Eine Apothekerin im Krisen-Einsatz

von Sarah Schaefer 22. Juli 2019

Karla Schulze sieht es als ihre Aufgabe, ihr Wissen zu nutzen, um anderen zu helfen. Darum engagiert sie sich für Menschen in Not – in Mosambik und in Berlin. Eine famose Frau aus Prenzlauer Berg im Porträt.


Ein paar Tage lang beschäftige „Idai“ die deutschen Medien. Der Zyklon war Mitte März auf die Küste Mosambiks getroffen – mit katastrophalen Auswirkungen auf die Menschen in der Region. Es gab heftige Überschwemmungen, hunderte Menschen starben. Millionen sollen von den Folgen des Wirbelsturms betroffen sein.

In Deutschland sah man die Schreckensbilder im Fernsehen und wandte sich nach ein paar Tagen anderen Nachrichten zu. Wer blieb, waren die Helfer*innen. Eine von ihnen ist Karla Schulze, 34, Apothekerin. Im Mai machte sie sich von Prenzlauer Berg aus auf den Weg nach Mosambik. Sie ist schon länger für Apotheker ohne Grenzen aktiv, doch Mosambik war ihr erster Auslandseinsatz.

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Apothekerin

Malariatest im Camp Injanhou / Foto: Karla Schulze

 

Kampf gegen Malaria

Es sei im ersten Moment schon komisch gewesen, nach dieser Erfahrung wieder in Berlin zu sein, sagt sie bei einem Gespräch ein paar Wochen nach ihrer Rückkehr. Sie sei gut auf den Einsatz vorbereitet worden, aber der Kontrast zum Leben in Deutschland habe sie dennoch bewegt.

Karla Schulze ist in einer Apotheke in Kreuzberg angestellt, den Einsatz in Mosambik leistete sie ehrenamtlich. Zwei Wochen hat sie in der Zeltstadt Inhanjou gearbeitet, einem Ort in der Umgebung der Hafenstadt Beira, die besonders schwer getroffen wurde. Allein in diesem Camp sind über 1000 Menschen untergekommen, die durch den Wirbelsturm ihr Zuhause verloren haben. Die meisten von ihnen leben in einfachen Zelten und schlafen auf dem Boden.

Die größte Gefahr, gegen die Karla Schulze mit den anderen Helfer*innen ankämpfte: Malaria, „und zwar die gefährlichste Form, Malaria tropica“, sagt sie. Denn in dem stehenden Wasser nach der Überschwemmung konnten sich Mücken, die die Krankheit übertragen, rasend schnell vermehren.

 

„Wir haben dieses Privileg, das sollten wir nutzen“

Jeden Tag verbrachte Schulze in in der Zeltstadt, versorgte über 100 Menschen am Tag, darunter viele Kinder. Das medizinische Team testete, ob die Menschen mit Malaria infiziert waren, Karla Schulze und ihre Kollegin, ebenfalls eine Apothekerin, händigten diese Medikamente aus und erklärten den Menschen, wie sie einzunehmen sind.

„Mir ist bei dem Einsatz noch mal klar geworden, wie wichtig der Zugang zu medizinischer Versorgung ist“, sagt sie. In der Region, in der über 30.000 Menschen leben, gebe es zwar ein Gesundheitszentrum, allerdings keine Ärzt*innen – mit Ausnahme der Helfer*innen, die allerdings nicht dauerhaft vor Ort sind. Das nächste Krankenhaus sei zwei Stunden entfernt.

Karla Schulze ist keine Frau, die viele Worte über Engagement verliert, geschweige denn sich damit brüstet. Sie findet einfach, dass es ihre Aufgabe ist, ihr Wissen so einzusetzen, dass sie anderen damit hilft. „Wir haben dieses Privileg, das sollten wir nutzen“, sagt sie.

Apothekerin

Leben im Camp Inhanjou / Foto: Karla Schulze

 

Mitarbeit in Notunterkünften

Dass ihr Beruf sie später mal auf Auslandsmissionen führen würde, war ihr anfangs nicht klar. Für das Studium hat sie sich entschieden, weil es sie reizte, dass die Pharmazie so viele verschiedene wissenschaftliche Disziplinen vereint. In ihrem ersten Job in ihrer Heimatstadt Dresden arbeitete sie in einer Apotheke, die sich auf Medikamente gegen Krebs und für die Palliativbehandlung spezialisiert hat. Das sei oft sehr fordernd gewesen. „Da sieht man viel“, sagt sie.

2014 zog sie nach Berlin, in den Norden Prenzlauer Bergs. Ein Jahr später erlebte sie, wie die vielen Geflüchteten nach Berlin kamen, wie provisorische Unterkünfte entstanden, in denen die Menschen auf engstem Raum ausharrten. Da begann ihr aktives Engagement. In den Notunterkünften in der Winsstraße und in der Wichertstraße unterstützte sie ein Team von Ärzt*innen bei ihrer Arbeit, kümmerte sich darum, dass die richtigen Medikamente angeschafft und angemessen gelagert werden.

 

Entscheidung für Teilzeit-Stelle

Diese Notunterkünfte sind mittlerweile geschlossen. Genug zu tun gibt es aber noch immer. Mit Apotheker ohne Grenzen hilft sie dabei, das Arzneimittellager der Ambulanz der Berliner Stadtmission in der Nähe des Hauptbahnhofs zu organisieren. Außerdem gibt sie Schulungen, in denen sie den Mitarbeiter*innen und Ehrenamtlichen in der Obdachlosenhilfe vermittelt, wie sich sich vor ansteckenden Krankheiten schützen. Und da ist noch Cadus e.V., eine deutsche Hilfsorganisation, die in Krisenregionen Nothilfe leistet. Auch hier ist Karla Schulze aktiv, wenn bislang auch ‚nur‘ vom Schreibtisch in Deutschland aus.

In der Apotheke in Kreuzberg arbeitet sie in Teilzeit – eine bewusste Entscheidung: „Das gibt mir mehr Luft für die Dinge, die ich machen möchte.“ Dass sie damit auf einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens verzichtet, nimmt sie in Kauf: „Solange ich meine Miete zahlen kann, ist mir Geld nicht so wichtig.“ Für den Aufenthalt in Mosambik bekam sie unbezahlten Urlaub. „Ich habe einen guten Chef“, sagt sie und lacht. Sie möchte gern wieder auf einen Auslandseinsatz gehen. Wohin, das ist ihr nicht so wichtig – Hauptsache, ihre Arbeit wird dort gebraucht.

 

Dieses Porträt ist Teil unserer Reihe „Famose Frauen aus Prenzlauer Berg“:  Bislang trafen wir Anja Constance Gaca, Hebamme, Autorin, und vierfache Mutter sowie Petya Lund, Gründerin des eta Verlag Berlin.

 

Großes Bild: Sarah Schaefer

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