Der Bezirksverwalter

von Juliane Wiedemeier 12. September 2011

SPD-Mann Matthias Köhne möchte weitere fünf Jahre in Pankow Bürgermeister sein. Sein Modell: Mehr Verwaltungsvorsteher, weniger Buschkowsky.

Auch auf Bezirksebene wird in Berlin der Bürgermeister nicht direkt gewählt. Im Normalfall stellt ihn die Partei mit den meisten Stimmen. In Pankow rechnen sich mit der SPD, den Grünen und den Linken drei Parteien die Chance aus, dass der Bürgermeister aus ihren Reihen kommen wird. Deren drei Kandidaten stellen wir hier vor.


Matthias Köhne mag keinen Fisch, kein Boxen und auch keine Renate Künast. Dafür gefallen ihm Fleisch, Currywurst sowie der Prenzlauer-Berg-Roman „Die Königstorkinder“ des Spiegel-Autors Alexander Osang. So ist es in guter alter Facebook-Manier auf der Internetseite des SPD-Politikers nachzulesen, der vor allem eins mag, auch wenn das ist der Liste fehlt: Als Bezirksbürgermeister von Pankow wiedergewählt zu werden. Seit fünf Jahren hat Köhne diesen Posten inne, neben der Leitung der Abteilungen für Finanzen, Personal und Umwelt. Nun möchte er seinen Titel verteidigen.

45 Jahre alt ist Köhne, groß, schmal, trägt eine Nickelbrille und ist, wie es sich für einen Berliner gehört, zugezogen. Geboren wurde er im schleswig-holsteinischen Itzehoe, und die nicht mit Trägheit zu verwechselnde Ruhe, die die Norddeutschen auszeichnet, haben ihm auch die vielen Jahre in Berlin nicht auszutreiben vermocht. 1987 kam er her, um an der FU Politikwissenschaften zu studieren; nach Pankow verschlug es ihn nach dem Abschluss des Studiums für seinen ersten Job als Fraktionsgeschäftsführer der BVV-Fraktion. 1995 wurde er hier zum Bezirksverordneten gewählt; es folgten die Arbeit als Bezirksstadtrat und 2006 dann die Wahl zum Bürgermeister.

 

Der Moscheebau in Heinersdorf hat Köhne abgehärtet

 

In einer Stadt wie Berlin sind fünf Jahre eine kleine Ewigkeit. Viel hat sich verändert, und böse Zungen würden behaupten, die Bevölkerung des Prenzlauer Bergs sei währenddessen dreimal ausgetauscht worden. Mit dem Moscheebau in Heinersdorf ist es ein Ereignis aus den Anfangstagen seiner Amtszeit, welches Köhne als das einschneidendste bezeichnet. Die persönlichen Anfeindungen, denen er damals ausgesetzt gewesen sei, hätten ihn abgehärtet gegen Vieles, was danach gekommen sei. „Aber es war mir wichtig, da standhaft zu bleiben und zu zeigen: Religionsfreiheit gilt auch in Heinersdorf.“

Als weitere Errungenschaften der vergangenen fünf Jahre nennt er den Bau ersten und bislang einzigen Windkraftanlage Berlins in Pankows Norden und die strikte Haushaltsdisziplin, dank derer der hoch verschuldete Bezirk keine neuen Schulden habe machen müssen. „Der Haushalt wird auch in Zukunft ein Kampfplatz bleiben“, sagt er. Aktuell fordere der Senat noch einmal 125 bis 150 Stellen einzusparen, dabei sei man schon jetzt am Limit. „Was wir machen, ist Mangelverwaltung. Wir brauchen sehr viel Kraft, um den Betrieb am Laufen zu halten. Da gehen die Leute bis an ihre Grenzen und darüber hinaus.“

Nach einem Job, der Spaß macht, klingt das nicht. Doch Köhne sieht es als Herausforderung und möchte die Frage, was er denn im Falle einer Wahlniederlage machte, gar nicht erst beantworten. Stattdessen spricht er lieber von den Dingen, die er sich für die kommende Legislaturperiode vorgenommen hat. Neben dem Kampf gegen den Senat, der die Bezirke seiner Meinung nach zu knapp hält, möchte er den Wirtschaftsstandort Pankow stärken. „Es ist wichtig, dass wir den Betrieben, die sich ansiedeln und denen, die bleiben wollen, Möglichkeiten schaffen und die bereits vorhandenen Gewerbeflächen aktivieren“, sagt er. Auch vom Tourismus solle Pankow in Zukunft mehr profitieren, allen Klagen über die Touristification zum Trotz. Der Jüdische Friedhof in Weißensee oder das Schloss Schönhausen seien etwa Attraktionen, die man besser vermarkten könne. „Auch im Bereich der Naherholung für die gestressten Berliner können wir noch nachbessern.“

 

Beim Prenzlauer Berg ist Matthias Köhne nah bei Rainald Grebe

 

Eins wird schnell klar, wenn man mit Köhne spricht: Sein Herz gehört dem Pankow nördlich des Prenzlauer Bergs. Zwar betont er immer wieder, dass er den Ortsteil ebenso möge und schätze wie alle anderen Viertel des Bezirks. Doch richtig warm wird er mit den Lohas des sogenannten Szenekiezes nicht. Auf seiner Websites findet man Links zu den Liedern „Prenzlauer Berg“ und „Castingallee“, in denen sich der Sänger Rainald Grebe an den Klischees des Ortsteils abarbeitet.

