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Alltag

Flyer Lichtblick eV Duplo

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Missionare locken Kinder mit Schokoriegeln

04.10.2011 | Thomas Trappe | 6 Kommentare

Freikirchler veranstalten auf dem Kollwitzplatz mit Kindern Bibelkunde. Die Eltern wissen nichts davon.

Die Kinder sind äußerst begeistert. Jede Woche gibt es eine andere Leckerei, und einiges an Spielzeug. Inzwischen hat es sich herumgesprochen bei den Grundschülern vom Kollwitzplatz, bei der jüngsten Veranstaltung waren dann auch entsprechend viele da. Nur: Die Eltern finden das wahrscheinlich gar nicht gut. Sie wissen nämlich nichts von den Veranstaltungen, schon gar nicht, dass dort ein freikirchlicher Verein Bibelkunde veranstaltet.

Eine Leserin, Mutter zweier Kinder, wandte sich nun an die Redaktion. Sie bekam vor wenigen Tagen mit, dass ihr neunjähriger Sohn seit neuestem regelmäßig auf dem Kollwitzplatz Kontakt zu Männern und Frauen hat, die dem Lichtblick e.V. angehören, einer nach eigener Auskunft evangelischen Freikirche. Angesprochen wurden die Kinder laut der Mutter auf dem Abenteuerspielplatz, sie bekamen von als Tomaten und Orangen verkleideten Christen Flyer in die Hand gedrückt.

Als der Sohn das Flugblatt mit nach Hause brachte, machte die Ankündigung, dass es jeden Mittwoch halb fünf für Kinder ein Fest mit Bibelgeschichten und Spielzeug gebe, die Mutter hellhörig. Und als sie dann las, dass Teilnehmern auf dem Blatt Schokolade und Spielzeug versprochen wurde, fragte sie beim Sohn nach. Und erfuhr, dass er außerdem gebeten wurde, seine Adresse anzugeben.

 

Alle Kinder wissen Bescheid

 

Die Mutter, sie möchte ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen, findet das „alles sehr suspekt". Auch ein Besuch auf dem Spielplatz brachte ihr keine Beruhigung. Vielmehr erfuhr sie, dass fast alle Spielkameraden ihres Sohnes von den regelmäßigen Bibelstunden und vor allem der Schokoladenquelle wissen. „Aber sämtliche Eltern, mit denen ich gesprochen habe, sind nicht informiert". Die Mutter habe daraufhin die Mitglieder des Lichtblick e.V. zur Rede gestellt. Und erfahren, dass die Namensangaben ja freiwillig seien. „Freiwilligkeit ist aber nun nicht unbedingt ein relevantes Kriterium bei Kindern", meint die Mutter.

Den Grund für die Schokoladenschenkungen erfuhr sie nicht. „Sollte es soziale Gründe geben, würde man nicht am Kollwitzplatz verteilen. Hier gibt es sicher viel, aber keinen Schokoladenmangel." Die Mutter ist sich deshalb sicher: „Da wird missioniert."

Laut der Selbstdarstellung von Lichtblick e.V. richtet sich der Verein vor allem an Kinder aus sozialen Brennpunkten, denen neue Perspektiven eröffnet werden sollen, christliche, wie sich leicht erahnen lässt. Josef Prenninger ist der Vorsitzende des Vereins. Er bestätigt auf Anfrage, dass es Adressabfragen bei den Kindern gibt, betont aber ebenfalls die Freiwilligkeit. Es ginge dabei alleine darum, organisatorische Erleichterungen zu schaffen. Soll heißen: Die Kinder sollen schriftlich von den kommenden Lichtblick-Veranstaltungen informiert werden. „Den Eltern wollen wir damit die zeitliche Koordination erleichtern." Die Schokolade sei im Übrigen ein „kleines Dankeschön für die Kinder".

Prenninger erklärte zudem, dass die regelmäßigen Kinderfeste beim Ordnungsamt angemeldet seien, genauso äußerten sich die Vereinsmitglieder gegenüber der Mutter. Beim Pankower Ordnungsamt hört sich das anders an. Dessen Leiter Wolfram Blaffert sagt, „meines Wissens nach ist nichts dergleichen genehmigt". Er rät der Mutter und anderen besorgten Eltern, sich an das Ordnungsamt zu wenden.

