Kollwitzmarkt Protest

Wann wird man je versteh’n?

von Kristina Auer 1. Januar 2019

JAHRESRÜCKBLICK 2018 – Juni: Ein Mann mit Kippa steht auf dem samstäglichen Kollwitzmarkt, ein Plakat in den Händen. Er sagt, der Falafel-Verkäufer habe ihn antisemitisch beleidigt. Der findet den Vorwurf absurd: Er habe nur „Falafel aus Palästina“gerufen.


ARTIKEL vom 26. Juni 2018:

Anmerkung: Der eine oder die andere, die am Samstag auf dem Kollwitzmarkt einkaufte, wird gestutzt haben: Da stand ein Mann mit einem Plakat und demonstrierte – gegen angebliche antisemitische Beleidigungen. Ich wollte herausfinden, was dort vorgefallen ist. Die Recherche hat mich allerdings ratlos zurückgelassen und ich kann unmöglich feststellen, wer hier die Wahrheit sagt und wer vielleicht nicht. Frei nach Bob Dylan: The answer is blowing in the wind. Schließlich habe ich mich entschieden, die Geschichte trotzdem aufzuschreiben. Damit Ihr wisst, worum es geht, wenn sich das Bild beim nächsten Marktbesuch wiederholt. Und um zu zeigen, wie komplex und uneindeutig der Konflikt ist.

„Ich will, dass die Deutschen Bescheid wissen“, sagt Ze’ev Avrahami und klingt aufgebracht am Telefon. „Niemand soll später sagen können: Wir haben ja nichts gewusst.“ Deshalb hat sich Avrahami am letzten Samstag mit einem blauen Plakat in den Händen auf den Kollwitzplatz gestellt. Darauf zu lesen die Frage: Können Juden hier noch in Ruhe und Frieden einkaufen?

 

„Das darf nicht passieren“

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Avrahami zufolge ist folgendes passiert: Jeden Samstag gehe er auf dem Kollwitzmarkt Blumen für seine Frau kaufen, weil Sabbat ist trage er dabei seine Kippa. Immer wieder seien er und andere jüdische Marktbesucher vom palästinensischen Inhaber des Falafel-Stands beleidigt worden: „Dreckige Juden“, „ihr habt Blut an Euren Händen“, soll der gesagt haben. „Ich will nicht, dass er rausfliegt, ich will auch nicht sein Geschäft ruinieren“, sagt Avrahami. Aber die Beleidigungen müssten aufhören. „Das darf einfach nicht sein.“

 

„Sie wollen mich vertreiben“

„Ich habe diesen Mann seit Jahren nicht mehr gesehen“, sagt Mohammed Abdelmuhdi, „ich verstehe nicht, was er von mir will.“ Alles was er gesagt habe sei, er verkaufe Falafel aus Palästina, das würde einigen vielleicht nicht gefallen, „aber das ist doch keine Beleidigung! Die anderen schreien auch Erdbeeren aus Deutschland.“  Die Empörung bricht auch hier durch den Telefonhörer, Abdelmuhdi ist gar nicht mehr zu stoppen. Er stehe hier seit 18 Jahren auf dem Markt, er behandele alle gleich, ob Juden, Christen oder Muslime, er habe selber auch jüdische und christliche Vorfahren. Seit Samstag seien die Vorwürfe gegen ihn auch in verschiedenen Facebook-Gruppen geteilt worden. „Das ist so schlimm für mich, ich ertrage das nicht“, sagt Abdelmuhdi. Als er Avrahami mit seinem Plakat dort habe stehen sehen, habe er kaum weiterarbeiten können, so sehr habe es ihn getroffen. Man wolle ihn hier vertreiben, weil er Palästinenser sei und für eine Zwei-Staaten Lösung.

 

„Wenn das stimmt, muss er ihn anzeigen“

Avrahami hat sich beim Marktleiter, Herr Strube, über die Beleidigungen beschwert, sagt er. Der habe aber nichts unternommen. Für ihn ist die Erfahrung auf dem Kollwitzmarkt ein Anzeichen einer zunehmend antisemitischen Atmosphäre. „Wenn Ihr das zulasst, dann kann sich alles wiederholen, was hier vor 80 Jahren passiert ist“, sagt Avrahami.

Ratlosigkeit bei Marktleiter Philipp Strube: „Ich kenne den Mann nicht, er hat sich auch nie bei mir beschwert.“ Vor einigen Wochen habe er mal einen Anruf bekommen, dass jüdische Mitbürger sich von Abdelmuhdis Stand beleidigt fühlten. Da habe er ihn darum gebeten, den Gaza-Konflikt nicht auf dem Kollwitzmarkt auszutragen. Abdelmuhdi habe aber versichert, er habe niemanden beleidigt. „Ich bin ja immer auf Dritte angewiesen, ich selber habe nie etwas in der Richtung gehört.“

 

„Ich lasse mich nicht als Antisemit hinstellen“

Als Avrahami am Samstag mit seinem Plakat dort stand, sei Strube zu ihm gegangen und habe versucht, zu vermitteln. „Ich habe ihm gesagt, dass er ihn anzeigen muss, wenn er beleidigt worden ist. Er wollte aber nicht mit mir reden“, sagt der Marktleiter. Anschließend habe Avrahami zu Strubes Frau gesagt, er wolle auch nicht mit ihr reden, weil sie keine Jüdin sei.

Er vermute, dass es ein persönlicher Streit zwischen den beiden Männern sei, sagt Strube. Weil er nicht weiterkam, habe er die Polizei gerufen, damit die vermitteln könne. „Aber ich lasse mich nicht als Antisemit hinstellen, und es ist mir auch nicht egal, was auf meinem Markt passiert“. Als die Polizei kam, und ebenfalls das vermittelnde Gespräch suchte, sei Avrahami gegangen.

Avrahami will ab jetzt jeden Samstag auf dem Kollwitzmarkt demonstrieren. Es gehe ihm in erster Linie darum, Bewusstsein zu schaffen: „Die Gesellschaft darf das nicht zulassen“, sagt Avrahami. „Ich habe niemandem etwas getan, ich lasse mich nicht unterdrücken“, sagt Abdelmuhdi. „Dann ruf ich halt wieder die Polizei“, sagt Strube. Seine Stimme klingt ruhig und immer noch ein wenig ratlos.

 

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