Was Köhne stört, wird deutlich, wenn man auf die Kastanienallee und das Engagement einiger Bürger, aus der Gethsemanestraße einen Stadtplatz zu machen, zu sprechen kommt. „Ich wehre mich gegen den Alleinvertretungsanspruch, den manche Bürgerinitiativen speziell in Prenzlauer Berg vertreten“, meint er. Bürgerinteresse sei immer mehr als das artikulierte Interesse einer Bürgerinitiative. Nur sähen diese das nicht immer ein.

Hier spricht Köhne aus Erfahrung. Seit Jahren liefert er sich einen erbitterten Kampf mit den engagierten Anwohnern, die sich gegen die Fällung von Traubenkirschen wehren, um deren Standfestigkeit sich das Amt sorgt. „Ich mache keine Bürgerbeteiligung, ob ein umsturzgefährdeter Baum gefällt werden muss“, sagt der Bürgermeister. Auf Augenhöhe könnten Bürger und Bezirksamt nur agieren, wenn mehrere Varianten zu Auswahl ständen. Zudem sei es wichtig, dass am Ende eines solchen Vermittlungsprozesses alle Beteiligten das Ergebnis akzeptieren – auch wenn es nicht exakt ihren Wünschen entspräche. „In anderen Ortsteilen ist die Kompromissbereitschaft bei Bürgerinitiativen oft größer als in Prenzlauer Berg.“

 

Mehr Verwaltungsvorsteher, weniger Buschkowsky

 

Doch klein kriegen ließ er sich durch diesen Kleinkrieg nicht. Mit der stoischen Ruhe, die sein politisches Handeln auszeichnet, hat er auch hier seine Position vertreten. Als Bezirksbürgermeister hat man in Berlin die Wahl zwischen dem Beharren auf der ureigensten Aufgabe als Vorsteher der Verwaltung, oder man macht den Buschkowsky. Köhne hat sich für Ersteres entschieden. In der Berlinweiten Wahrnehmung ist Pankow dadurch nicht immer präsent, doch das scheint für Köhne nicht so wichtig. Er sorgt dafür, dass im Kleinen alles seine Ordnung hat. Und dazu gehört eben auch, dass jeder Fachbereich des Bezirksamtes für sich selbst spricht und kein Stadtrat dem anderen ins Handwerk pfuscht oder sich auch nur zu den Themen des anderen kontrovers äußert. Auch nicht, wenn er neben seinem Amt als Finanz- und Umweltstadtrat noch den Posten des Bürgermeisters bekleidet.

Als vor kurzem in Prenzlauer Berg an der Bösebrücke die NPD das historische Datum des 13. August für einen Aufmarsch nutzte, war auch Köhne unter den Gegendemonstranten. Irgendwann griff er zum Mikrophon, um als Bürgermeister von Pankow noch einmal zu erklären, dass Nazis in seinem Bezirk nicht zu suchen hätten. Nur leider kannte keiner der Demonstranten den Mann in T-Shirt und Turnschuhen, und so wurde er erst ignoriert und dann von „Nazis raus“-Parolen überstimmt. Das ist der Nebeneffekt des Daseins als Verwaltungsvorsteher: Jenseits der Verwaltung ist er kaum zu hören. Doch wer glaubt, wer nicht zu hören sei, der habe nichts zu sagen, der irrt.

 

 

Position beziehen! Was sagen die Bürgermeisterkandidaten über vier für den Bezirk wichtige Themen? Matthias Köhne über…

Kastanienallee: „Bei der Kastanienallee wird mittlerweile ein Streit um Zentimeter geführt, der so nicht angemessen ist. Gleiches gilt für die Dimension der medialen Wahrnehmung. Die Grünen haben in diesem Fall getan, als könnten sie das mit der Bürgerbeteiligung alles besser, und sind damit grandios gescheitert. Ihren eigenen Anspruch konnten sie unter den realen Sachzwängen nicht einhalten.“

Mauerpark: „Beim Mauerpark stellt sich doch die Frage, ob man lieber auf einer Maximalforderung beharrt, mit dem Ergebnis, dass man hinterher gar nichts hat, oder ob man bereit ist, Kompromisse einzugehen. Letzteres finde ich sinnvoll, damit man wenigstens einen Teil von dem bekommt, was man haben will. Das muss man irgendwann akzeptieren.“

Erhaltungsverordnung Belforter Straße: „Bei der Belforter Straße haben wir mit der Erhaltungsverordnung den richtigen Weg genommen. Es galt, ein Zeichen zu setzen: Irgendwo ist Schluss. Ob das vor Gericht letztendlich Bestand hat, müssen wir sehen.“

Rangierbahnhof Pankow: „Beim Rangierbahnhof finde ich es charmant, dass es ein Gesamtkonzept für die ganze Fläche gibt. Die Richtung stimmt, über Einzelheiten muss man sich noch austauschen. In der Bevölkerung wir das Projekt wohlwollend aufgenommen.“

 

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