Von Dien Bien Phu bis Thälmann-Park

von Juliane Wiedemeier 3. November 2014

1953 wurde Günter Wehner von Wilhelm Pieck persönlich in die SED gebeten. Später war er Geschichtslehrer, Armeenlenker und Macher des Traditionskabinetts im Ernst-Thälmann-Park. Mit dem Mauerfall kam die Frührente; als Historiker ist er weiter im Dienst.

Gerade schafft man es noch, sich hinzusetzen, da hat man schon das Berliner Telefonbuch von 1941 auf dem Schoß. Erste Auflösungserscheinungen des massiven Werks sind unübersehbar, aber der Reichsadler mit dem Hakenkreuz ist noch gut zu erkennen. Obendrauf schichtet Günter Wehner in kürzester Zeit eine Originalausgabe eines Werks Rosa Luxemburgs, diverse Bände „Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945“ sowie ein „Basiswissen Geschichte“ aus dem Dudenverlag – an den beiden Letzteren war Wehner als Autor beteiligt.

81 Jahre alt ist der Historiker, und er lebt für seinen Job. In seinem Arbeitszimmer in dem Marzahner Neubaublock, in den er 1981 mit seiner Familie zog, sind die Bücher bis zur Decke gestapelt – ein abenteuerliches Konstrukt, von dem er selbst meint, ein Statiker sollte besser nichts davon erfahren. Dazwischen Ordner, Notizen, der Laptop. Mehrmals in der Woche geht Wehner ins Archiv, um weiter zu seinem Thema, dem antifaschistischen Widerstand, zu forschen.

Dass ihm vor 25 Jahren der Staat abhanden gekommen ist, für dessen Aufbau er sein halbes Lebens gearbeitet hat, scheint ihn nicht demotiviert zu haben. 

 

Propaganda mit Thälmann

 

Als die Mauer fiel, war Wehner Leiter des antifaschistischen Traditionskabinetts im Ernst-Thälmann-Park. 1985 hatte er diese Ausstellung konzipiert, die dem damals neu eröffneten Park den ideologischen Unterbau lieferte. Der als KPD-Chef von den Nationalsozialisten ermordete Ernst Thälmann wurde dort, seiner Rolle in der DDR gemäß, als Märtyrer der sozialistischen Idee präsentiert. „Natürlich war das ein Mittel der Propaganda“, meint Wehner. Dass die Ausstellung deswegen Anfang der 1990er Jahre abgebaut wurde, versteht er bis heute nicht.

Auch mit dem bald aus Hamburg aufschlagenden neuen Chef, der ihm vor die Nase gesetzt wurde, kam er schlecht zurecht. 1993 wurde Wehner in den Vorruhestand geschickt. Die Urkunde, die ihm Thomas Flierl als damaliger Leiter des Kulturamtes mit Dank für seine gute Arbeit schrieb, liegt immer noch ganz oben in seinem Schreibtisch.

Ein Mitarbeiter des Bezirks, dem Sozialismus verbunden und von der sozialen Marktwirtschaft in die Rente verschoben, so scheint es. Doch es ist nur nur die Spitze des Eisbergs der Geschichte, von der Günter Wehner als sein Leben erzählt.

 

Wilhelm Pieck am Krankenbett

 

Denn Wehner, nach einer Kindheit in einer feuchten Hochparterrewohnung in der Christburger Straße, nach bombenbedingter Evakuierung nach Ostpreußen, nach einer Flucht nach Sachsen-Anhalt, wo er einen der Todesmärsche aus den Konzentrationslager Buchewald sah, nach einer Ausbildung als Dreher und nach einem Einsatz als Maschinenassistent bei der VEB Fischfang in Sassnitz, die mit einem Unfall und einer Verpflichtung an der Nachrichtenoffiziersschule der Volkspolizei endete. Dieser Wehner berichet, dass er in den Nachwehen des 17. Juni 1953 in Halle von einem Ziegelstein am Kopf getroffen worden sei, was ihm nicht nur einen Schädelbasisbruch, sondern auch eine Reise zu Spezialisten erst nach Berlin, dann nach Moskau eingebracht habe.

Dort sei er dann Anfang August aufgewacht, und an seinem Bett habe niemand Geringeres als Wilhelm Pieck gesessen, damals Präsident der DDR und zur Erholung in Moskau, wie Wehner erzählt. „Na, Genosse, geht’s besser? – Und sag mal, Genosse, warum bist Du nicht in der Partei?“ soll er gefragt haben.

Kurz darauf war Wehner nicht nur Parteigenosse, sondern auch Nachrichtenoffiziersschüler in Moskau – durch seine guten Noten sei er aufgefallen, da habe man ihn seine Ausbildung in der Sowjetunion beenden lassen wollen.