 

Missionierer wie „Pilze aus dem Boden"

 

Die Leserin fand jetzt erst mal woanders Informationen: Bei der Leitstelle für Sektenfragen der Senatsverwaltung für Bildung. Dort gibt die Pressestelle zwar keine offizielle Auskunft - doch die Mutter erhielt per Brief vor wenigen Tagen eine eindeutige Antwort. Am Kollwitzplatz gehe es offensichtlich um Missionierung, das Verfahren erinnere an das anderer evangelikaler Gemeinschaften, schrieb ihr ein Experte. Vor allem im Ostteil der Stadt schössen in letzter Zeit evangelikale Missionierer „wie Pilze aus dem Boden". Grundsätzlich sei  aber das religiöse Werben zulässig.

Die Mutter will sich jetzt umhören, wie die anderen Eltern zu den Aktionen von Lichtblick stehen. Und sich dann gegebenenfalls beim Ordnungsamt beschweren.

 

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Kommentare

1 | Hauptbahnhof | 04. Okt. 2011 13:53

Ich versteh jetzt irgendwie die Aufregung nicht so ganz? Die meisten Geschenke, die Kinder von Fremden bekommen, dienen doch dazu sie in irgendeiner Weise zu "missionieren". Seien es die Luftballons im Wahlkampf oder die Lutscher beim Laden um die Ecke. Was haben die "Christen" den nun für eine gefährliche Propaganda verbreitet, dass die Eltern so in heller Aufregung sind??? Man könnte fast meine Dealer hätte Graits-Joints verteilt ;-) Wenn es den Kindern Spaß macht, was ist daran so schlimm? Hat eine zarte Kinderseele irgendwie Schaden genommen? Ein bisschen Bibelkunde hat noch niemanden geschadet. Und wenns noch nen Duplo für lau gibt, da wäre ich auch dabei! Viel Lärm um nichts. Typisch Prenzlauer-Berg-Eltern!

2 | Herman The German | 04. Okt. 2011 14:13

Es gibt da doch einige Differenzen. Erstens: Beim Wahlkampf und beim Laden stehen die Eltern ja meistens gleich daneben und sehen also, was gerade passiert. Zweitens: Die Luftballons für Kinder dienen natürlich nicht dazu, das Kind zu irgendeiner politischen Ansicht zu bringen (das Kind ist ja noch weit davon entfernt, zu wählen und zwischen Luftballon und Wahlberechtigung liegt die für den Meinungsbildungsprozess eben nicht völlig unwichtige Phase der Pubertät), sondern der Luftballon ist natürlich einfach nur weitergereichte Wahlwerbung, die Kinder, schlimm genug, werden also "nur" instrumentalisiert. Drittens: Der Versuch, Kinder an den Eltern vorbei weltanschaulich zu "missionieren" ist somit ein gänzlich anderes Kaliber - und das ist gerade das unappetitliche der ganzen Sache.

Denn: Man angelt einfach nicht nach Kindern. Kinder sollen zu eigenständigem Denken und zur Entscheidungsbefähigung erzogen werden - damit sie sich auf dieser Grundlage später selbst entscheiden können, was sie für richtig in ihrem Leben erachten. Kinder an den Eltern vorbei mit Süßigkeiten in eine bestimmte religiöse Ecke ziehen zu wollen ist, so gut es auch gemeint sein mag, nichts anderes als niederträchtig.

Weiterhin werden durch solche Manöver natürlich sämtliche berechtigte pädagogische Maßnahmen der Eltern, was den Umgang mit Fremden betrifft, unterwandert: "Lass' Dir von Fremden keine Schokolade anbieten", "Wenn ein Fremder sagt, Du sollst mit ihm mit oder Du sollst Dich irgendwo mit ihm treffen, dann gehst Du nicht mit und sagst Mama und Papa bescheid" sind Lehrsätze, die mir aus meiner eigenen Kindheit in den 80ern noch bestens bekannt sind und natürlich Hand und Fuß haben - jeder Kindesmissbrauch beginnt damit, dass der Täter versucht, Vertrauen und Nähe zum ausgesuchten Opfer zu gewinnen. Und bei Kindern geht dies nun mal am besten über Süßigkeiten oder ähnliche verlockende Angebote. Wohlgemerkt: Den Kinderanglern von den Evangelikalen unterstelle ich solche Absichten nicht. Es werden durch solche Manöver aber faktisch Schwellen übertreten oder zunichte gemacht - eine Situation, die Täter nurmehr auszunutzen brauchen.

