April, vormittags, Hufelandstraße

Ein etwa fünfjähriges Mädchen an der Hand seines Vaters spricht die Worte: „Und dann ging ich in den Raum und sah drei weitere Personen.“ Mir wachsen im Blitzvergleich mit der eigenen Umgangssprache sofort schwere Bauernschuhe an den Füßen. Kleinkinder reden hier kein Hochdeutsch, sie reden Schriftsprache!

 

Mittags, Bötzowstraße

Andererseits: Vor einer Buchhandlung durchsuchen Oma und Enkelin den Postkartenständer. „Wie findscht’n deschda?“ fragt die Oma vergnügt. Das Kind schmollt, scheint aber zu verstehen. Mein feiertäglicher Vorsatz: den Berliner Dialekt suchen gehen. Oder die Reste davon.

 

Fünf Minuten später, Hufeland-, Ecke Esmarchstraße

Na bitte, geht doch: An einem Laternenpfahl hängt ein Zettel mit der Aufschrift: „PUNK’S NOT DEAD!!! Jeiler Punk kommt zurück in Kiez. Keen Scherz!“ Kurz stelle ich mir ganz furchtbar wilde Horden vor, die sich am 1. Mai Straße für Straße zurückholen und alle luxussanierten Häuser besetzen. Ist aber nur Werbung für die „Komische Filmnacht“ am 2. Mai im Filmtheater am Friedrichshain.

Eine latente Aggressionsvermutung scheint ja immer gleich mitzuschwingen, sobald es um die Berliner Schnauze geht – schon diese Bezeichnung klingt ja irgendwie nach Tier. Der seit über zwanzig Jahren in Prenzlauer Berg lebende Schriftsteller Jakob Hein nennt die bevorzugte Ausdrucksweise des alteingesessenen Berliners einfach „beschleunigten Dialog“. Womit er auch meint: Sprache und Sprecher lassen gerne die Fäuste reden. Tatsächlich haben Sprachforscher herausgefunden, dass das Wortfeld für „schlagen“ in Berlin überdurchschnittlich hoch entwickelt ist. 79 Wendungen haben sie gesammelt, von „eene uff de Fresse haun“ bis „eine gedröhnt kriegen“. Weshalb der für seinen respektlosen Wortwitz berühmte Dialekt die Sprache der Selbstbehauptung schlechthin ist.

 

30. April, nachmittags, Anruf beim Bürgeramt

Automatischer Anrufbeantworter. Eine freundliche weibliche Stimme: „Die Öffnungszeiten sind: Montag bis Freitag, ölf bis dreizehn Uhr.“

 

Maifeiertag, Arnswalder Platz, vormittags

Solange sich alle hinter Anrufbeantwortern oder dichten Grillschwaden verbergen, lese ich das Kapitel „Berlinisch“ aus dem unbedingt zu empfehlenden Buch „Alles außer Hochdeutsch – Ein Streifzug durch unsere Dialekte“ von Karl-Heinz Göttert (Ullstein, 2011). Prenzlauer Berg hat demnach in mehrfacher Hinsicht eine besondere Stellung: Erstens gehört es zum städtischen Kernbereich, in dem das Berlinerische eigentlich verwurzelt ist – im Gegensatz zu den weiter außerhalb liegenden Bezirken, früheren Dörfern, die viel länger das Märkische des Umlands bewahrten.

Zweitens ist da die Sache mit dem Ost-West-Unterschied des Berliner Dialekts, den Umfragen zufolge fast jeder zu erkennen meint. Stimmt nicht, schreibt Göttert. Im Osten wird zwar mehr berlinert als im Westen, der Dialekt selbst ist aber gleich. Den gefühlten Unterschied führt der Sprachforscher auf etwas anderes zurück: Der Dialekt spielte vor dem Mauerfall im Osten eine andere Rolle als im Westen und hat dort deshalb bis heute ein anderes Image. „In Ostberlin gab es zumindest sprachlich die Möglichkeit, sich von zugezogenen Sachsen und vor allem von den Herrschenden mit ihrer Funktionärssprache Sächsisch abzugrenzen.“

Von wegen also Vulgär-Slang: In Prenzlauer Berg gehörte es unter Künstlern und Intellektuellen eben deshalb zum guten Ton, mindestens „ick“ und „dit“ zu sagen, während die am Hochdeutschen orientierte sogenannte Standardsprache eher als exotisch galt. Im Westen sprach man eher beides nebeneinander, je nachdem, mit wem man zu tun hatte. Zum Prestigegewinn war der Dialekt dort jedenfalls nicht so geeignet.

 

Schon wieder: lauter Wessis

Und jetzt kommt’s. Berlinerisch ist letztlich das Ergebnis eines Zuzugs aus dem Westen – schon seit Jahrhunderten. Vorher gab es hier nur ein paar slawische Siedlungen im Sumpf. Flamen und Niederländer entsumpften und ließen dafür Elemente ihrer Sprache da. Es kamen Siedler aus Franken und Schwaben. Es kam der Anschluss an die Hanse (das Niederdeutsche). Und es kam immer wieder der Druck, das gerade angesagte Hochdeutsch zu sprechen (eine Zeitlang war dies Sächsisch). Dazu existieren bis heute polnische, jiddische, französische Bestandteile des Berlinerischen. Viele bereicherten von dort aus wiederum die deutsche Standardsprache.

