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Wo sollen all die Schüler hin?

von Juliane Schader 26. Mai 2014

An der Schulen im Bezirk wird es eng. Klassen- werden zu Horträumen, es gibt wieder Frontalunterricht, manche lernen auf Baustellen. Ist das Schulplanung oder nur noch Krisenmanagement?


 

Jedes Jahr um diese Zeit, kurz bevor die zukünftigen Erstklässler erfahren, welche Grundschule in Zukunft ihre ist, machen Gerüchte die Runde. In diesem Jahr gebe es nicht genug Plätze für alle, heißt es dann. Die Kinder kämen höchstens noch in einer Schule zwei vierspurige Straßen entfernt unter. Nur in Spandau gebe es noch Kapazitäten. So in der Art.

Auch in diesem Jahr sind die Sorgen wieder unbegründet. „Im Prenzlauer Berg kommen wir in den Grundschulen über die Runden, und mit den Oberschulen auch“, sagt Pankows Schulstadträtin Lioba Zürn-Kastzantowicz (SPD). Doch langsam wird es eng. Mittlerweile werde jede Besenkammer zum Klassenraum umgewidmet, erklärte die Stadträtin unlängst während einer Tagung der Bezirksverordneten.

Der aktuelle Schulentwicklungsplan aus dem vergangenen Jahr rechnet mit einem Drittel mehr Grundschüler bis 2026 und zwei Drittel mehr Oberschüler bis 2030. Allein im Kastanien-, Kollwitz- und Winskiez wurden im vergangenen Jahr 400 Kinder eingeschult. 2018 sollen es 200 mehr sein. Dabei haben Grundschüler – im Gegensatz zu Oberschülern – ein Anrecht drauf, in der eigenen Nachbarschaft zur Schule zu gehen. „Sicher hat der Bezirk es in der Vergangenheit immer geschafft, allen Kindern Schulplätze zur Verfügung zu stellen. Jedes Jahr sind dafür aber kräftigere Klimmzüge nötig“, meint Stefan Blauert.

 

„Pädagogische Entwicklungen werden mit Füßen getreten“

 

Der CDU-Politiker ist nicht nur Vorsitzender des Pankower Schulausschusses, sondern auch selbst Lehrer. Was er erzählt, klingt alarmierend.

Schon jetzt sitzen laut Blauert in manchen Sekundarschul-Klassen 34 Schüler. Grundschüler verbringen den ganzen Tag in einem Raum, der ihnen vormittags als Klassenraum und nachmittags als Hort dient. „Das Musterraumprogramm als Empfehlung, wie viel Platz zur Verfügung stehen sollte, ist längst ausgehebelt“, sagt Blauert. Der Bedarf an Sporthallen werde gerade noch gedeckt. Doch ob der Schulhof groß genug sei, danach frage niemand mehr.

Auch das pädagogische Konzept leidet unter der steigenden Schülerzahl. Denn wenn die Klassen voll und die Räume rar sind, ist nur noch Frontalunterricht möglich. Klassen auch mal aufzuteilen, Gruppenarbeit zu machen, das alles fällt flach. „Alle pädagogischen Entwicklungen werden mit Füßen getreten“, meint Blauert. „Den größten Vorwurf, den ich dem Land als Lehrer mache, ist, dass wir in den letzten Jahren 23 Schulreformen hatten, aber nie gefragt wurde, ob die Gebäude dazu passen.“

 

Vor 15 Jahren wurden noch Schulen geschlossen

 

Dieser Punkt bereitet auch Kathrin Schulz Sorgen. „Schon jetzt fehlen in den Grundschulen Räume für Förderunterricht“, sagt die Vorsitzende des Pankower Bezirkselternausschusses. Hinzu kommt der bauliche Zustand der Gebäude. Über 130 Millionen Euro soll der Sanierungsstau bei Schulen im Bezirk derzeit betragen. Aus Geldmangel können die Mängel aber nur in kleinen Schritten beseitigt werden. „Eine Instandhaltung der Gebäude – mal eine Wand neu streichen – ist gar nicht drin“, sagt Schulz. Werde dann gebaut, erfolge das im laufenden Betrieb. „Das ist laut, und manche Klassen müssen immer wieder umziehen. Das bedeutet Stress.“

Gut 15 Jahre ist es her, da wurden in Prenzlauer Berg noch Schulen geschlossen, weil die Kinderzahlen stark zurückgingen. An der Prenzlauer Allee zogen das Museum Pankow und die Volkshochschule in ein ehemaliges Schulgebäude, im Eliashof an der Senefelderstraße kamen Kultureinrichtungen unter. Zehn Jahre später mussten letztere schnell wieder ausziehen, weil das Gebäude für eine Grundschule benötigt wurde.

Hat der Bezirk seine Schulplanung nicht vorausschauend genug gemacht? Stefan Blauert sieht dort deutliche Versäumnisse.