Aus beiden Gründen - Kinder werden nicht an den Eltern vorbei für eine Weltanschauung indoktriniert und Kinder werden nicht mit Schokolade zu irgendetwas angelockt - verbietet sich das aktuelle Vorgehen der Evangelikalen völlig. Sie dürfen gerne Kinderfeste feiern und ankündigen - aber über übliche Wege: Mit öffentlichen Aushängen oder mit Postwurfsendungen oder durch gezielte Ansprache der Eltern.

3 | Additiv | 04. Okt. 2011 15:20

Machen wir es mal kurz: Im Wahlkampf sind glaub ich eher die Eltern Ziel des Einsatzes infantiler Mittel. Kinder unabhängig ihrer Eltern abzufangen, egal für was, finde ich doch schon eine mehr als fragwürdige Taktik. Insbesondere bei selbsternannten Moralwächtern. Die Eltern selbst sind hier natürlich auch gefragt. Ausnahmsweise empfinde ich dies nicht als eine besondere "Prenzlauerberg-Eltern" Nummer, sondern einfach nur "Fail".

4 | Max Marx | 05. Okt. 2011 21:20

Wenn die Eltern nur Latte... trinken und sich zur Schau stellen, müssen sich eben die Bibelkundler um die Kinder kümmern. Auf diese Weise lernen die Kinder auch mal das berliner Deutsch.

5 | Maschi | 07. Okt. 2011 14:46

Ich sehe hier eine Spannung zwischen zwei Anliegen:

1. Eigentlich will man nicht, dass die eigenen Kinder im öffentlichen Raum von anderen angesprochen oder zur Teilnahme an irgendeiner Veranstaltung eingeladen werden. Ich würde mich z.B. dagegen verwehren, wenn ein islamischer oder linksextremer Verein auf einem Spielplatz ein "Angebot" für Kinder macht. Auch sollten keine Adressen abgefragt werden, auch nicht auf freiwilliger Basis.

2. Faktisch findet es aber überall im öffentlichen Raum statt, dieses "Ansprechen" der Kinder, sei es durch aggressive Werbung (Tabak, Alkohol, Kino, Gewaltbilder, Nacktbilder, Spielzeug, Verlosungen usw.), Drogendealer, Wahlkampfstände von Extremisten (Linke, NPD), esoterisch veranlagte Lehrer/Trainer, Gruppendruck zur Teilnahme an der atheistischen Jugendweihe usw.

Die Lösung, die ich da am ehesten sehe: Die Eltern müssen sich um ihre Kinder kümmern und mit ihnen reden, sie aufklären und sie zum kritschen Abwägen anleiten. Der Verein Lichtblick tut ja nichts Verbotenes, und die sog. Bibelstunde (wahrscheinlich ist es eher ein kurzer christlicher Input auf Grundschulniveau gewesen, vermute ich mal) ist offensichtlich harmlos, sowas gibt es auch im schulischen Religionsunterricht oder im Konfirmandenunterricht. Da regt man sich wohl an der falschen Stelle auf. Wenn so etwas nicht erlaubt sein soll, dann müsste die Politik konsequent alle Formen der (ideologischen etc.) Beeinflussung von Kindern verbieten. Dann müsste sämtliche Werbung usw. aus der Öffentlichkeit verschwinden, dann wäre auch politischer Wahlkampf im öffentlichen Raum nicht mehr erlaubt. Das ist kaum realisierbar. Ergo: Eltern müssen sich kümmern. Dann bekommen sie auch mit, was läuft, und können eventuell gegensteuern. Ob dieses Gegensteuern der Eltern dann zum Wohl des Kindes ist, bleibt dahingestellt. Ein kleiner christlicher Input schadet aber wohl niemandem, eher im Gegenteil.

6 | flopti | 07. Okt. 2011 18:55

"Ein kleiner christlicher Input schadet aber wohl niemandem, eher im Gegenteil." (maschi)

dann lieber einen kleinen "linksextremisitischen input", wird das kind wenigstens nicht homophob und glaubt an etwas mit vorne g und hinten ott.
aber der kommentator über mir scheint wohl einer dieser von dieser gurkentruppe zu sein.

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