 

Kein KGB, kein MfS, nichts Illegales

 

Ein guter Zeitpunkt, mal zu klären, was Nachrichtenoffiziere eigentlich so tun. „Das ist kein Geheimdienst, ich habe nie fürs MfS oder den KGB gearbeitet, ich habe mich immer ans Gesetz gehalten“, sagt Wehner. Dafür sei er Experte für militärische Logistik gewesen – „Ich bin heute noch in der Lage, Armeen zu Land, zu Wasser und in der Luft zu leiten.“

Sein erster Einsatz folgte bereits 1954 im Indochinakrieg, wo er den Truppen der Viet Minh mit einer Guerillataktik zu einem Sieg über die Franzosen bei Dien Bien Phu verhalf. Im Laufe der Jahre folgten weitere in Ägypten, Algerien und auf Kuba. Ein Vollzeitjob war das allerdings nicht: Offiziell kehrte er nach seinem Aufenthalt in Moskau in die DDR zurück, machte an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät in Greifswald, der Hermann Kant mit seinem Roman „Die Aula“ ein Denkmal setzte, sein Abitur und wurde danach in Henningsdorf Geschichtslehrer. Später arbeitete er am Museum für deutsche Geschichte und der Akademie für Landwirtschaft. Die Ausflüge in das Nachrichtenoffizierswesen liefen nebenher als Geheimmission.

Der Weg von dort in den Ernst-Thälmann-Park führte über eine Degradierung, wie er erzählt. In einer Studie zur Entwicklung der Landwirtschaft war er zu dem Schluss gekommen, dass die Einführung der LPGs ein Fehler war, weil für das Beackern so großer Flächen die Traktoren fehlten. Zudem hatte er herausgefunden, dass sich der starke Anstieg der Fleischproduktion, mit dem sich die DDR rühmte, auf nur 100 Gramm belief. Das wollte niemand hören.

Als Brauchtumspfleger für Ernst Thälmann schien er weniger Unheil anrichten zu können.

 

60 Prozent für die SED – „Das hätte doch gereicht“

 

Als am 9. November die Mauer fiel, lag Wehner gerade nach einer Stimmband-OP im Krankenhaus. „Ich habe schon verstanden, warum die auf die Straße gegangen sind. Erich Honecker hat doch nichts mehr mitbekommen – man hätte vieles ändern müssen“, meint er. Auch die Wiedervereinigung sei die richtige Idee gewesen, da so eine von Anfang an widersinnige Teilung beendet worden sei. Und noch etwas sagt er: „Die Wahlfälschungen, die wären doch gar nicht nötig gewesen. In Prenzlauer Berg haben zuletzt 60 Prozent SED gewählt. Das hätte doch gereicht.“

Vom Ziegelsteinwurf aus dem Juni 1953 ist ihm eine große Narbe auf dem Kopf geblieben, von seiner Arbeit in Prenzlauer Berg eine Urkunde. Die Ausstellung, die er für den Ernst-Thälmann-Park entwarf, wurde abgebaut, weil sie es mit den historischen Fakten nicht so genau nahm.

Aus dem Briefkasten holt er bis heute das Neue Deutschland; seine Bücher wird später einmal ein Archiv übernehmen. In wenigen Wochen wird Günter Wehner 82 Jahre alt. „Die Nachbarn von oben haben gejubelt, als die Mauer fiel. Heute schimpfen sie auf die BRD,“ erzählt er. Wenn man später noch Fragen habe, könne man gerne anrufen. Aber immer nur abends. Sonst sei er im Archiv.

  

Lesen Sie hier weitere Texte aus der Reihe zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.

1. Teil: Tim Eisenlohr verbrachte seine Jugend in der DDR-Opposition, mit 14 wurde er von der Stasi verhaftet. Erst seit Kurzem berichtet er als Zeitzeuge über die damaligen Ereignisse.

2. Teil: Manfred Kristen war zur Wende Polizist in Prenzlauer Berg. Die Grenze der DDR beachtet er bis heute.

3. Teil: Reinhard Fuhrmann saß als „Republikflüchtling“ in Hohenschönhausen. Später wurde er vom Westen freigekauft. Den Mauerfall erlebte er dennoch in Ost-Berlin. 

4. Teil: Holger Kulick brachte als ZDF-Reporter die DDR in die Wohnzimmer in Ost und West. Heute beschäftigt ihn die Aufarbeitung der Stasi-Akten.

Und hier erklären wir, warum es diese Reihe gibt: Warum die Wende in Prenzlauer Berg auch heute noch ein Thema ist, bei dem keineswegs nur Einigkeit herrscht.

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