 

Familien ziehen nicht mehr raus in Grüne

 

„Der Bezirk hatte nicht die Fantasie, sich auszumalen, dass die Leute auch herziehen, wenn man ein Viertel für Milliarden saniert“, meint er. Zu lange sei das Amt davon ausgegangen, dass junge Familien, hätten sie erst Kinder, aus Prenzlauer Berg an den Stadtrand zögen. „Man hätte sich damals Flächen für die nötige Infrastruktur sichern müssen. Nun hängt der Bezirk mehr als ein Jahrzehnt hinterher.“

Die zuständige Schulstadträtin schaue derzeit immer nur auf das laufende Schuljahr, obwohl man langfristig planen müsse, meint Blauert. Allerdings sei dies, so räumt er gleich ein, angesichts des aktuellen Schülerbooms nicht einfach. Trotz dieses Drucks müsse man aber die Übersicht behalten und umsichtig entscheiden. Dass das in Pankow nicht immer der Fall sei, zeige das Beispiel Europa-Schule.

Im vergangenen Herbst war bekannt geworden, dass deren griechischer Zweig zum kommenden Schuljahr nach Steglitz umgesiedelt werden soll, um mehr Platz für neue Grundschüler an der Homerschule zu schaffen, in deren Räumen die griechische Klasse bislang untergebracht ist. Im Laufe der Debatte stellte sich jedoch heraus, dass zwar Räume gebraucht werden. Der Druck ist aber nicht so groß, als dass der Umzug so kurzfristig erfolgen müsste. In der vergangenen Woche wurde er daher um ein Jahr vertagt. „Wir müssen gezielt Prioritäten setzen und nicht wahllos entscheiden“, fordert Blauert.

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Bezirk braucht Unterstützung des Senats

 

Kathrin Schulz vom Bezirkselternausschuss beklagt derweil, dass der Bezirk die Eltern nicht ausführlich genug informiere. Die Lücke füllten Gerüchte, die die Eltern verunsicherten.

Davon abgesehen habe der Bezirk seine Schulplanung aber im Griff, meint Schulz. Sie sieht die Versäumnisse eher beim Senat. „Der Bezirk weiß schon länger, was auf ihn zukommt. Der Senat hat ihm das aber lange nicht geglaubt.“

Tatsächlich wurde in Bezirk und Land lange mit unterschiedlichen Schülerzahlen geplant, wobei der Senat von niedrigeren Werten ausging. Das ist problematisch, weil der Bezirk den Ausbau von Schulplätzen nicht alleine stemmen kann.

Wie viel der Bezirk jedes Jahr für den baulichen Unterhalt seiner Schulen bekommt, das richte sich nach der Anzahl der Gebäude, nicht der Schüler, sagt Jens Metzger, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Finanzen. Erst wenn eine neue Schule geschaffen werde, stiege die Zuweisung entsprechend.

So funktioniert das mit der finanziellen Versorgung im laufenden Haushalt.

 

Der Teufel steckt im Detail

 

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Sondermittel für spezielle Bauvorhaben zu beantragen – zumindest, wenn damit dauerhaft benötigte Schulplätze geschaffen würden, wie Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft erklärt.

So werde derzeit etwa die Sanierung der Tesla-Gemeinschaftsschule, des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums und der Grundschule am Weißen See gefördert. Auch für den geplanten Neubau einer Schule am Pankower Tor sei Geld vorgesehen. Hinzu käme die Finanzierung sogenannter Modularer Ergänzungsbauten, auch schlicht „Container“ genannt. Diese Fertigbauten, die bis zu 50 Jahre Lebensdauer haben sollen, werden derzeit im Norden des Bezirks aufgestellt. Zudem könne der Bezirk auch noch Mittel aus dem Förderprogramm „Stadtumbau Ost“ beantragen, was er etwa bei einer Sekundarschule in Buch auch getan habe, so Stoffers.

Die Frage, ob der Bezirk bei der Schulplanung aus Sicht des Senat derzeit einen guten Job mache, beantwortet sie knapp mit „Ja“.

An Aktivismus mangelt es bei der Schaffung von Schulplätzen derzeit also nicht. Doch im Detail klappt es nicht immer so reibungslos, wie die Aufzählung oben vermuten lässt. Bei der genannten Tesla-Schule etwa stockte die Sanierung, weil plötzlich die Kosten zu hoch erschienen und man dieses Problem nicht schnell genug in den Griff bekam – auch, weil die Abstimmung zwischen Bezirk und Senat nicht gut lief.

Darunter leiden die Schüler.

 

Monate ohne Schulplaner

 

Ein Teil des Problems könnte wieder einmal der Mangel an Personal im Bezirk sein. „Das Schulamt hat für fast 30.000 Schüler und 70 Schulen mit bis zu vier Gebäuden gerade noch 23 nicht unbedingt volle Stellen, von denen nie alle besetzt sind“, erklärt Schulstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz. Zuletzt war ausgerechnet der Posten des Schulplaners mehrere Monate lang vakant.

„Im Kleinen findet man immer einen Weg für einen Schulplatz. Aber derzeit bekommt nur, wer sich lautstark für seine Kinder einsetzt. Ist das gerecht?“, fragt Stefan Blauert. Eine ausgeschlafene Schulplanung sei einfach nicht möglich – von vorausschauenden Planungen für den Umgang mit den Gebäuden nach dem Babyboom ganz zu schweigen.

„Die Schüler sind versorgt, aber nicht gut“, sagt er. „Alle, die Schulpolitik machen, gucken auf den Flughafen.“

 

 

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