Bredendiek gets the blues

von Gastautor 5. Januar 2011

Sein ganzes Leben schon wohnt Hans-Otto Bredendiek in der Hufelandstraße. Hier antwortet der „gelernte Eisenbieger“ auf den „Bötzow-Blues“ von Peter Dausend.

Vor einigen Wochen erschien in den Prenzlauer Berg Nachrichten der „Bötzow Blues“ unseres Autors Peter Dausend. Der Text löste eine kleine Debatte aus, an der sich auch Hans-Otto Brendendiek, gelernter Eisenbieger aus der Hufelandstraße, mit einem offenen Brief beteiligt. Der GEO-Artikel, auf den er sich bezieht, ist leider online nicht verfügbar.

 

GASTBEITRAG VON HANS-OTTO BREDENDIEK

 

Lieber Peter Dausend,

nun habe ich, der „gelernte Eisenbieger“ Hans-Otto Bredendiek, auch den „Bötzow-Blues“ gelesen. Ihre Sichtweise ist sicher sehr interessant, aber fragwürdig.

Wir kennen uns, grüßen uns freundlich und wechseln auch mal ein paar Worte, wenn wir uns auf der Straße treffen – Sie, der Neubürger, ich der Alteingesessene. Ihre Frau und Ihre Kinder mag ich und kann trotzdem nicht in den Plural einstimmen, den Sie anschlagen: „Es wäre also kein Wunder, wenn wir Bötzow-Kiez-Bewohner angesichts all dieser Negativ-Beschreibungen nun von Selbstzweifeln befallen würden“.

Ich fühle mich natürlich nicht als „geistiger Invasionsschwabe“, kann es aus meiner Biographie heraus auch gar nicht sein. Da Sie einen solch polarisierenden Artikel schreiben, Korrespondent für die Wochenzeitung DIE ZEIT sind und ich also ein gewisses Können im Handwerk voraussetzen kann – dies wurde in meinem Handwerk Eisenbiegerei auch vorausgesetzt – frage ich mich, warum Sie den GEO-Artikel so ganz anders verstehen als ich.

 

Invasions-Schwaben sind keine Eisenbiegerverdränger

 

Sicher ist es einfacher, zu polemisieren und mit den Adjektiven (authentisch, menschlich, skurril usw.) zu spielen. Der gelernte Eisenbieger aber erscheint im gesamten Artikel einmal – im Zusammenhang mit der Arztpraxis von Dr. Scherzer. Woraus schließen Sie, dass hier „gelernte Eisenbieger … lebten [sic]“, und „Invasions-Schwaben“ sich als „Eisenbiegerverdränger“ fühlen müßten? Im GEO-Artikel findet sich dazu – NICHTS.

Sicher in meinem Zusammenhang auch zuviel der Ehre, denn ich bin noch hier. Ich erinnere mich im Artikel nur an die Straße, kein Wort davon, dass ich hier seit 1964 lebe und bisher das Glück hatte, hier weiter leben zu können. Der Autor des GEO-Artikels nimmt hier Bezug auf meine Empfindungen, nicht darauf, dass ich verdrängt worden sein soll.

Sie zeichnen aufs Ganze gesehen ein Bild, in dem auf einer bestenfalls grauen Folie das helle Bild des allein klar sehenden und allein konsequenten Peter Dausend erscheint. Urteilsdifferenzen zwischen Ihnen und den GEO-Autoren – Andreas Wenderoth und Joachim Gauck – nennen Sie „Klischee über das Leben im Bötzowviertel“. So wird aus einer grundsätzlichen Parteinahme für die Zugezogenen bei Ihnen auch eine völlig unkritische.

Dies geht nun allerdings nicht, ohne dass im Umgang mit der Quelle GEO einigermaßen gewalttätig verfahren wird – siehe oben. Hat man dieses Beispiel von Ihnen mit dem Original verglichen, so wird man durchweg mißtrauisch gegen jeden Bezug von Ihnen.

