„Wir brauchen nicht noch mehr Bienenvölker“

von Sarah Schaefer 5. Juli 2019

Über die hohe Dichte an Honigbienen im Bezirk kann sich Imker Wolfgang Baum nicht so recht freuen. Im Interview erklärt er, warum man mit Bienenhaltung nicht die Umwelt rettet, und wann er dazu rät, sich eine Hummelkönigin anzuschaffen. 


Wer nah dran sein möchte an der Natur, greift gern zur Biene: Das Imkern in der Stadt erfreut sich seit Jahren großer Beliebtheit in Berlin, besonders in Pankow: Auf einen Quadratkilometer kommen hier nach Zahlen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz 23 Bienenvölker. Laut diesen Angaben, für die allerdings Daten aus Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg fehlten, ist Pankow damit Berlins absoluter Spitzenreiter.

Bienenstöcke mitten in der Stadt, auf dem Balkon oder dem Hausdach – alles kein Problem? Nicht ganz, sagt Wolfgang Baum. Er ist Vorstand des Pankower Imkervereins und der Mann, den die Menschen rufen, wenn mal wieder ungewollt ein Bienenschwarm im Bezirk unterwegs ist – so wie neulich in der Kastanienallee.

 

Imkern ist zu einem beliebten Hobby geworden, immer mehr Menschen interessieren sich dafür. Freut Sie das?

Es besteht ein regelrechter Hype ums Imkern. Das kommt vermutlich auch daher, dass in den Medien suggeriert wird: Imker sein, das geht so nebenbei. Ich unterscheide grundsätzlich zwischen Imkern und Bienenhaltern. Vielen Menschen fehlt das notwendige Wissen im Umgang mit den Bienen. Bei den Imkerei-Kursen gibt es deutliche Qualitätsunterschiede, manche Anbieter wollen sich damit eine schnelle Mark verdienen. Sechs Mal zu einem Kurs zu gehen, ist nicht ausreichend, um sich das notwendige Praxiswissen anzueignen. Zum Beruf Imker führt eine dreijährige Lehrausbildung – das zeigt, wie viel Wissen man sich für diese Tätigkeit aneignen muss. Und auch danach sollte man sich immer weiterbilden. Imker zu sein ist eine große Verantwortung.

 

Wolfgang Baum, Foto: privat

Was kann denn schief laufen bei der Bienenhaltung?

Gerade in Prenzlauer Berg halten viele Menschen die Bienen auf Dächern oder Balkonen, also an Orten, wo sie nicht viel Platz haben. Das ist besonders dann ein Problem, wenn Bienen abschwärmen, wie wir es derzeit wieder sehr oft erleben. Da fliegt dann ein Schwarm von 20.000 bis 25.000 Bienen durch die Straßen. Vor wenigen Tagen erst wurde ich zur Kastanienallee gerufen. Dort hatte sich ein Bienenschwarm in einem Dachkasten niedergelassen. Wegen der extrem hohen Temperaturen tropfte der Honig schon aus den Waben.

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Warum fangen Bienen an, zu schwärmen?

Das passiert, wenn ein Volk zu groß wird, dann schwärmt ein Teil aus. Im vergangenen Jahr ist das nur sehr selten vorgekommen, vermutlich, weil die Hitze den Bienen zu schaffen gemacht hat. Dafür geschieht es in diesem Jahr umso häufiger. Ich wurde diesen Sommer schon fast zehnmal in Pankow zu einem Bienenschwarm gerufen. Manchmal kann ich den Schwarm einfangen, aber nicht immer.

 

Passiert es nur unerfahrenen Imker*innen, dass Bienen abschwärmen?

Das kann jedem mal passieren, mir ist es auch schon passiert. Aber wenn ein Teil des Bienenvolks plötzlich abschwärmt, ist das in der Regel ein Zeichen dafür, dass die Bienenhalter die Vorzeichen nicht verstanden haben. Bei den Bienen ist es wichtig, zu beobachten. Sie sagen uns, was wir zu tun haben, nicht umgekehrt. Aber dieses Beobachten können viele Bienenhalter nicht. Und mitten in der Stadt ist das Abschwärmen eben besonders heikel, weil die Menschen schnell Panik bekommen, wenn ein Schwarm sich auf einem Fahrrad oder den Gleisen der Tram niederlässt. So ein Schwarm tut nichts, aber das wissen die Leute oft nicht.

 

Viele Menschen halten Bienen, weil sie etwas gegen das Bienensterben und für den Schutz der Umwelt tun möchten.

Mit Bienenhaltung rette ich die Umwelt nicht. Honigbienen werden betreut und sind, anders als Wildbienen, nicht vom Aussterben bedroht. Wildbienen sind außerdem die besseren Bestäuber. Honigbienen fliegen erst ab 10 Grad, Wildbienen schon bei niedrigeren Temperaturen. Für die Bestäubung der Pflanzen ist das ein wichtiger Unterschied.

 

Das heißt, Sie würden davon abraten, mit der Imkerei anzufangen?

Es muss sich nicht jeder Bienen anschaffen. Wir brauchen nicht noch mehr Bienenvölker. Die Dichte ist jetzt schon sehr hoch, dadurch steigt auch die Krankheitsgefahr bei den Honigbienen.

 

Was würden Sie den Menschen empfehlen, die etwas für den Schutz der Insekten tun möchten?

Man kann schon viel mit der richtigen Balkonbepflanzung erreichen. Auch ein Insektenhotel ist sehr hilfreich. Sinnvoll ist es außerdem, sich für den Erhalt von Kleingartenflächen einzusetzen, da viele Insekten hier ihren Lebensraum haben – vorausgesetzt, die Gärtner gestalten ihre Flächen insektenfreundlich und stechen nicht jedes Unkraut weg. Viele Menschen erzählen mir, dass es ihnen bei der Bienenhaltung gar nicht um den Honig geht. Sie wollen nicht imkern, sie wollen einfach die Bienen in ihrem Garten summen sehen. In diesem Fall rate ich: Schaffen Sie sich eine Hummelkönigin an und sorgen Sie dafür, dass sie einen vernünftigen Nistplatz findet. Hummeln summen auch und sind genauso nett anzusehen wie Honigbienen.

 

Foto: Hans Braxmeier/Pixabay 

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