Es gibt also kein reines Ur-Berlinerisch. Und deshalb auch nicht „den“ Berliner Dialekt. „Kein Berliner spricht reines Berlinisch“, schreibt Göttert. Die Sprache lebt, also wandelt sie sich, aus „dat“ für „das“ wurde zum Beispiel innerhalb weniger Jahrzehnte „det“ und schließlich „dit“. „Knorke“ und „dufte“ sagt hier heute kein Mensch mehr. Dafür hält das Kiezdeutsch als neuer „Turbodialekt“ (so die Germanistin Heike Wiese) die ständige Anverwandlungs-Maschine der verschiedenen Sprechergruppen in Gang.

Und nicht nur existiert „das“ Berlinerische nicht – es ist auch gar kein Dialekt, sondern eine „Stadtsprache mit Varianten“. In einer Studie von 1987 war zum Beispiel die Verteilung des langen „ee“ („Been“ für „Beine“) in den Arbeiterbezirken Prenzlauer Berg und Wedding berlinweit am höchsten. Im feinen Zehlendorf sprach man „ei“ dagegen fast durchgängig „ai“. Aber: Beides war (und ist) Berlinerisch.

 

2. Mai, Hufelandstraße, Friseur

Doch entgegen meiner Erwartung, überall kulturkritisches Wehklagen zu vernehmen, sobald ich Prenzlauer Berger nach dem Stand des Berlinerischen befrage, hellt sich die Miene bei jedem Befragten auf fast schon unheimliche Weise auf. So, als würde man von einem unbotmäßigen, aber auch ziemlich geilen Vergnügen sprechen.

Erst einmal einen Friseurtermin vereinbaren. Die Geschäftsführerin ist gebürtige Thüringerin und seit 20 Jahren hier. Mit ihrer original Berliner Kollegin berlinert sie, „wenn wir halt so drauf sind“. Grins. Mit Kunden auch? „Naja, wenn der Kunde es nicht macht, tun wir’s auch nicht.“ Die Kundschaft ist eher zugereist, also bleibt das Berlinern eher ein Privatvergnügen.

 

2. Mai, Danziger Straße, Reinigung

Wintermantel zum Waschen bringen. Die zunächst etwas betrübt wirkende Frau an der Theke strahlt sofort, als ich sie frage, wie viel hier im Laden denn so berlinert werde, prozentual. „Schon so 70, 80 Prozent, würd ick sagen!“ Sie jedenfalls spreche immer so, egal woher der Kunde komme. Wenn man das sein Leben lang so macht, „denn is dit eben so“, freut sie sich.

 

Arnswalder Platz, Apotheke

Zwei ältere Herrschaften legen in gemütlichem, langsamem Berlinerisch verschiedene Symptome dar. Mich bedient eine Frau aus Nordrhein-Westfalen. Ob sie berlinern könne? „Ich nicht, aber meine Kollegin“, sagt sie und ruft eine junge fröhliche Frau nach vorne. „Berlinern, naja, nüsch so rüschdüsch“, lächelt die, es komme ja immer darauf an, was für Kunden man habe, und die meisten seien doch Zugereiste. „Bei Alteingesessenen red ick normal, und bei anderen halt so“ (sie macht mit beiden Händen affektierte, anhebende Bewegungen und hebt dramatisch die Augenbrauen).

 

Greifswalder Straße, Haushaltswarenladen

Stimmt es, dass der Berliner zum Fünf-Cent-Stück „Sechser“ sagt? Das sei früher so gewesen, als es noch Pfennige gegeben habe, erklärt der Verkäufer und lächelt wieder das erstaunliche Berliner-Dialekt-Lächeln. „Heute hör ick dit nur noch selten“, sagt er, und es klingt gelassen. Bei den Prenzlauer Bergern hier gebe es „zumindest die Grundbegriffe, ick und dat.“ Und die Zugereisten? „Die nehmen det denn auch auf, zwar nich so dolle, aber doch so, dass man sich vasteht.“ Ach, ist das schön. Man könnte gute Laune kriegen.

 

Christburger Straße

Eine Kindergruppe kommt mir entgegen. Sie sieht sehr international aus. Zwei Jungs ziehen einander an den etwas dreckigen Pullis und streiten laut, aber auf Hochdeutsch. Vielleicht wird hier ja in ein paar Jahrzehnten das Englische die Universalsprache sein und das, was heute als Hochdeutsch gilt, ein Dialekt mit Imageproblem. Oder es mischt sich im Prenzlauer Berger Labor etwas ganz Neues. Vorausgesetzt, die Leute reden miteinander. Ich stehe vor dem „GUDE LAUNE?“-Graffito, das jemand hoch oben an eine Hauswand platziert hat (siehe unser Foto). Seit Monaten nicht wegsaniert! Wer so nett fragt, darf das hier offenbar sogar auch in einem importierten Dialekt tun. Die Arbeit an der Sprache geht weiter.

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