Wir, meine Frau Elke und ich, haben uns sehr über die Texte von Andreas Wenderoth und Joachim Gauck in der GEO gefreut und fanden den von Wenderoth, bitte nicht diskriminierend verstehen, für einen „Westberliner“ sehr verständnisvoll. Ich habe wenig Kritik zu dem Artikel gehört (das mag aber auch meinem Bekanntenkreis geschuldet sein). Selbst Zugezogene im Bötzowviertel, die ich kenne und kennenlernte, nahmen den Artikel positiv auf und fragten mich selbstkritisch, ob ich dieses neue Milieu hier in der Hufelandstraße auch so sehe, und so kam ich mit manch einem Bewohner des Viertels ins Gespräch.

 

Vergangenheit ist abgeschlossen, man kann nicht zurückspulen

 

Beim Lesen von Wenderoths Artikel und beim Betrachten der Fotos von Harf Zimmermann fiel mir spontan der Satz von Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897) ein: „Geschichtslosigkeit in der Familie, erzeugt Geschichtslosigkeit in Staat und Gesellschaft.“. Scheinbar ein zeitloses Thema. Die Redeweise von der „Ostalgie“ ist stark inflationiert. Die Vergangenheit, die Geschichte, ist abgeschlossen. Sie ist kein Film, den man anhalten, zurückdrehen und ein wenig oder auch erheblich verbessert dann wieder ablaufen lassen könnte. Die Geschichte läßt sich nicht korrigieren. Aber sie vermittelt Lehren. Ihre Kenntnis kann dazu beitragen, geschichtlich bedingte Fehlhaltungen und falsche Verhaltens- und Reaktionsmuster zu überwinden. Das setzt aber voraus: Klarheit über die Ursachen und Öffnung für die Anstöße von außen.

Dieser Außenanstoß kam durch den GEO-Artikel und wir Bötzow-Kiez-Bewohner sollten ihn ohne Aufregung als Anregung zum Nachdenken sehen. Dazu Gauck in der GEO: „Wahrscheinlich, sage ich mir, ist es zu früh für die Neubürger, um ein Interesse an der Geschichte ihrer Straße zu entwickeln, wo sie noch mit deren Adaption beschäftigt sind. … Und doch wünschte ich, die Bewohner dieses Biotop, das heute eine urbane Liberalität ausstrahlt, würden eine Brücke schlagen, zu jenen Altbürgern, die sich an die Gesichter der Straße in dunklen Zeiten erinnern.“

Meine Kinder Judith (geb. 1989) und Simon (geb. 1990) gehören nun sicher nicht zu den DDR-Nostalgikern. Geboren in der Zeit des Umbruchs und der friedlichen Revolution in der DDR; einer Zeit, die prägend für ihre Eltern war, für sie aber Geschichte ist. Das Leben im heutigen Deutschland ist für sie die Normalität, andere Erinnerungen haben sie nicht. Die Hufelandstraße, in der sie aufgewachsen sind und ihre Kindheit verbracht haben, hat sich in dieser Zeit aber verändert. Nur, zu wem – wenn ich das so sagen darf – gehören sie?

 

Wann muss man geboren sein, um als „Altbürger“ zu gelten?

 

Sind sie, im weitesten Sinne, „Neubürger“ – weil nach 1989 geboren und „nur“ in der Hufelandstraße aufgewachsen – oder sind sie „Altbürger“, weil ihre Eltern schon vor 1989 hier lebten, heute noch hier leben und sie prägten? Diese Frage ist keineswegs akademisch, sondern versucht zu betrachten, welche gemeinsamen Komponenten wichtig sind bei der Erziehung und Meinungsbildung junger Menschen in einem bestimmten Milieu: die soziale Komponente – Herkunft der Eltern, Erziehung und/oder die Tradition einer bestimmten Region. Sicher ist dies nicht zu trennen, aber was passiert, wenn eine der Komponenten wegbricht?

„Heute irritiere es ihn [Harf Zimmermann], dass er gar keine Geschichte mehr sehe. … [es] komme ihm seine alte Straße vor, ‚als hätte jemand die Neustart-Taste gedrückt.'“ Als meine Kinder diese Stelle lasen, kam spontan Zustimmung. Selbst ihnen, die nur die Zeit nach der DDR kennen, kommt die Entwicklung der Hufelandstraße geschichtslos vor. Wohl fühlen sie sich nicht im „Spreegold“, sondern im „Hally Gally“. Sicher nicht, weil sich dort „intellektuelles Publikum einschleicht“, sondern weil dort eine familiäre Atmosphäre herrscht. Eine Atmosphäre die Wenderoth in seinem Artikel nicht primär beschreibt, die aber unterschwellig durch den gesamten Artikel über die „alte“ Hufelandstraße mitschwingt, der Hufelandstraße  von „heute“ aber fremd geworden ist.

Lese ich, Jahrgang 1964, aufgewachsen in der Hufelandstr. 9 über der Bäckerei Kempe, jetzt wohnhaft in der Nr. 20 über dem „Spreegold“, den GEO-Artikel, „kenne“ ich die Bilder von Zimmermann und die von Wenderoth beschriebenen Personen. Sie sind mir Erinnerung und Teil meiner Biographie und ich bin Zimmermann und Wenderoth dankbar dafür, dass der Fotograf diese Bilder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat und Wenderoth einen solch subtilen Text geschrieben hat.

Viele der aufgenommenen Personen auf den (alten) Fotos sind mir persönlich bekannt, auch mit ihren Geschichten und Biographien. Von den neuen Geschäftsinhabern kann ich das nicht mehr sagen. Können das die „Neuzugezogenen“? Werden sie sich auch so gut kennenlernen, wie wir es damals taten? Oder entsteht dort eine oberflächlichere und neue Qualität der Beziehungen untereinander?

 

Einseitige Bevölkerungsstruktur mit einseitigen Gesprächsthemen

 

Gauck schreibt: „Die Tochter meiner Cousine ist vor ein paar Monaten aus dem Viertel weggezogen, obwohl sie selbst zwei kleine Kinder hat. Die einseitigen Gesprächsthemen vertrug sie ebenso wenig mehr wie die einseitige Bevölkerungsstruktur und deren Selbstgewißheit.“ Sitze ich im Sommer bei mir auf dem Balkon und höre, oftmals ungewollt, die lauten Gespräche der Milchkaffe trinkenden Mütter im Restaurant unter mir, dann erliege ich fast der Versuchung, der Frau Recht zu geben. Es gibt nur ein Thema: das Kind.

Sicher sind nicht alle Mütter so eindimensional, man kann es nicht verallgemeinern, aber leider erlebe ich es nicht selten so. Ich denke aber, dass eines nicht ganz stimmt: Die Bevölkerung ist zwar zum großen Teil ausgetauscht, aber zum Glück doch noch nicht zu 100 Prozent. 

Ein Bekannter, auch Journalist und wohnhaft in der Hufelandstraße, schrieb mir vor einigen Tagen: „Wir leben seit 35 Jahren in unserer Wohnung – und jetzt, angeregt auch durch die schöne GEO-Geschichte, bin ich dabei, meine Gefühle dieser neuen fremden Straße und deren schwäbischen Bewohnern gegenüber zu sortieren. So schlimm sind sie nicht, nur eben anders.“

In diesem Sinne, lieber Herr Dausend, einen guten Rutsch in das Neue Jahr, viele Grüße an Ihre Frau und lassen Sie sich den Milchkaffe schmecken.

Ihr

Hans-Otto Bredendiek

 

 

Autor: Hans-Otto Bredendiek, Jahrgang 1964, ist gelernter Baufacharbeiter, nach abgelegter Reifeprüfung bis 1989 Studium der Theologie. Berufliche Stationen als Polier, Kalkulator und Bauleiter. Seit 2003 Medizinischer Fachangestellter. Interessensgebiete sind Regionalgeschichte Bötzow-Viertel, Uckermärkische Regional-, Siedlungs-, Kultur- und Kirchengeschichte sowie Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Hans-Otto Bredendiek lebt seit seiner Geburt im Bötzow-Viertel. Er ist verheiratet und hat 3 Kinder. 

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